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Snowden, Heidi Klum & Flirtanleitung

Bewegt der Papst auch Frauen?, Dr. Sommer wird gekündigt, Snowden nach Deutschland, Sternenflottenkapitäninnen, Reverse Graffity, vietnamesisch-südkoreanische Heiratsvermittlungen, Bundesverfassungsschutz verletzt Urheberrechte, Napuli Langa, sexuelle und andere Vielfalt, Post-#aufschrei -Flirtanleitung, Heidi Klum und Cultural Appropriation, erzwungener Wohnungswechsel wegen 1,78€, Frauenleben in Indien, geplantes Prostitutionsgesetz und Flüchtlinge als politisches Wahlkampfkalkül.

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Die Heiratsvermittlung zwischen perspektivlosen, armen Frauen aus Vietnam und südkoreanischen Männern boomt, denn bei letzteren scheinen gebärwillige Ehefrauen Mangelware zu sein:

Die Koreaner importieren aus Vietnam nicht mehr nur Textilien und Handyteile, sondern auch junge Frauen. Die südkoreanische Regierung bietet den Vietnamesinnen kostenlose Sprachkurse und Berufsausbildungen an, zum Beispiel zur Friseurin oder Kosmetikerin. Sie verschenkt Flugtickets, damit die Frauen regelmäßig ihre Familien in Vietnam besuchen können.

Inzwischen leben bereits 50.000 vietnamesische Heiratsmigrantinnen in Südkorea. Jedes Jahr kommen Tausende hinzu. Für vietnamesische Frauen ist es eine Karriere, einen Koreaner zu heiraten.

Vietnam ist ein junges Land. Das Durchschnittsalter liegt bei 28,7 Jahren, auf den Straßen sind viele Kinder und Jugendliche zu sehen. Vietnamesische Frauen haben kein Problem damit, mehr als nur ein Kind zu bekommen.

Interessant und vor allem auch entlarvend sind die Kommentare im Forum darunter, die erstaunlich viel über die Welt/Frauen/Menschensicht der Verfasser_innen erzählt…

…und mit diesen Kommentaren im Hinterkopf zu einer ähnlich verfahrenen Situation nach Indien schaut, wo horrende Mitgiften Frauenmangel verursachen – und auch hier beginnt ein Trend, sich Ehefrauen aus den ärmeren Regionen „zu kaufen“.

Moderne Ultraschallgeräte sind heute nur noch so groß wie Smartphones. Solche Modelle werden im großen Stil aus China nach Indien geschmuggelt. 42 solcher Apparate hat die Polizei in Haryana allein im Februar beschlagnahmt, drei Abtreibungsärzte wurden verhaftet. „Der Flut von billigen Geräten wird man nicht Herr werden“, sagt Garg, der sich Sorgen wegen der langfristigen sozialen Folgen des Mädchenmangels in Indien macht. „In einigen Jahren wird der Mangel an Bräuten richtig spürbar werden.“ Schon jetzt sei der Verkauf von Bräuten von ärmeren in reichere Regionen Indiens ein ernstes Problem.

Garg hat einen Vorschlag, wie man der Abtreibung der weiblichen Föten beikommen kann. „Anstatt die Geschlechtsbestimmung von Föten zu verbieten, muss man sie in ganz Indien obligatorisch machen“, sagt er. Die meisten Schwangeren seien über das nationale Gesundheitssystem registriert. Wenn sie Rechenschaft darüber ablegen müssten, was aus ihren im Uterus heranreifenden Töchtern geworden ist, könnte das die Schwangerschaftsabbrüche stoppen. „Letztlich wird aber nur ein Umdenken und ein Bruch mit der Tradition Abhilfe schaffen“, sagt Garg.

