Archiv der Kategorie 'Gute Seelen'

Werbungsfallen, Musikmythen & Ruby Cups für Kenia

Praktikum im Tantrastudio, Google Naps, Frauenhaß weltweit, keine_r kennt Naturwissenschaftlerinnen, mobile Werbungsfallen, Teenager werden sexuell toleranter, Ruby Cups und Schulbildung, Shocking Music Myths, fehlende Vulven in Nymphomaniac und Bechdeltest gut für Filmerfolge.

________________

Menstruation als Grund, nicht in die Schule zu können? Es gibt Gegenden, wo das durchaus der Fall ist. Das Missy Mag berichtet, wie Ruby Cups helfen – und wie Ihr bei dem Projekt helfen könnt:

Da vielen Mädchen in dritte Welt Ländern keine Pads, Tampons oder Binden zur Verfügung stehen und die Angst besteht, öffentlich Flecken auf der Kleidung zu tragen, bleiben viele von ihnen zuhause. Jeden Monat eine Woche zu fehlen, macht insgesamt ungefähr 20% der gesamten Schulzeit in einem Jahr aus. Ein großer Teil der Bildung wird von vielen Mädchen deswegen nie erlangt und hat oft als Konsequenz, dass Mädchen die Schule letztendlich abbrechen.

Hier kommen die Ruby Cups ins Spiel. Aufgrund dieser Erkenntnis, das die Periode manche Mädchen von der schulischen Bildung fernhält, wurde die Organisation mit demselben Namen („Ruby Cup“) von Veronica D’Souza, Julie Weigaard Kjær and Maxie Matthiessen in 2011 gegründet. Ihre Erfindung, der Ruby Cup, ist eine hygienische, gesunde und zugleich umweltfreundliche Alternative zu Binden und Tampons, die aus Silikon der medizinischen Güteklasse besteht und von Mädchen auf der ganzen Welt bis zu 10 Jahre wiederverwendet werden kann.

****************

Über Frauensexualität ohne Vulva im Film kann man in der neuen Ausgabe der an.schläge lesen:

Die Vulva, Vagina, Muschi, Möse oder wie wir sie auch nennen wollen ist das primäre weibliche Geschlechtsorgan. Hier befindet sich die Klitoris, die auch hinsichtlich ihrer Größe einen mit dem Penis vergleichbaren Schwellkörper darstellt. Die Vorzeigemuschi jedoch, wie sie in Mainstream-Pornos zu sehen ist und wie Schönheitschirurgen sie aktuell auf der ganzen Welt als Idealbild etablieren wollen, versteckt dieses Potenzial: Schamlippen sind pfui, der sensible Kitzler idealer Weise ebenfalls unsichtbar. Am besten Mann sieht nichts außer eine Brötchen-ähnlichen Schlitz – ein Bild, das zugleich kindlich wie auch auf paradoxe Weise asexuell wirkt. Die Vagina wird also selbst dann versteckt, wenn sie gezeigt wird, bzw. ihre Darstellung dient der ästhetischen Befriedigung des männlichen Auges, nicht aber der Sichtbarmachung der weiblichen Sexualität. Claudia Richarz und Ulrike Zimmermann gehen in ihrem Dokumentarfilm „Vulva 3.0“ gar so weit anzudeuten, der Unterschied zwischen einer Labioplastik und der auch als Genitalverstümmelung bekannten genitalen Beschneidung der Frau sei nur ein definitorischer. Diese Dokumentation ist wie die US-amerikanische Satire „Teeth“ hilfreich bei der Analyse der vaginalen Lücke, die in von Triers Film klafft. Bissige Muschi. In „Teeth“ steht die konservativ erzogene Protagonistin ihrer sexuellen Entwicklung weitgehend ratlos gegenüber, zumal sich ihre Muschi als äußerst bissig erweist. Die Vagina Dentata ist hier eine Metapher für die als Bedrohung empfundene Sexualität der Frau.

*************

Frauenhaß weltweit – gute Analyse bei Zeit online:

In Russland sterben Schätzungen zufolge jährlich mehr als 14.000 Frauen, weil ihre Männer sie prügeln. Im Iran wurden in diesem Jahr an zahlreichen Universitäten Studentinnen von mehr als 70 Studiengängen ausgeschlossen, weil diese sich angeblich nicht für die weibliche Natur eignen. In Asien werden Millionen weibliche Föten abgetrieben, denn die Nachricht, ein Mädchen zu bekommen, bedeutet für die Eltern meist kein Glück, sondern eine Tragödie wegen der späteren Mitgift, die die Familie womöglich ruinieren wird. In Ägypten wiederum hat sich seit dem Sturz Mubaraks die Situation der Frauen verschlechtert. Die junge Bloggerin Aliaa Elmahdy musste ins Ausland fliehen, nachdem sie aus Protest Nacktfotos von sich veröffentlicht hatte; zudem berichten Aktivistinnen davon, dass die Misshandlungen von Frauen massiv zugenommen haben – und die Polizei nichts dagegen unternimmt. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen, und sie würde auch Europa nicht auslassen. All diese Taten haben einen gemeinsamen Nenner: den Hass auf Frauen und die Dämonisierung ihrer Weiblichkeit.

****************

Gegen die Langeweile: Top 10 most shocking Music Myths!

Und hier Teil 2:

*********

Es geht in die richtige Richtung; Jugendliche werden in sexuellen Dingen toleranter:

Toleranz und Reflektiertheit sind enorm gestiegen. So können sich 62 Prozent der Jungen vorstellen, mit einem Homosexuellen befreundet zu sein. 1990 waren das noch 27 Prozent. Bei den Mädchen stieg der Anteil von 62 auf 91 Prozent. Wobei die Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt bildungsabhängig ist.
(..)
Weniger gebildete männliche Jugendliche erleben eine brüchigere Männlichkeit. Aufgrund ihrer vielfach schwierigen Lebenslage und der sozialen Benachteiligung haben sie Männlichkeitsdefizite, die sie unter anderem über Schwulenfeindlichkeit kompensieren und abwehren.

