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Betitteter Mistkäfer

Vor zwei Wochen erklärte Redaktionsleiterin Christiane Florin im Editorial, warum sie eine Anzeige des katholischen Hilfswerks Kirche in Not abgelehnt hat. Hauptargument: In der Anzeige lautete ein Punkt „Gegen den Strom von Meinungsdiktatur und Political Correctness“. „Meinungsdiktatur“ sei keine Kritik an der Demokratie, sondern Diffamierung. Auch in der Kirche gehe offenbar Pegida-Vokabular um, hieß es im Editorial. Danach erreichten die Redaktion so viele Zuschriften wie noch nie in den vier Jahren von Christ&Welt in der ZEIT. Uns hat überrascht, mit welchen Worten Christentum und Abendland verteidigt werden.

Pfui (Triggerwarnung).

Kostprobe:

Schmeißen Sie diesen betitteten Mistkäfer raus, die soll zu den Grünen gehen, als Putze.

Ernsthaft. Das steht da. Mit vollem Namen unterschrieben.
Gerade eben war ich noch angekotzt wie Sau. Aber jetzt habe ich Bilder im Kopf, aus denen Berufenere ein Comic machen sollten.

Ich übergebe das Wort an Herrn Widmann:

(Via.)

Generation Sarrazin, Stromsparen und Frühsexualisierung

Zauber der Sexualität, Selbstbestimmung psychisch Kranker, Stromverbrauch, französische Zeichner gegen Pegida, Kellnern, Klassismus und männliche Abstiegsangst, Depri, Generation Sarrazin und „Frühsexualisierung“.

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Die Freuden weiblicher Lohnarbeit in der Gastronomie:

Mehr als einmal hatte unsere Chefin gemerkt, dass ihr Personal von ihren Gästen angefasst und belästigt worden war. Ihre Reaktion ging von Ignoranz bis zu einem „Musst du dich nicht wundern, so, wie du angezogen bist.“ Sie gab denen, die angegriffen wurden, die Verantwortung für das Geschehene – nie denen, die angegriffen hatten.
Es enttäuschte mich, von einer Frau so fallen gelassen zu werden. Ich wollte und will mich nicht demütigen und beschämen lassen und meine persönlichen Grenzen abgeben. Ich will nicht, dass Halbfremde über meine Sexualität spekulieren und mich prüde nennen. Schon gar nicht will ich, dass ich das alles wegstecken muss, weil ich dafür bezahlt werde, freundlich zu Gästen zu sein. Es gibt Grenzen, und wenn die überschritten werden, wehre ich mich. Vielleicht denkt meine Chefin, diese Grenzen seien überflüssig.

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Klassismus und männliche Abstiegsangst
– Interview mit Andreas Kemper:

Mit rassistischen Diskriminierungen gehen oft klassistische einher, letztere werden aber weitaus seltener thematisiert. Wie finden diese Verschränkungen aktuell statt?

Die europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien kennen keine klassenbezogenen Diskriminierungen. Als vor 15 Jahren Heterosexismus aus dem Gesetzeskatalog herausfallen sollte, warnte die Homosexuelle Initiative Wien vor einer Diskriminierungshierarchie, die bestimmte Benachteiligungen mehr fokussiert als andere. Diese Diskriminierungshierarchie besteht auch hinsichtlich des Klassismus: Die Benachteiligung von Arbeiter_innenkindern, von Obdachlosen oder Arbeitslosen usw. – sie gilt in Europa offiziell nicht als Diskriminierung.

Rassismus und Klassismus lassen sich aber kaum trennen. Vom Kastensystem bis zur „Rassenhygiene“ finden sich immer wieder deutliche Verschränkungen. Klassismen wirken häufig rassistisch, zugleich werden Klassen ethnisiert. Wenn zum Beispiel Thilo Sarrazin behauptet, die „Unterschicht“ habe eine erblich bedingt niedrigere Intelligenz, dann liegt ein „Klassenrassismus“ vor, der Klassen als „Rassen“ behandelt. Sarrazin wurde nicht aus der SPD geworfen, weil sein Rassismus mit seinem Klassismus entschuldigt wurde: Er habe sich zwar abwertend gegenüber Türken geäußert, sich aber auch diffamierend gegenüber der deutschen „Unterschicht“ geäußert – daher sei er nicht rassistisch.

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Vicky Amestie beschreibt den Zauber der Sexualität:

Die Sexualität hatte ein Leben, bevor sie auf dem Seziertisch landete. Sie hatte einen Zauber. Dieser lebte durch ihre männliche und ihre weibliche Seite. Beide ergänzten sich. Aber sie waren niemals deckungsgleich. Eine Symbiose war daher ebenso ausgeschlossen, wie durchdringendes Verständnis für einander.

Die männliche und weibliche Seite waren Gegenpole und die Spannung zwischen diesen das Entscheidende, zauberhafte.

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Charlie Hebdo & Co. haben keinen Bock auf falsche Freunde:

„Wir, die französischen und frankofonen Zeichner, sind entsetzt über die Ermordung unserer Freunde. Und wir sind angewidert, dass rechte Kräfte versuchen, diese für ihre Zwecke zu instrumentalisieren“, heißt es in dem Flugblatt. Die klare Aussage: „Pegida, verschwinde!“

In einem Aufruf an die Dresdner fordern sie, sich gegen Pegida einzusetzen: „Im Andenken an unsere ermordeten Freunde und Kollegen müssen wir uns in Dresden gegen diesen Akt der Instrumentalisierung erheben. Sonst würde man sie ein zweites Mal töten.“ Die Vereinnahmung dieser Morde durch Kräfte, die das Gegenteil von dem repräsentierten, „für das unsere Freunde zeitlebens warben, gleicht einer Grabschändung. Pegida steht für all das, was sie durch ihr Werk und ihr Leben bekämpften“.