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In der Prostitution sollen zukünftig Flatrate-Angebote gestrichen werden und alle Huren sich anmelden müssen (was gerade Zwangsprostituierten mit illegalisiertem Migrationshintergrund gaaaanz arg helfen dürfte…):

Männer können demnächst die Frau, die sie für Sex bezahlen, nach der Anmeldekarte fragen. Kann sie die vorweisen, dürfte es sich kaum um eine Zwangsprostituierte handeln.

Darüber hinaus sollen Prostitutionsstätten – Bordelle und Privatwohnungen – nach dem Willen von CDU und CSU einer „ordnungsbehördlichen Erlaubnispflicht“ unterliegen. Oder anders ausgedrückt: Ohne Schein kein Sexverkauf.

Vorgesehen ist ebenso, dass die Polizei und andere Behörden „verdachtsunabhängig“ Prostitutionsstätten betreten dürfen. Razzien sollen künftig also jederzeit und ohne Ankündigung möglich sein. Außerdem sollen sich Prostituierte regelmäßig gesundheitlich untersuchen lassen, Flatrate-Sex soll verboten werden. Auch soll eine Altersgrenze für SexarbeiterInnen eingeführt werden, sie dürfen künfitg nicht jünger als 21 Jahre sein.

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Die Sexarbeiter_innen sind, wie zu erwarten war, nicht so begeistert von diesen Ideen:

„Die Forderung der Union nach Gesundheitsuntersuchungen für Prostituierte“, sagt Gesine Agena, frauenpolitische Sprecherin der Grünen, „klingen eher nach Repression und Datensammlung, statt das Wohl der Frauen in den Mittelpunkt zu stellen.“

Auch die SexarbeiterInnen selbst befürchten weitere Repression und Kontrolle. „Die Kondompflicht in Bayern ist eine Katastrophe“, sagt Undine de Rivière, Sprecherin des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen. Die Polizei käme mit Dietrich in den laufenden Betrieb und hole die Frauen zur Kontrolle raus. „Das sind menschenunwürdige Umstände.“

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Georg Diez hat genug vom Eiertanz um die NSA
und will endlich Snowden einfliegen lassen:

Noch mal zur Erinnerung: Edward Snowden und Edward Snowden allein ist es zu verdanken, dass die Welt von den Überwachungsaktivitäten der NSA erfahren hat, seine Enthüllungen haben ihn die Freiheit gekostet und der Öffentlichkeit klargemacht, wie sehr die Freiheit generell bedroht ist.

Es ist logisch, dass man mit ihm, dem Whistleblower, dem Helden, der zentralen Figur in dieser Affäre spricht – es sei denn, man ist Abgeordneter einer der beiden großen Demokratieverhinderungsparteien.

Dann spricht man lieber von der Profilierungssucht einzelner Ausschussmitglieder, weil das eben der eitle, kleine Horizont ist, den man für die Welt hält. Dann tritt man als Ausschussvorsitzender gleich zu Beginn des Ausschussverfahrens zurück, weil man nicht will, dass Snowden, der Grund, warum es diesen Ausschuss überhaupt gibt, als Zeuge gehört wird.

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Sein Kolumnen-Kollege Jakob Augstein hat nichts weniger wichtiges zu sagen, wenn er darauf hinweist, wie rechte Politiker_innen die Flüchtlingssituation in der EU zu Wahlkampfzwecken mißbrauchen:

Jetzt beginnt man zu ahnen, dass es viele waren, die im Meer ertranken. Der neue SPIEGEL berichtet, dass die Italiener seit Jahresbeginn 18.000 Menschen von ihren Seelenverkäufern holten – tausend waren es nur ein Jahr zuvor. Bei den Flüchtenden verbreitet sich das Gerücht, dass die Chancen auf Überfahrt bei lebendigem Leib steigen. Das lässt die Zahlen noch weiter steigen. Es sollen 300.000, vielleicht 600.000 Menschen allein an den Küsten Libyens warten und nach Norden blicken.