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Bemerkenswerter Text von Heinz-Jürgen Voß über die bekloppte „Frühsexualisierungs“-Debatte:

Allen Eltern und Fachkräften in Kindereinrichtungen ist klar, dass Kinder bereits als Säuglinge lustvolle Gefühle haben und im Anschluss suchen. Das ist etwa der Fall, wenn sie an der Brust (oder der Flasche) Milch saugen und diesen Vorgang als sättigend und wohltuend erleben. Es ist auch der Fall, wenn sie ab einem bestimmten Zeitpunkt selbst merken, dass sie kacken und pullern und das entstehende Häuflein als ihr eigenes Produkt ansehen und stolz darauf sind. Im Arm gehalten werden, die Nähe von vertrauten Personen spüren, das sind oft als angenehm wahrgenommene Situationen, in denen Eltern wissen, dass sich die Säuglinge und Kleinkinder wohlfühlen. All diese Prozesse werden in der Sexualwissenschaft als „sexuell“ verstanden.[1] Gleiches gilt, wenn Kinder einige Körperstellen häufiger berühren – das können, müssen aber nicht die Genitalien sein –, weil sie auch das als angenehm empfinden. Die heutige Sexualwissenschaft macht hieraus keine ‚Dramen‘, sondern sagt etwa, dass dieses Erkunden okay ist und dass die Pädagogik im Stil der 50er Jahre falsch lag, die dieses Berühren gleich im Sinne erwachsener Sexualität verstand, Moral und Ordnung als bedroht ansah und gar mit körperlicher Gewalt ein ‚Das macht man doch nicht!‘ durchsetzte.

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Nützlicher Stromcheck
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Der Erhebung zufolge verbraucht jeder Deutsche im Schnitt 1500 Kilowattstunden Strom. Das entspreche Kosten von rund 400 Euro im Jahr, heißt es. Wird das warme Wasser in Bad und Küche elektrisch erhitzt, was in gut einem Drittel der Haushalte der Fall sei, so erhöhe sich der Verbrauch um 400 Kilowattstunden, was gut 108 Euro entspricht.

Neben der elektrischen Warmwasserbereitung und der Haushaltsgröße beeinflusst vor allem die Gebäudeart die Höhe des Verbrauchs. So verbrauche ein Haushalt im Mehrfamilienhaus durchschnittlich 33 Prozent weniger Strom als ein vergleichbarer Haushalt im Einfamilienhaus, heißt es in der Erhebung.

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Rappen gegen Sarrazin!

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Über das viel zu wenig diskutierte Recht psychisch Kranker, über sich selbst zu bestimmen:

Wegen ihrer Krankheit musste Bauer ihr Musikstudium abbrechen. Später hat sie eine einjährige Ausbildung gemacht, um als Psychiatrieerfahrene andere psychisch kranke Menschen zu unterstützen und als Dozentin zu arbeiten. Wenn es ihr gut geht, hält sie Vorträge in verschiedenen Städten, um Psychologiestudenten oder Sozialarbeitern zu erklären, wie es ist, Stimmen zu hören oder wie Betroffene mit einer Essstörung umgehen können. Wenn es ihr schlecht geht, traut sie sich nicht aus der Wohnung, sie fühlt sich bedroht, manchmal kommt sie tagelang nicht aus dem Bett. Bauer hat viele Klinikaufenthalte hinter sich. „Oft hieß es: ‚Wenn Sie nicht freiwillig gehen, weisen wir Sie ein.‘ Das war ein sanfter Zwang, aber es war trotzdem Zwang“, sagt sie. Zwang, der vielleicht gut gemeint ist, den aber viele Betroffene ablehnen. „Man sollte nicht mit Druckmitteln arbeiten, sondern mit Einsicht“, sagt Reinhard Wojke von der Berliner Organisation Psychiatrie-Erfahrener und Psychiatrie-Betroffener. Den Betreuern fehle aber oft die Zeit, um zu überzeugen, statt einfach zu entscheiden.

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Interview mit Undine de Rivière, Pressesprecherin des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen:

Woran arbeiten Sie momentan?

Wir haben gerade eine Unterschriftenkampagne gegen die von der regierenden Koalition geplante Zwangsregistrierung von Sexarbeitern abgeschlossen. Eine solche polizeiliche Erfassung hat es zuletzt in den 1940er Jahren gegeben. Das sogenannte „Prostituiertenschutzgesetz“ führt unserer Meinung nach zu Entmündigung, nicht zu Empowerment. Dabei geht es natürlich nicht um die Steuern – die zahlen wir selbstverständlich.

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Magda erklärt den bizarren Zusammenhang von Politik und Körpergewicht:

Wir leben in einer Zeit, in der die Angst vor dem Fettwerden gesellschaftliche Normalität ist, in der Kinder in Diätcamps mit minimalster Kalorienzufuhr gesteckt werden und Ärzt_innen FdH (»Friss die Hälfte«) für einen angemessenen Ernährungstipp halten. Wir leben in einer Zeit, in der Lehrer_innen aufgrund eines Body-Mass-Index (BMI) von über 30 in manchen Bundesländern nicht verbeamtet werden können. (1) Wir leben in einer Zeit, in der Diäten, Diätpillen, Magenverkleinerungen und dickenfeindliche Sprüche und ihre verheerenden Auswirkungen auf Körper und Seele für »gesünder« als ein dicker Körper als solcher gilt. Die Fixierung auf einen schlanken Körper und die Angst vor Fett(sein) nehmen absurde Dimensionen an: Die Kompetenzen einer Politikerin werden angezweifelt, weil sie einen dicken Körper hat und nicht etwa, weil sie kritikwürdige politische Entscheidungen in ihrer Berufskarriere gefällt hat. Sexismus, Dickenfeindlichkeit und die Nicht-Thematisierung von rassistischer Politik reichen sich die Hand.

Casual Sex, Pick Up Artists & besorgte Eltern

Sexarbeit und Mutterschaft, Forenkriege und Begrifflichkeiten, Plus Size Photoshop Experiment, Ka Schmitz, Pick Up Artists, Geschichte des Feminismus als Comic, Casual Sex, Einwanderungsstatistik, derStandard positioniert sich gegen Forenmacker, Männer und Rechtsextremismus, besorgte Eltern, Laurie Penny und feministischer Jahresrückblick.

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Die Geschichte des Feminismus als Comic!!

In diesem Jahr hat mich ein Projekt beschäftigt, das jetzt kurz vor der Vollendung steht: Zusammen mit der Zeichnerin Patu habe ich einen Comic zur Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext gemacht.