Die Flüchtlingsfrage provoziert die Extreme

Und dahinter warten noch viel mehr. Was machen wir mit all diesen Menschen? Die Frage provoziert die Extreme. Auf der einen Seite steht Bernd Lucke von der rechtspopulistischen AfD, der die Flüchtlinge am liebsten irgendwo in Afrika – sagen wir – konzentrieren will (Lucke: „Nein, keine Lager.“) Lucke möchte ein paar Afrikaner dafür bezahlen, auf viele andere Afrikaner aufzupassen. Historisch wäre dies ein Gegenstück zur Strategie der Weißen in der Bucht von Benin, die es den schwarzen Sklavenhändlern seinerzeit überließen, die Beute aus dem Inland heranzuschaffen.

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Auch, wenn der neue Papst gerade bei Frauen viel Hoffnung auf Reformen weckte, darf man nicht vergessen, daß katholische Mühlen laaaaangsam mahlen. Aber dennoch, es bewegt sich etwas – wenn auch nicht so, wie vermutet; sind es doch gerade die Schäfchen, die dem Oberhirten eine neue Idee von Kirche vermitteln:

In dem Interview sprach [Papst Franziskus] sich auch für eine starke Rolle der Frau in der Kirche aus. „Die Räume für eine entscheidende weibliche Präsenz in der Kirche müssen weiter werden“, sagte Franziskus. Allerdings fürchte er sich vor einer „Männlichkeit im Rock“, Frauen hätten „eine andere Struktur“ als Männer. Die Kirche stehe vor der Herausforderung, über den spezifischen Platz der Frau nachzudenken, und zwar „gerade auch dort, wo in den verschiedenen Bereichen der Kirche Autorität ausgeübt wird“.

Just eine Österreicherin stellte ihn dann öffentlich auf die Probe. Bei der Vollversammlung des Dachverbandes der Oberinnen der Frauenorden wagte Martha Zechmeister den Aufstand. Die Ordensschwester der „Congregation Jesu“ und Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Passau stellte die These auf, im Dienst an den Armen seien Schwestern nur Gott gegenüber zu Gehorsam verpflichtet, nicht aber gegenüber der Kirche.

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Ruth Hopkins, bisher Heidi Klum-Fan, kritisiert scharf ein Fotoshooting, in dem Frauen als „Indianer“ gestylt wurden – das klassische Cultural Appropriation-Ding:

What’s particularly disconcerting about this act of appropriation is Heidi Klum should know better. For that reason I can only deduce that this act is not due to ignorance. It’s a blatant attempt to profit from white privilege. Like the GAP, Victoria’s Secret, Chanel and Ralph Lauren, Heidi is taking the low road and using Native appropriation to get attention, and she doesn’t care who she hurts in the process.

As a Native woman, I’m tired of being bombarded with negative, false imagery of who society thinks I am. For once I’d like to enjoy a fashion show, a music video, a football game or a photo spread without being singled out because of my race. It’s not just offensive, it’s discriminatory and just plain rude.

Normally this is where I ask Ms. Klum for an apology, but because this act of appropriation is so willful, any apology would ring hollow. Like many Natives, I’m tired of lip service.

Auf wiedersehen, Heidi. This is where I get off. Shame on you.

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Nicht mal der Bundesverfassungsschutz hält sich noch ans Urheberrecht:

Gut anderthalb Seiten widmet man Feine Sahne Fischfilet, das ist ungefähr so viel Platz, wie im Bericht alle Nazi-Bands des Bundeslandes zusammen einnehmen. Man kann das fast lustig finden, geschadet hat es der Reputation der bekennenden linken Band jedenfalls nicht, den Verkäufen von Platten und Konzerttickets schon gar nicht.

Nicht lustig findet das allerdings Sebastian Pohle. Er ist der Fotograf des offiziellen Pressebildes, mit dem der Verfassungsschutz seine – man kann sicher sagen: etwas unverhältnismäßige – Berichterstattung illustriert hat. Ob es als „Illustration“ dient, und wie lax der Verfassungsschutz Quellenangaben gestalten kann, darüber entschied nun das Landgericht Berlin.

Der Paragraf 45 sei für Fahndungsfotos von Axtmördern gedacht, argumentierte Pohles Anwalt. Der Verfassungsschutzbericht sei kein Instrument zur konkreten Gefahrenabwehr, das Bandfoto diene nur der Verschönerung des Berichts. Nicht jedoch, um – das gab die Verteidigung allen Ernstes zum Besten – Eltern zu ermöglichen, die Jugendzimmer-Poster ihrer Sprösslinge auf Verfassungskonformität zu prüfen.

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Von der „Bravo“ kann man ja halten, was man will – aber zumindest Dr. Sommer konnte etwas Sinnvolles zu dem Blättchen beitragen. Genau dieser Teil wird nun gestrichen:

Gekürzt wird damit ausgerechnet in dem Ressort, das immer wichtiger wird. Sicher, wer nackte Menschen sehen will, muss als Teenie heute nicht mehr auf die Fotostrecken in der „Bravo“ warten. Er holt sie sich mit zwei, drei Klicks auf den Bildschirm. Doch die Fragen, was „normal“ ist und was nicht, was man mitmachen muss und wo man „nein“ sagen darf, werden gerade in Zeiten von YouPorn und Sexting nur noch größer. Hinzu kommt: Dr. Sommer, 1969 von dem Psychotherapeuten Martin Goldstein als Pseudonym erfunden, ist das einzige Alleinstellungsmerkmal, das der „Bravo“ überhaupt noch geblieben ist.

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Baden-Württemberg findet einen Kompromiß
bezüglich sexueller – und nun auch anderer Vielfalt:

Das ist wirklich viel wert als Fortschritt – denn bislang galt Heterosexuelles als Ziel aller schulischen Pädagogik: Das Brett konnte ziemlich kräftig gebohrt werden. Denn offenbar ist sehr vielen sexuell andersgeschlechtlich orientierten Menschen die Idee nicht auszutreiben, dass sie eigentlicher, besser, naturnaher, jesusverwandter sind als Menschen, die das eigene Geschlecht sexuell bevorzugen, jedenfalls nicht in die Fahrwasser des klassischen Mutti-Vati-Musters geraten wollen.

Was man aber vermissen darf, aller leisen, sachten Bretterbearbeitung zum Trotz: Dass man sich über diese Christen erzürnt. Dass man ihnen auch laut sagt, dass ihre Fantasie vom Christentum gottlos ist und fern aller Nachfolge Jesu Christi. Weshalb ist selbst der Bischof nicht voller Zorn eingeschritten wider die Pharisäer, die, im Sinne der biblischen Logik, Gotteslästerliches tun?

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Beim Jobcenter Segeberg braucht es scheints keine 2€ Miete zu viel, damit man die Wohnung wechseln muß:

Wenn es nicht so traurig wäre, man müsste lachen: Eine Umzugsaufforderung wegen 1,78 €. Genau für Fälle wie diesen hat der Gesetzgeber in weiser Voraussicht in das Gesetz geschrieben: “Eine Absenkung der nach Satz 1 unangemessenen Aufwendungen muss nicht gefordert werden, wenn diese unter Berücksichtigung der bei einem Wohnungswechsel [Anm.: vom Jobcenter und damit dem Steuerzahler] zu erbringenden Leistungen unwirtschaftlich wäre” (§ 22 Abs. 1 Satz 4 SGB II). Was aber kann unwirtschaftlicher sein als ein Umzug wegen einer Ersparnis von 1,78 € im Monat?