Von Adam und Eva bis fast heute auf 88 Seiten dieses Thema abzuhandeln (und das auch noch mit lauter Bildern dazwischen, hehe), ist natürlich ein bisschen wahnsinnig. Aber es hat ungeheuren Spaß gemacht.

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Zahlen und Fakten
zur Einwanderung; beispielweise das hier:

In Deutschland lebende Ausländer entlasten den Sozialstaat außerdem in Milliardenhöhe. Das zeigt eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Danach sorgten die rund 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass im Jahr 2012 für einen Überschuss von insgesamt 22 Milliarden Euro.

Jeder Ausländer zahlt demnach pro Jahr durchschnittlich 3 300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhält.

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der Standard positioniert sich zu diskriminierenden Kommentaren:

Egal in welchem Ressort, sobald Frauen im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen, sind wir immer wieder mit sexistischen, abwertenden und frauenfeindlichen Postings konfrontiert. Wir veröffentlichen diese Postings klarerweise aufgrund unserer Forenregeln nicht. Das bringt uns Zensurvorwürfe, Unverständnis und Beleidigungen ein.

Da wir zukünftig auf den forenfreien Dienstag auf dieStandard.at verzichten und somit an sieben Tagen die Woche auch dort ein Diskussionsforum garantieren, möchten wir noch einmal genau erklären, warum welche Postings auf unseren Seiten nicht publiziert werden.

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Casual Sex in der Zeit, Interview mit Paartherapeut Ulrich Clement:

Clement: Eine Freundschaft mit Vorzügen ist auch eine interessante Lösung für das Dauerdilemma zwischen Bindung und Freiheit. Einerseits erlebt man freundschaftliche Verbindlichkeit, fühlt sich aber andererseits nicht gefesselt durch Ausschließlichkeit und Treue. Das kann – unabhängig davon, wie man es moralisch bewerten möchte – psychologisch eine kluge Lösung sein.

ZEIT ONLINE: Und was ist der Preis dafür, Sex und Liebe zu entkoppeln – mal abgesehen davon, dass es zu Treffen führt, die eher an Turnstunden erinnern?

Clement: Mich erinnert es nicht an Turnstunden. Aber ich verstehe Ihre Frage schon. Casual Sex funktioniert oft nur theoretisch, weil man die Rechnung ohne Verliebtheit macht, ohne Eifersucht, ohne Bindungswünsche, ohne Heimatbedürfnis. Gelegenheitssex ist eine Teillösung. Er kann während einer bestimmten Lebensphase wichtig sein, in der man vielleicht keinen Partner hat oder auf dem Absprung ist. Ich halte es nicht für das Zukunftsmodell, zu dem sich die menschliche Beziehung entwickelt, sondern eher für etwas, das vorübergehend und schadensarm praktiziert wird.

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Auf dem Mädchenblog werden zweimal die „Pick-Up-Artists“ auseinandergenommen:

Es mag in dem Kontext wohl richtig sein, daß es keine sexuellen Übergriffe in „traditioneller“ Weise sind, da die Übergriffe indirekt von der Frau akzeptiert werden, weil sie eben durch die perfide Methode des „Ausfrierens“ manipuliert werden, gleichwohl es wohl dann doch nur „flüchtige Bekanntschaften“ dann werden, aber für den Sex, sprich eine intime Vereinigung, bedarf es, und wird es immer!, eine ausdrückliche Zusage beider Parteien. Dabei ist die gezielte Manipulation, sei es durch Worte oder dezentes Ignorieren, genauso entwürdigend und sexistisch, wie auch in extremen Dimensionen frauenverachtend, wie jedwede andere Übergriffe, welche das Selbstbestimmungsrecht der Frau schädigt. Das nicht gefährlich zu nennen, ist naiv. Es ist auch deswegen gefährlich, weil die Interpretationen diesbezüglich immens sind und Vergewaltigungen legitimieren könnten, allein der Manipulation wegen.

Leute, SO wird’s doch nichts mit dem Selbstbewußtsein. Das ist eher Selbsthaß an Frauen ausleben, vom Gefühl her eine Stufe vorm Heiratsschwindler, nur daß es nicht um Geld, sondern um Egobefriedigung geht, das ist doch ärmlich… den Kursteilnehmern wird Kohle dafür abgenommen, um ihnen das unreife Sexualverhalten eines berechnend-notgeilen 17jährigen beizubringen, das sie in ihren Teenagerjahren offenischtlich irgendwie verpaßt haben.
Diese unreife Einstellung „Ich bin nur was wert, wenn ich möglichst viele scharfe Weiber rumkrieg“ macht das Selbstwertgefühl doch wiederum immer noch abhängig von – Frauen. Wie bei Frauen, die meinen, sie seien nur etwas wert, wenn sie von möglichst vielen Typen angehimmelt werden. Auf dieses Niveau wollt Ihr? Ernstahft?

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Bei der Mädchenmannschaft gibt’s einen feministischen Jahresrückblick, praktischerweise alphabetisch:

Welche Themen standen auf unserer feministischen Agenda 2014? Welche Ereignisse haben das Jahr geprägt? Welche Personen und ihren Aktivismus haben wir bewundert? Zum Abschluss des Jahres gibt es dieses Mal ein Lexikon. Zu jedem Buchstaben könnte es natürlich noch zig weitere Einträge geben – ergänzt doch eure in den Kommentaren!

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Die Bundeszentrale für politische Bildung fragt: Warum fühlen sich gerade Männer vom Rechtsextremismus so angezogen?

Warum sind insbesondere Männer im Rechtsextremismus aktiv? Das Rollenangebot und das Versprechen „wahrer Männlichkeit“ scheinen für junge Männer nach wie vor anziehend zu sein. In ihren Bezugnahmen auf die faschistische Verklärung von Volk, „Rasse“ und Maskulinität erscheinen die Neonazi-Akteure als jugendkulturell modernisierte Nachahmer ihrer verehrten NS-Vorgänger.

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umstandslos interviewt 2 Sexarbeiterinnen über ihre Mutterschaft:

Haben Sie im Arbeitsumfeld bzw. von Menschen, die wissen, dass Sie Sexarbeiterin sind, oder von Behördenseite negative Kommentare bezüglich Schwangerschaft/Mutterschaft erhalten?

ANNA: “Mein Partner weiß es – er passt auf die Kinder auf, wenn ich im Studio bin. Er findet keine Arbeit. Bei der Versicherung hat man mich einmal dumm angeredet – besser gesagt: Während meiner Gegenwart über mich als ‘so eine’ gesprochen. Die haben gedacht, dass ich nicht Deutsch kann. Dass ich Deutsch verstehe, zeige ich auch nicht immer, da ich mit diesen Leuten nicht viel sprechen will. Das habe ich durch das österreichische Finanzamt gelernt – oft ist es besser ‘nix verstehen’ zu sagen.”

KRISTYNA: “Mein Mann weiß es und auch meine Schwester. Freundlich ist niemand am Amt zu Prostituierten – da lernt man damit leben.”

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Frauen und Sex – Laurie Penny über ihr neues Buch:

Wir bemerken den Sexismus nicht mehr, weil unsere Gesellschaft glaubt, sie sei sexuell befreit. Wir sitzen hier in Soho, dem Quartier der Schwulen und der Sexarbeiterinnen. Aber selbst hier hat die sexuelle Revolution nie stattgefunden. Weil es den Frauen und den Queers nach wie vor nicht erlaubt ist, Begehren in der gleichen Art auszudrücken und auszuleben wie den Männern – und wahllos rumzuvögeln.

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Plus Size Bloggerin Marie Ospina ließ sich per Photoshop verändern:

Das Verhältnis von Schönheit und Gewicht nehme jeder anders war. Als Plus-Size-Bloggerin habe sie sich gefragt: Was machen die Photoshopper mit meinen runden Wangen, mit meinem Doppelkinn?

Ospina schreibt, die Idee für das Projekt sei ihr nach der Aktion der US-Journalistin Esther Honig gekommen. Diese hatte im Juli ein ungeschminktes Selbstporträt an die Photoshop-Künstler dieser Welt verschickt.

Das Ergebnis ihres Experiments habe sie überrascht, erklärte Ospina nun. Nur drei Länder hätten sie merklich verschmälert: die Ukraine, Mexiko und Litauen. Einige Länder wie Indien und Sri Lanka hätten merklich mit Airbrush gearbeitet, um ihr einen weicheren Look zu geben. „Aber im großen und ganzen war ich tatsächlich ziemlich überrascht zu sehen, dass ich in der großen Mehrheit der Fotos noch wie ich selbst aussah.“

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Frau Dingens diskutiert die rauhen Umgangsformen im Netz und ordnet dankbarerweise die Begrifflichkeiten:

Bei Mobbing kennen sich Täter und Opfer meist persönlich, schon allein dadurch, dass sie einer gemeinsamen Gruppe angehören. Mobbing zeichnet außerdem aus, dass es andauernd über einen längeren Zeitraum stattfindet. Über Mobbing im Gefüge Feminst_innen / Anti-Feminist_innen zu sprechen ist insofern falsch, da erstens die Ausübenden Anti-Feminist_innen den Betroffenen selten persönlich bekannt sind (meistens bleiben sie komplett anonym), sie keiner gemeinsamen Gruppe angehören und drittens die Art und Weise der Gewalterfahrung eine andere ist.

Ein Shitstorm ist dagegen eine heftige, zeitlich begrenzte, in Masse stark nach oben ausschlagende Erfahrung von Kritik. Von Shitstürmen spricht man meist dann, wenn Medien oder Einzelpersonen durch undurchdachte Kommentare, Taten oder Aktionen in Kritik geraten. Dabei kommt die Kritik meist von Aktivist_innen und richtet sich gegen inhaltliche Aussagen, weniger gegen Persönlichkeitsmerkmale oder Personen per se. Ein Shitstorm kann somit auch konstruktiv als Korrektur dienen.

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Via.

Hundeflüsterin, Pro-Life & Pro-NRW

NS-Pädagogik, Leben mit einem Arm, deutscher Umgang mit Zuwanderung, Abtreibungsgegner_innen, von Hunden lernen, Rita Moreno bei den Muppets, Pro NRW vs. Blogsport, DNA-Überraschung und Game-Designing.

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Interessantes Interview mit der „Hundeflüsterin“ Maike Maja Nowak:

Was können wir von Hunden lernen?

Ihr soziales Wesen. Hunde bewerten niemanden. Denen ist egal, ob jemand dick oder dünn ist. Wir können Geduld lernen. Wenn wir eine Entscheidung durchsetzen wollen, versuchen wir es mit Druck. Leithunde beharren mit Präsenz, bis die Entscheidung umgesetzt wird. Hunde sind außerdem nicht nachtragend. Sie handeln sofort. Wir stauen oft Wut auf, weil wir Angst haben, nicht gemocht zu werden, wenn wir sie äußern.

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Bester Auftritt in der Muppet Show EVER: Rita Moreno (feat. Animal)!

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Schnittiger Leserartikel von Maria Schulz über ihr Leben mit nur einem Arm:

Bekanntlich wird das Leben in der Pubertät nicht einfacher, und mit 14, wenn so ziemlich jedes Mädchen seinen Körper verabscheut, fand ich allein den Gedanken, ohne meine Armprothese aus dem Haus zu gehen, so absurd, dass ich sie zeitweise sogar nachts im Bett trug. Welcher Junge würde mich je ansehen wollen?

Ich war kein trauriger Teenager, ich saß auch nie einsam in meinem Zimmer und habe mich deprimiert im Spiegel betrachtet. Aber die Tatsache, dass ich anders aussah als die anderen, war fest in meinem Bewusstsein verankert. Ich nahm meinen Körper nicht an. Ich tolerierte seine Anwesenheit, aber ich hieß ihn nicht gut. Die Frage, was Schönheit ist, kreiste in meinem Kopf herum. In einer Sache war ich mir sicher: Mein Körper war nicht schön.

Mit der Zeit wurde ich allerdings entspannter.