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Für die armen Männer, die nach #aufschrei nicht mehr wissen, wie oder ob man noch flirten darf, gibt’s hier Hilfe:

Eine wichtige Nachricht für alle, die sich mit der Unterscheidung von Flirt und sexueller Belästigung bisher schwer taten, bringt der „Guardian“ in seiner Online-Ausgabe: Flirten ist nicht gleich Belästigen. Für jene, die sich mit der Trennung der beiden Sphären bisweilen schwer tun, hat Autorin Laura Bates einen Leitfaden verfasst.

So heißt eine Frage in ihrer Checklist: „Könnte die Art und Weise, in der ich mich anzunähern versuche, die Person verängstigen oder erschrecken?“. Weitere Punkte sind: „Hat die Person mit bereits klar gemacht, dass sie an meinen Annäherungen kein Interesse hat?“, „Macht die Geschwindigkeit, in der mein Fahrzeug sich bewegt, jede Antwort unmöglich?“, „Ist diese ‚Annäherung‘ in Wahrheit nur eine gebrüllte und ungebetene Bewertung von Attraktivität/Körper/Genitalien dieser Person?“, „Macht der Kontext dieser Situation (z.B. ein Bewerbungsgespräch) direkte Annäherung beleidigend oder unangemessen?“ und schließlich: „Bin ich, angesichts aller dieser Punkte, einfach nur ‚a bit of a dick‘“?

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Napuli Langa
ist nun von der Platane heruntergekommen:

Monatelang hatte Integrationssenatorin Kolat zwischen Flüchtlingen und Senat vermittelt und eine Vereinbarung ausgehandelt. Die Stadt versprach Unterkunft und Einzelfallprüfung – im Gegenzug sollten die Flüchtlinge das Protestcamp freiwillig räumen. Nicht alle stimmten dieser Vereinbarung zu. Darunter Napuli Langa. Während andere Flüchtlinge mithalfen, das Camp niederzureißen, kletterte sie mit ein paar anderen auf einen Baum. Schon bald war sie dort allein.

„Napuli ist eine zentrale Figur des Protestes“, sagt Aslı Özarslan. Die Filmemacherin hat die Aktivistin vier Monate lang begleitet, in zwei Wochen kommt ihre Doku Insel 36 in die Kinos. Alle Flüchtlinge im Camp seien mit ihren Problemen zu Napuli Langa gekommen, sagt Özarslan. An diesem Samstagabend ist Özarslan zum Oranienplatz gekommen, um zu sehen, wie es der Protagonistin ihres Films geht. Sie muss feststellen – nicht gut.

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Die Stadt Köln sieht in Reverse Graffity (d.h. in verdreckte Flächen Dinge „einputzen“) ein anzeigenswertes Problem – darauf ein offener Brief der Grünen Jugend:

wie wir aus Medienberichten erfahren haben, gibt es den Plan, sogennte “Reversegraffiti” zur Anzeige zu bringen, da durch das gezielte Reinigen von öffentlichen Flächen Kosten enstehen, weil der Rest der Fläche hinterher ebenfalls gereinigt werden muss. Dazu stellen wir uns einige Fragen, um deren Beantwortung wir bitten:

1. Ist das private Säubern von Flächen Ihrer Meinung strafbar? Wann werden Einwohner*innen der Stadt Köln darüber informiert, dass sie ihre eigenen Wohnungen nicht mehr säubern dürfen?

2. Wann möchte die Verwaltung endlich Rußpartikel und deren Erzeuger*innen sanktionieren?

3. Ist die Verwaltung der Meinung, dass städtische Straßenreinigung durch ihre Maßnahmen zur städtischen Sauberkeit Kosten entstehen lässt, da die anderen Flächen hinterher dann ebenfalls sauber gemacht werden müssen?

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Und last but not less cool: eine visuelle Auflistung aller weiblichen Sternenflottenkapitänen, bishin zu unser aller liebsten:
Cpt. Favourite
<3

3-/4-/5-gliedrige Inklusion! Für alle!

Anfangs gleich ein Outing: ich bin Fan des dreigliedrigen Schulsystems. So, jetzt haut mich.