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Immer wieder schön, wie die Natur uns regelmäßig daran erinnert, daß unsere Wissenschaft beim Verstehen des Körpers eben doch erst am Anfang steht – und die bisherigen Ergebnisse nicht das Ende vom Lied sind:

8,2 Prozent des menschlichen Erbguts erfüllen eine wichtige Funktion, sagen Genetiker der Universität Oxford. „Funktional“ nennen die Biochemiker Abschnitte des Genoms, welche direkt für die Bildung von Proteinen zuständig sind, die letztlich Form und Funktion eines lebenden Organismus bestimmen.

Diese Zahl scheint im krassen Widerspruch zu stehen zu Aussagen, die einige Forscher vor zwei Jahren veröffentlichten. Damals wurde 80 Prozent aller DNA-Abschnitte eine biochemische Funktion zugeschrieben.

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Woher kommt die Angst der Deutschen ™ vor „Ausländern“? Über den Umgang mit Zuwanderung:

Dass Deutschland seine heutige Stärke und Entwicklungsfähigkeit gerade auch den Einwanderern verdankt, hat jüngst die Fußball-WM gezeigt. Klose, Özil, Khedira, Boateng und Podolski haben in den letzten Jahren einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung einer neuen Spielkultur geleistet, die Athletik mit Ästhetik verbindet, die effizient und berauschend ist. Die Nationalmannschaft ist ein Paradigma dafür, dass eine gesellschaftliche Einigkeit nicht in einer gemeinsamen Herkunft begründet sein muss.

Viel stärker verbinden gemeinsame Ziele und Werte. Unterschiede, das Fremde und Andere sind geradezu förderlich. Sie bringen eine produktive Ergänzung und Spannung ist das Leben und verhindern Starre und Selbstgenügsamkeit. Geistiger Austausch und die Reibung mit anderen Kulturen sind Kräfte, die dafür sorgen, dass eine Nation lebendig und schöpferisch bleibt.

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Wie die NS-Erziehung Kinder traumatisierte (Triggerwarnung):

Die überzeugte Nationalsozialistin Haarer betrachtete das Kind als Feind und warnte zum Beispiel davor, es zu trösten oder zu streicheln. Jede Gefühlsbekundung, ja selbst bloßen Blickkontakt, lehnte Haarer kategorisch ab. Dafür wurden der „deutschen Mutter“ allerlei Züchtigungsmittel anempfohlen, wie Kinder ohne Essen ins Bett zu schicken, sie in den Keller zu sperren oder stundenlang auf ungekochten Erbsen knien zu lassen.

Als Katrin Einert diese Ratgeber zum ersten Mal las, war sie erschüttert. Im Rahmen des Frankfurter Fachhochschulforschungsprojekts „Trauma im Alter“ unter der Leitung von Professorin Ilka Quindeau interessierten sie und ihre Kolleginnen sich für die Bedingungen, unter denen Menschen, die heute alt sind, als Kinder aufgewachsen sind. Und nun hielt sie Anleitungen in der Hand, die die Herausbildung einer Mutter-Kind-Bindung regelrecht verhindern sollten.

(via)

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Kleinerdrei interviewt die Game-Designerin Henrike Lode:

In einer Schulklasse in England wurde ich von einer Lehrerin bedrängt, als ein Schüler vorschlug, beide Geschlechter zur Auswahl zu geben. Sie forderte, dem Vorschlag nachzugeben, da es nur fair sei und meine Vorauswahl ungerecht gegenüber den Jungen. Ein anderes Mal hat mich ein PR-Spezialist darauf hingewiesen, dass ich wahrscheinlich weniger Kopien verkaufen werde, weil sie viele auf Grund des weiblichen Charakters das Spiel nicht kaufen würden. Mittlerweile bin ich nicht einmal mehr so sicher, ob etwas dran ist an diesen Annahmen, aber ich bin bereit, es darauf ankommen zu lassen. Viele weibliche Spieler bestätigen, dass es ihnen leichter fällt, sich mit der Figur zu identifizieren, und dass es eine positive Überraschung für sie ist.

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„Pro-NRW“ vs. Blogsport in der nächsten Runde? Darum geht’s:

Im Frühjahr zerrte der stellvertretende Vorsitzende der rechtsextremen Partei „Pro NRW“, Kevin Gareth Hauer, den linken Provider Blogsport vor Gericht. Dieser habe sich geweigert, Fotos entfernen zu lassen, die Hauer mit erhobenem rechten Arm bzw. posierend mit einem großformatigen Hitlerbild zeigen.

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Die Soziologin Gisela Notz über die organisierten Abtreibungsgegner_innen:

Vielleicht ist das Bedürfnis nach einer heilen Welt, wie die Kirchen sie malen, gewachsen. Die familienpolitische Debatte ist jedenfalls nach rechts gerückt. Deshalb ist auch die AfD erstarkt, in der die sogenannten „Lebensschützer“ eine große Rolle spielen. Beatrix von Storch, die nun im Europaparlament sitzt, war bei diesen Märschen ganz vorn dabei. Sie ist für ein Totalverbot der Abtreibung und setzt sich für ein traditionelles Familienbild ein.

Racial Profiling, Feminist Bore-Out & „Bettlerbanden“

Diskriminierung von Frauen im Jurastudium, Sookee-Interview, UNO gegen Kriminalisierung von Drogenkonsumenten, Feminist Bore-Out, Prozeß um unterlassene Hilfeleistung bei einem schwerkranken Flüchtlingskind, München will härter gegen „Bettelbanden“ vorgehen, Künstler_innenkollektiv „COVEN“, soziale Putzfirma in St. Georg, Racial Profiling, heutzutage Musiker_in sein, Lebenspartnerschaften und gute Chancen für Frauen in „männlichen“ Ausbildungsberufen.

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Weibliche Lehrlinge in „Männerberufen“ werden anscheinend immer mehr geschätzt:

„Längst hat auf Arbeitgeberseite ein Umdenken eingesetzt. Frauen haben bei Bewerbungen gute Karten“, sagt Hans Voss. Er leitet bei der Maler- und Lackiererinnung Düsseldorf das Berufsbildungs- und Technologiezentrum. Ein Grund sind die guten Erfahrungen, die Handwerksmeister mit Frauen als Azubis und Gesellinnen machen. „Sie überzeugen oft durch herausragende Leistungen“, erklärt Voss. Er kennt inzwischen Fachbetriebe, die auf einen ausgeglichenen Mitarbeitermix achten. Bei praktischen Arbeiten fallen Mitarbeiterinnen vor allem bei filigraneren Tätigkeiten häufig positiv auf.

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Antje Schrupp über Lebenspartnerschaften:

Der Wunsch nach rechtlicher Anerkennung geht häufig mit einer besonders großen “Normalitätsbekundung” einher: Menschen, die homosexuell monogam leben, sind nicht unbedingt die enthusiastischsten Unterstützerinnen von Polyamorie, denn sie sind bemüht, zu beweisen, dass sie abgesehen vom Schwul- oder Lesbischsein ganz “normal” sind.

Das ist keine Anschuldigung, es liegt vielmehr in der Natur der Sache, dass der Wunsch nach Anerkennung die Tendenz zum Konformismus nach sich zieht. Und das muss auch so sein, denn ohne Zustimmung einer Mehrheit in der Bevölkerung bekommt man keine staatliche Anerkennung.

Deshalb wollte ich an dieser Stelle einfach mal wieder in Erinnerung rufen (denn neu ist der Gedanke ja nicht), dass es im Verhältnis von Lebens- und Liebesformen im Kern gerade nicht um den Wunsch nach Anerkennung seitens des Staates geht, sondern im Gegenteil: um die Freiheit von staatlicher Bevormundung.

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Mehmet Simsit, Wirt des Hansa-Treff, hatte die gute Idee, eine Putzfirma zu gründen, die sich eben auch um die „schmutzigen Ecken“ von St. Georg kümmert und so manchem eine neue Perspektive bietet – denn bei dem Projekt geht es nicht nur ums Putzen:

Er tut, was er kann: Übersetzungen, Hilfe beim Ausfüllen von Formularen, dolmetschen. „Für mich sind das vielleicht Kleinigkeiten, aber für die Menschen, die das brauchen, ist es etwas Großes.“ Auch Zwangsprostituierten, die ihren Zuhältern entkommen wollen, unterstützt er: „Wer aussteigen möchte und um Hilfe bittet, bekommt von mir Hilfe.“ Schon mehrfach seien Frauen mit blauen Flecken im Gesicht in den Hansatreff gekommen. Wenn das passiert, wird der Kneipier zornig: „Da habe ich keine Gnade. Zum Glück haben wir auch einen guten Kontakt zur Polizei.“

Im letzten Jahr hat Simsit sogar einen Deutschkurs für Prostituierte aus Osteuropa auf die Beine gestellt, die hier ankommen. Die Hamburger Universität schickte für ein Vierteljahr auf eigene Kosten einen Dozenten, das Stadtteilbüro stellte kostenlos einen Raum zur Verfügung. „Das Wichtigste ist, dass die Leute sich verständigen können“, sagt er. Inzwischen musste er den Kurs aber wieder einstellen, denn die bewilligten Fördergelder darf er nur für Lehrmaterialien ausgeben, nicht aber für Personal.

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In München nimmt die Zahl der Bettler_innen gerade enorm zu. Die Stadt und die Polizei stecken jetzt praktischerweise alle Bettler_innen in die „böse Bettlerbande“-Schublade, gegen die man natürlich jetzt drastisch vorgehen will:

Damit liegt der Polizeibeamte auf der Linie des noch amtierenden Oberbürgermeisters Christian Ude (SPD), der einmal auf seiner Homepage über Bettler in München schrieb: „Bitte seien Sie kaltherzig.“ So weit will KVR-Chef Blume-Beyerle nicht gehen. Doch die steigende Zahl der Bettler in München bereitet ihm Sorgen. „Sehenden Auges“ diese Entwicklung hinzunehmen, hält er für „keine gute Alternative“. Er will nun die Zusammenarbeit mit der Polizei weiter intensivieren, um die organisierten Bettler aufzuspüren. Wilde Camps am Stadtrand oder Autowracks, die im Sommer als Schlafplätze benutzt werden, sollen jetzt sofort beseitigt werden. „Natürlich tun mir die Menschen alle leid“, sagt Blume-Beyerle. Aber als KVR-Chef muss er andere Prioritäten setzen.
Odyseen durch viele Länder

Das hilft den Menschen nicht, die am Ende, ganz unten sind. Selbst in Rumänien können sie nicht von 60 Euro Sozialhilfe pro Monat leben. Also schließen sich viele zu lockeren Verbünden zusammen und reisen nach Norden. Dort, wo es noch Geld gibt. „Die meisten bleiben drei bis vier Wochen, dann ziehen sie weiter“, sagt der Bettler-Polizist Röske. Wenn es dunkel wird, ziehen sie sich von den Straßen zurück. Die Fußgängerzone und der Viktualienmarkt sind als Schlafplatz tabu. Die einen gehen zur Isar, die anderen in die nahe der Altstadt gelegenen Parks.