Damit meine ich allerdings nicht „3 getrennte Schulen“ mit verschiedenen Gebäuden, verschiedenen Klassen, verschiedenem Ansehen, verschiedener Förderung.
Sondern die zugrundeliegende Idee, die inzwischen längst verkümmert ist, bevor sie wachsen konnte: grob gesagt, die Aufteilung in handwerklich/verwaltungstechnisch/akademisch orientierter Bildung. Die Kinder in ebenjenem Talentbereich fördern, der dem jeweiligen Individuum angemessen ist, bzw. wo Interesse und Begeisterung vorhanden ist.

„Dreigliedriges Schulsystem“ – das ist sowieso Heuchelei pur, mal ehrlich.
Gymnasium, Realschule, Hauptschule. Drei. Ach ja, und dann noch die Unaussprechlichen, die nicht zählen, mal wieder wer, der „mitgemeint“ ist. Die kommen dann in die Sonderschule. Halt, moment – Förderschule sagt man jetzt. Das alte Wort klang doch zu sehr nach „aussondern“ (Nachtigall, Dein Trapsen war zu laut). „Förderschule“ klingt in der Tat wesentlich besser (das Vögelchen trampelt jetzt leiser).

Aber auch das impliziert, daß nur eine bestimmte Gruppe so schwach/behindert/behindernd/wtf/whatev ist, daß sie getrennt gefördert werden muß (und: es vermittelt den vermeintlich Stärkeren auch, daß sie evtl. nicht/weniger gefördert werden, sondern das selber wuppen müssen, notfalls Privatnachhilfe. Man sieht ja, was mit Leuten geschieht, die nicht ins System passen, da wirste dann aus dem Klassenverband aussortiert. Wertevermittlung deluxe also, und pädagogisch bestimmt wertvoll für eine unbeschwerte Kindheit und so…) Und auch ob, bzw. inwiefern die Änderung der Bezeichnung sowieso nur Deko fürs PC-Gewissen ist. Worte sind wichtig, aber unsere Lebenswelt besteht nunmal aus mehr. Lippenbekenntnisse allein haben noch in den allerseltensten Fällen was verändert, also ich tät mich ja nicht darauf allein verlassen.
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-prostitution- Maria spricht

Das Warten hat ein Ende: jetzt der dritte Teil über Prostitution; nach Anjas Protokoll kommt hier nun Maria1 zu Wort.
Sie erzählt von wesentlich weniger privilegierten Umständen – und möchte hauptsächlich, daß ihr keine Steine in den Weg gelegt werden.

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Im von Lady Frieda Harris gemalten Crowley-Tarot prangt auf der Karte „Lust“ die „Hure Babylon“.

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Protokoll Maria, Feb./März 2014

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Seit fast 20 Jahren arbeite ich nun immer wieder auf dem Strich. Aber nicht immer, nicht die ganze Zeit. Aber es ist mein Beruf. Was ich am meisten tue, wo mein Geld eigentlich herkommt.
Ich hatte nicht so viel Glück wie Anja, so eigenständig zu arbeiten, nicht von Anfang an. Ganz typisch ist, daß ich aus Polen stamme und wegen der Prostitution nach Deutschland gekommen bin.

Ich wußte schon in Polen, um was es ging. So dumm bin ich nicht! Das wissen die meisten Frauen, die sind auch nicht blöd. Manche sind naiv, das gibt es, aber wer als Haushaltshilfe oder so nach Deutschland will, hat da andere Netzwerke und Bekannte. Diese sind bekannt und besser organisiert, das ist ja üblich, daß polnische Frauen in Deutschland alles mögliche arbeiten.