Aus meinem persönlichen „Nähkästchen“ geplaudert:
Meinereiner strandete einst nach einem Italienurlaub auf dem Münchner Hauptbahnhof. Im Zug hatte man uns den Inhalt unserer Handtaschen ausgeräumt , während wir schliefen… also: keine Kohle, nüscht. Da blieb halt nix anderes, als Geld für ein Bayernticket zu schnorren.
Und die Münchner waren da sehr nett (am süßesten war eine Frau, die gerne was geben wollte, aber kein Kleingeld hatte, uns aber irgendwie helfen wollte – und hat uns dann eine Packung O.B.s geschenkt. :) ) – die Polizei weniger. Mords Aufstand mit Personenüberprüfung, das volle Programm. Außerdem so hilfreiche Fragen wie “ Sie sehen so fertig aus und haben gerötete Augen – sie sind doch auf Drogen!“, woraufhin ich dem Freund und Helfer erklären durfte, daß man eben auch fertig aussieht, wenn man die Nacht über ausgeraubt wurde, kaum geschlafen hat, entsprechend müde/genervt ist, man auch noch Geld zusammenschnorren muß und man eigentlich nur heim will.
Nachdem wir eine halbe Stunde überprüft wurden, ließ man uns wieder gehen, aber wir sollten keine Leute mehr ansprechen etc.
Der ganze Aufstand, der bei der Kontrolle betrieben wurde, bot auch den Umstehenden eine gute Show. Woraufhin uns eine ältere Dame, die das Ganze mitgekriegt hatte, dann den fehlenden Betrag fürs Bayernticket spendierte.
Gut, das ist jetzt ca. 8 Jahre her, ich weiß nicht ob die Vorgehensweise der bayrischen Polzei sich geändert hat oder nicht…
Aber wenn ich an die Situation in München denke, und dann diesen Artikel lese, habe ich das leise Gefühl, daß die Stadt München es sich mit diesen Plänen zu einfach macht. Verwaltungstechnisch ist das ja auch praktisch! Eine Sündenbockstrategie funktioniert immer irgendwie. Oberflächlich gesehn zumindest. Man muß sich nicht mehr um die individuelle Situation kümmern, man kann die einfach eine Schublade stecken.
Effektiv ist das aber nicht.
Sicher, man überlegt schon, ob es jetzt eine gute Idee ist, einem Bettler Geld zu geben, wenn es offensichtlich ist, daß er einer von denen ist, die ihr Geld dann abends dem Chef abliefern müssen… mein momentaner Kompromiß (normalerweise geb ich eingentlich allen was) ist, stattdessen eine Zigarette zu spendieren. Kommt irgendwie auch gut an bisher.

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Feminist Bore-Out
; genialer Begriff – trifft er doch genau das Gefühl, das einen immer wieder überfällt:

Mit halbem Auge verfolgte ich dabei das Treiben in den diversen sozialen Netzwerken, und so stach mir irgendwann ein Hinweis auf ein neues Opus Magnus des Laber-Rhabarbers ins Auge: Ein Buch namens “Tussikratie” sei nun erschienen, geschrieben von den zwei Journalismus-Tussneldas Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling, und das Brigitte-Magazin fragte dazu ganz aufgekratzt: “Übertreiben wir es mit dem Feminismus?” Hui, wie aufregend! Nicht.

Ich konnte besagten Artikel nur 20 Sekunden lang überfliegen, und dann entschied ich mich, dass ich mich anstatt auf den ewiggestrigen Null-Acht-Fuffzehn-Content zu “Tussikratie” (O-Ton: Gelaber über Geschlecht-Gedöns verursacht noch mehr Probleme. Männer sind auch arm dran. Frauen haben mehr Möglichkeiten (zum Beispiel in der Mode, bunte Kleider und so). Männer sind auch arm dran, weil sie keine Männerbewegung haben. Und überhaupt, es gibt ja auch noch den armen Hausmann. Über den lachen ja auch alle, wenn er mal Kuchen in den Kindergarten trägt. Schnarchschnarchschnarch.) doch eher lieber wieder auf die mittlerweile Tauben fütternde Polly Flint konzentrieren wollte. Klick und weg. Ich schaffte es, noch bevor mir mein Arm eingeschlafen war. Juchheissassa!

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Keine große Überraschung, aber dennoch zum Kotzen – der Altherrenclub in juristischen Fakultäten benotet scheinbar gern nach Geschlecht und Herkunft:

Gemeinsam mit zwei Kollegen vom Max-Planck-Institut und der Uni Göttingen hat er Tausende Datensätze von Jura-Studenten aus Nordrhein-Westfalen ausgewertet. Erschienen ist ihre Analyse „Zur Benotung in der Examensvorbereitung und im ersten Examen“ in der „Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft“ (Studie als PDF). Sie fragten sich unter anderem: Was beeinflusst die Examensnote? Unterscheiden sich die Ergebnisse von Männern und Frauen? Von Studenten mit deutschem und nicht-deutschem Namen?

Das Resultat erschreckt: Frauen schneiden im Examen knapp zehn Prozent schlechter ab – bei gleichen Leistungen und Voraussetzungen. Ähnliches gilt für Studenten mit ausländischem Namen. Traxler sagt: „Wer sich ein Bildungssystem wünscht, das hinsichtlich Geschlecht und Herkunft neutral wirkt, dem sollte dieses Ergebnis Bauchschmerzen bereiten.“

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Die Mädchenmannschaft interviewt das Berliner Künstler_innenkollektiv „COVEN“:

COVEN Berlin wurde in der Küche der Gründerinnen Lo Pecado und Judy Mièl ins Leben gerufen. Nach monatelangem Reden, Lästern, Lachen und Philosophieren über das Erwachsenwerden als queere Frauen in einer patriarchalen, hetero-normativen Gesellschaft wollten wir unsere Erfahrungen teilen, den Küchentisch verlassen und uns in die öffentliche Sphäre wagen. Was zunächst als Blog begann, entwickelte sich zu einem Online-Magazin, einem Kollektiv aus Menschen mit verschiedenen Herkünften, Hintergründen und Fachkenntnissen. Zum einen kamen diese aus unseren Freund_innenkreisen, zum anderen hatten wir online zur Kooperation mit COVEN Berlin aufgerufen. Wir wurden überrascht wie viele interessante und motivierte Leute sich tatsächlich gemeldet hatten. Als wir am Anfang noch zu zweit waren, hatten wir mit Lo den theoretischen, journalistischen und inhaltlichen Teil und mit Judy den kreativen, visuellen Teil kombiniert, jedoch aufgrund des zeitlichen Aufwands eines Online-Magazins lange nicht abgedeckt. Jetzt sind wir ein multi-mediales Kollektiv, eine Gruppe von ‘Feminist Conqueerors’.


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(Lamgsames) Umdenken bei der UNO in Sachen Drogen:

„Heute hat eine Arbeitsgruppe des UNO-Büros zur Drogen und Verbrechensbekämpfung angekündigt, grundlegend neue Empfehlungen auszusprechen, welche die Strafverfolgung für Drogengebrauch in Frage stellt. Die wissenschaftliche Beratergruppe zu Drogenpolitik, Gesundheit und Menschenrechte der UNODC – unter anderem Nora Volkow, Vorsitzende des Nationalen Instituts gegen Drogenmissbrauch (NIDA) der USA – werden ihre Empfehlungen auf dem High Level Meeting der 57. Internationalen Suchtstoffkonferenz vorstellen. Die Empfehlungen der Arbeitsgruppe sagen “strafrechtliche Verfolgung ist nicht hilfreich” und sprechen damit den Drogengebrauch und -missbrauch an.“

Die DPA war sehr Glücklich dies zu Hören: „Es gibt einfach keine wissenschaftliche Basis in der Wissenschaft, Gesundheit oder Ethik um jemanden bloß wegen Drogenbesitzes in das Justizsystem zu verfrachten.“ so DPA Sprecher Ethan Nadelmann. „Hoffentlich helfen die Empfehlungen der UNO, den globalen Trend hin zu einem Ende der Kriminalisierung des Drogenkonsums und -besitzes. Dies würde in den Vereinigten Staaten einen enormen Unterschied ausmachen.“

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Bei Kleinerdrei wird die wunderbare Sookee zu ihrem neuen Album interviewt:

kleinerdrei: Ich könnte mir vorstellen, dass es innerhalb der linken Szene krasser ist mit der Kritik. Stimmt das?

Sookee: Ja, klar. Aber um das zu sagen: Ich halte mich immer auf dem Laufenden, lese viele, viele Blogs, schaue, was gerade thematisiert und diskutiert wird, um nicht hinter der Zeit zu sein. Ich schaue, was es für sprachpolitische Erkenntnisse gibt. Aber trotzdem habe ich auch hier keine Lust, die Maßstäbe von anderen zu erfüllen. Es müssen einfach mehr politisch motivierte Rapper*innen her und gut ist.

kleinerdrei: Das ist die Lösung?

Sookee: Ja (lacht), ganz einfach. Ich mache Workshops für Frauen/Lesben/Trans*, ich versuche, mein Wissen zu teilen und da zu unterstützen, dass Leute nachwachsen und Bock haben, sich auf die Bühne zu stellen. Ich fand’ es ja schon in der Rapszene unangenehm, eine von wenigen Frauen zu sein. Das hier ist ja die gleiche Situation und auch hier finde ich es unangenehm. Ich fände es cool, wenn es hier so wäre wie in Großbritannien.

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Mohamed Amjahid berichteg von seinen Erfahrungen mit „Racial Profiling“ und fordert: entweder wir jede_r kontrolliert oder keine_r.

Das Bundesinnenministerium möchte trotz massiver Kritik von Migrantenverbänden und Parteien an dieser Praxis festhalten. Sie erhöhe „das subjektive Sicherheitsgefühl der Reisenden spürbar“, heißt es in einem internen Bericht des Ministeriums. Andere EU-Staaten gehen mit ihrer Gesetzgebung und Kontrollpraxis noch weiter. Als ich bei einer anlasslosen Kontrolle am Nordbahnhof von Brüssel meinen Reisepass nicht vorzeigen konnte – weil ich meinen Reisepass selbstverständlich nicht immer dabeihabe –, drohten die Polizeibeamten, wenn ich mich nicht an Ort und Stelle ausweisen könne, müsse ich 500 Euro Strafe zahlen. Nur eine lange Diskussion und mein Presseausweis brachten mich aus dieser misslichen Lage.

In bayerischen Zügen liegt meine persönliche Kontrolliert-werden-Quote bei 100 Prozent. In einem Regionalzug nach Kempten im Allgäu saßen neulich zwei weiße Amerikaner mit überdimensionierten Reiserucksäcken und deutsche Kurgäste, die sich auf ihren Aufenthalt auf der Alm freuten. Von der Bundespolizei kontrolliert wurden nur drei Passagiere: ein junger Schwarzer, ein Mädchen mit Kopftuch und ich. Bekannte erzählen mir immer wieder von Situationen, in denen sie gewaltsam festgehalten und abgeführt wurden. Viele von ihnen meiden unnötige Aufenthalte auf Bahnhöfen.

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Dem Flüchtlingskind Leonardo wurde medizinische Hilfe unterlassen, als er in einer Notlage war – und nur knpp überebte, mit einem Zehen und einem Finger weniger. Jetzt beginnt die Verhandlung:

Auch als der Junge große schwarze Flecken im Gesicht, an Armen und Beinen hatte, wollte man an der Pforte des Aufnahmelagers keinen Krankenwagen rufen. Schließlich schickte man die Familie bei winterlichen Temperaturen zu Fuß ins zwei Kilometer entfernte Dorf. Dort erbarmte sich ein Autofahrer, die Flüchtlingsfamilie zu einer Kinderärztin zu fahren, die ebenfalls in Fürth vor Gericht aussagte.

Die Kinderärztin ließ das Kind sofort in die Klinik bringen, wo das Leben des kleinen Leonardo nur knapp gerettet werden konnte. Er war an einer Meningokokkeninfektion erkrankt und blieb zwei Wochen im künstlichen Koma. Außerdem musste sich das Kind umfangreichen Hauttransplantationen unterziehen und verlor einen Zeh und einen Finger.

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Johnny Haeusler stellt fest: es ist großartig, heutzutage Musiker zu sein.

Das Netz hat mit Download- und Streaming-Plattformen nicht dafür gesorgt, dass Menschen plötzlich mehr Zeit zum Musikhören haben. Es hat aber Musik präsenter denn je gemacht und den Zugang zu ihr sehr stark vereinfacht. Und es bietet jungen Künstlerinnen und Künstlern Möglichkeiten sowohl in der Produktion als auch im Vertrieb und beim Marketing, von denen man noch vor zehn Jahren nur träumen konnte.

Verdienstmöglichkeiten bleiben zwar eine Herausforderung, Dienstleister teuer und die Chancen auf spürbare Gewinne klein. Doch mit bewusst agierenden Unterstützern und Konsumenten, die das Shirt oder die CD direkt bei der Band kaufen und auch ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Vereine wie die GEMA zwar stark reformbedürftig sind, aber immer noch mehr im Sinne der Urheber agieren als Google und daher im Moment noch für Komponisten und Texter wichtig sein können, überwiegen die Vorteile beim Musikerdasein im digitalen Zeitalter.