So war das bei mir zumindest, ich weiß nicht, ob das überall so ist. Und bestimmt gibt es darunter auch Betrüger!! Laut sagen tut man es nicht, keine der Frauen redet über Sex!
Meinen Eltern erzählte ich auch, ich sei Kindermädchen. Sie hätten mich sonst wohl gesteinigt, auch wenn meine Mutter selbst nur mit meinem Vater schlief, weil er für ein Dach über dem Kopf sorgte. Ganz zu schweigen von anderen Problemen: wenn es rauskommt, beschimpft man die Eltern und hilft ihnen nicht mehr. Als Kind hatten wir Nachbarn, die lieber bitterarm lebten als das Geld ihrer Tochter anzunehmen, die nach Russland ging. Weil es hieß, sie sei Hure. Ob es so war, weiß ich nicht, aber die Frauen schweigen deshalb, auch voreinander. Das ist im Blut irgendwann.2

Auch bei der Polizei, dort sowieso. Wird man doch mal erwischt, dann ist man immer offiziell unter Zwang, sonst behandeln die einen umso schlimmer und es hilft einem dann auch keiner.
Und ist es nicht egal? So oft, wie wir übers Ohr gehauen werden, von Anfang an (versucht wird es ja immer), und da sind immer Zwänge, die man nicht mag und die wirklich schlimmer sind, aber nichts mit Sex zu tun haben und für die die Polizei kein Verständnis hat.
Aber die wissen doch auch, daß die Frauen den Mund halten, sie brauchen ihre Sexkunden, die müssen wiederkommen und das tun sie nicht, wenn man was verrät. Den Mund halten, das können die Frauen und müssen sie, sonst geht das alles nicht. Die Kunden können sehr nett sein, aber die Polizei hilft einem eigentich nie weiter. Da ist doch klar, daß man mit denen nicht zusammenarbeitet, wenn das nur Nachteile hat!

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-prostitution- Anja spricht

Wie vor kurzem angekündigt, hier das Protokoll von Anja1, die eine Zeit lang ihr Geld als Escort und anderer Sexarbeit verdient hat. Hier äußert sie sich zur Prostitutionsdebatte und benennt Respekt und Transparenz als die wichtigsten Ziele.

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Prostitution in Pompeji, Wandgemälde

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(Protokoll Anja, Feb. 2014)

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Hallo, ich bin die „Anja“2, 33 Jahre alt, nichttraumatisiert, meine Kindheit war glücklich, entjungfert wurde ich erst anfang 20, Mißbrauch kenne ich nicht und meine Eltern sind auch keine Hippies oder so. Damit sind die gängigsten Vorurteile hoffentlich ausgeräumt.

Ich würde mich als bisexuell bezeichnen, obwohl diese Schubladen ja immer so ne Sache sind… denn im romantischen Sinne fühle ich mich nur zu Frauen hingezogen.
Ich verliebe mich aber sehr selten – bisher erst vier Mal (also ich finde, das ist wenig).
Sex habe ich ja aber trotzdem gern! Und wenn ich mich nur alle paar Jahre mal verliebe, ja dann werd ich bestimmt nicht abstinent und frustriert bleiben, bis die Traumprinzessin mal ums Eck kommt!

Unter anderem deswegen hatte ich mich mal auf einer recht expliziten „Dating-Seite“, sag ich jetzt mal, angemeldet. Abgesehen von dem „Ey Babe willste ficken?“-Spam fand ich es ganz nett dort: man weiß von vorneherein, welche Interessen bestehen oder bestünden, ob wer Single ist oder nicht, auf was wer steht (es hat Vorteile, das alles im Voraus zu wissen!), ich kann unbefangener agieren als in einem Gespräch in einer Bar,… und die 3-4 Treffen, die ich anfangs hatte (manche tauchten auch einfach nicht auf, vielleicht Fakes? Oder sie trauten sich letztendlich nicht? Dabei sind die Schüchternen gerade die Angenehmsten), waren alle sehr nett! Die größten Idioten entpuppten sich schon lange vorher im Internet. Die Erfahrungen waren im Schnitt also eigentlich recht positiv.

So, aber irgendwie muß man im Studium ja auch Geld verdienen für Essen, Miete, Bücher, Strom. Ich habe noch 2 Geschwister, die beide studieren bzw. in der Ausbildung sind. Auf meine Eltern konnte ich mich da leider nicht ganz verlassen, die mußten auch noch ihr Haus abbezahlen damals.
Und nachdem ich bei einer wirklich demütigenden Arbeit an der Kasse/Beratung in einem Bekleidungsgeschäft, für knapp 7 Euro die Stunde mit gehetzten, unfreundlichen Kunden und einem sexistsch-süffisanten Chef gekündigt hatte, aber dennoch dringend Geld brauchte, weil justament die Waschmaschine versagte, beschloß ich kurzerhand, das (bisher stets) Angenehme mit dem Nützlichen (eher: Dringenden) zu verbinden. Und eben bei den Internetflirts finanzielles Interesse anzumelden.

Alles in allem kann ich sagen: eine sehr praktische Sache. Momentan bin ich anderweitig finanziell abgesichert und in einer monogamen Beziehung, also liegt mein Internetprofil natürlich auf Eis. Ich würde diesen Weg aber im Zweifelsfall wieder nutzen. Gelöscht ist es nicht, nur „im Koma“, so daß ich keine Gebühren mehr zahen muß.

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-prostitution- wats dat

Eigentlich müßte man Alice Schwarzer danken.
Nein, nicht die Steuersache und die Spende… ich meine die Prostitutionsdebatte.
Indem sie kampflustig ihre, sagen wir mal, „kreativen“ Thesen verbreitete und ein paar Promis für die Anti-Huren-Aktion gewonnen hat, brachte sie fast ganz Deutschland dazu, überhaupt mal ernsthaft über Prostitution zu diskutieren.
Man hört (Vor-)Urteile und Positionen, die längst ausgestorben schienen. Ganz viele Klischees, krude Geschlechtervorstellungen und Naivität – auf allen Seiten.

Das öffentliche Auge richtet sich jetzt auf eine Welt, die ansonsten absichtlich ignoriert wird. Von der man weiß, die man aber so weit wie möglich wegdrängt. Der Straßenstrich, die Bordelle und die neumodischen „Verrichtungsboxen“ (echt mal, kann da nicht mal wer irgendeinen weniger verklemmten Begriff für finden?) haben alle irgendwo am Rand oder vom „normalen Leben“ streng begrenzten Gebieten.
Jetzt wird das immerhin mal thematisiert abseits von Einzelfällen und Skandalen (zumindest wird das teilweise versucht) – das birgt auch die Chance, viele falsche Vorstellungen wieder geradezurücken: Daß die bisherige Liberalisierung der Prostitution nicht automatisch alles prima für Sexarbeiter_innen gemacht hat war der „Was denn, das war doch erledigt“-Fraktion wohl noch nicht klar, andere waren von zufriedenen Huren mit akademischem Hintergrund überrascht und manch Supermacho durfte lernen, daß man – Geld hin oder her – dafür nicht alles mit der Frau tun darf und sie hinhalten muß, daß man sich keine „Frau kaufen“ kann, sondern nur eine Dienstleistung. Daß sexuelle Handlungen GEGEN den Willen des Gegenübers (auch, wenn es sich dabei um eine Hure handelt) Mißbrauch/Vergewaltigung sind. Daß ein Nein auch in dieser Situation ein Nein bleibt. Das ist bei Prostituierten keinen Deut weniger so als bei jedem anderen Menschen.
Und es ist gut, daß solche Dinge wieder mal erwähnt werden und so vielleicht doch in den ein oder anderen Köpfen ankommen.
Die Gesellschaft will ansonsten aber, daß Prostitution so eine Halbschattenwelt bleibt, getrennt von der „Alltagswelt“.
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