*****************

Praktikum im Tantrastudio
:

Außerdem musste ich irgendwie meiner Uni vermitteln, was ich mir als Praktikumsstätte ausgesucht hatte. Das ging leichter als erwartet: Ein Anruf, ein offensichtlich schwer verwirrter Praktikumsbeauftragter, ein bisschen gutes Zureden – und schon hatte ich die Erlaubnis. Nur beim Praktikumsbericht stieß ich an meine Grenzen. Gelten erotische Massagen als soziologische Kernkompetenz? Anscheinend schon.

Ich meine, ich habe ja nicht nur fremde Penisse bewundert. Meistens jedenfalls. So konnte ich unter „berufsbezogenen Fähigkeiten“ auch voller Stolz Flyergestaltung, Online-Werbung und überragende Kaffeekochkünste vermerken. Bei einem normalen Nebenjob als Studentin wäre das ja auch nicht so schlimm gewesen, aber für das Praktikum musste ich nachweisen, etwas zu können. Was ja sowie nicht gerade meine größte Stärke ist. Aber letztendlich wurde mein Praktikum im Tantrastudio von der Uni anerkannt und alle waren glücklich. Besonders ich.

*******************

Weibliche Naturwissenschaftler
haben sich immer noch nicht etablieren können, zumindest nicht in den Köpfen:

Isambard Kingdon Brunel. 19th century mechanical and civil engineer. Pioneer of public transportation. British. And the name that 12% of people gave when asked to name a famous female scientist, despite the fact that he’s a dude.

The poll of close to 3,000 everyday Joes and Janes in the UK was conducted by market research firm YouGov and advocacy organization ScienceGrrl and coincides with the latter’s Through Both Eyes report, which focuses on the hurdles women face when it comes to entering STEM (science, technology, engineering, math) fields. One of those hurdles: A lack of female role models.

*********************

Immer beliebteres „Geschäftsmodell“ scheint es zu sein, Kinder mit mobiler Werbung in Zahlfallen zu locken:

Dort unten links in der Ecke – genau dort also, wo man sich hinter dem i-Button nähere Informationen erhofft, findet man einen kaum lesbaren Hinweis darauf, was tatsächlich passiert, wenn man auf das Banner klickt bzw. tappt: Der Betrag von € 6,99 wird abgebucht. Und zwar nicht nur einmal, sondern in jeder der folgenden Wochen neu.

Eine Art, wie das technisch funktioniert, hatte ich in diesem Artikel vor zwei Jahren beschrieben, geändert hat sich ganz offenbar seitdem nichts. Wenn der betroffene Mobilfunkvertrag nicht durch die explizite Sperrung des “Inkassos für Drittanbieter” abgesichert wurde oder der jeweilige Provider diese Abbuchung durch Dritte gar nicht erst zulässt, wird die Summe regelmäßig abgebucht. Und zwar so lange, bis der Betroffene die Abbuchungen bemerkt hat und dann auch noch herausgefunden hat, wie er das Abo stoppen und kündigen kann. Denn selbst, wenn der Mobilfunkbetreiber seinem Kunden mitteilt, wer von dessen Konto abbucht, ist das sicher nicht die Firma “Arschlochwerbung AG” mit Telefon und Sitz in Mannheim, sondern wohl eher nur der Startpunkt eines Unternehmensgeflechts, dass sich ganz dem Bereich der mobilen Abzocke verschrieben hat.

***************

Offensichtlich sind Filme, die den Bechdeltest bestehen, alles andere als finanziell riskant:

Im US-amerikanischen Online-Medium „Five Thirty Eight“ hat Walt Hickey nun eine Studie zum Bechdel Test durchgeführt und Bestehen oder Nicht-Bestehen dem wirtschaftlichen Erfolg gegenüber gestellt. Analysiert wurden 1615 Filme, die zwischen 1990 und 2013 veröffentlicht wurden. Filme, die den Bechdel-Test bestanden, hatten im Mittel ein niedrigeres Budget.

Jedoch widersprach der Test einem in Hollywood vebreiteten Mythos: Dem nämlich, dass Frauen in der Hauptrolle „Kassengift“ seien. Tatsächlich ergab die Studie sogar das Gegenteil: Filme, in denen echte Interaktion zwischen Frauen stattfindet, erwiesen sich als finanziell erfolgreicher.

*******************

Die Idee find ich klasse: eine Weltkarte für Nickerchen!

Wo lässt sich in fremden Städten am besten ein Nickerchen machen? Die klar zweckorientierte Weltkarte Google Naps sammelt Ausflugstipps für die Mittagspause, von der Wiese bis zur Parkbank. Wer will, kann auch selbst Empfehlungen beisteuern.

Vor einigen Tagen gestartet, bietet Naps mittlerweile eine beachtliche Zahl Empfehlungen. In Deutschland allerdings ist das Angebot noch überschaubar. Empfohlen werden zum Beispiel eine Bank im Hamburger Park Planten un Blomen und die Wiese vor der Alten Pinakothek in München – beides keine Geheimtipps, aber zumindest Plätze, die den Anforderungen für einen Mittagschlaf gerecht werden.

Schwaben, Gwar & Namensrecht

Schizophrenie, Bodylove, Bodyshaming, Norrie darf „Neutrum“ sein, Gwar-Sänger tot, 20 Jahre neues Namensrecht, Schwaben in Berlin, Sexismus in Belgien vllt. bald strafbar, verschiedene Sexismusformen, brasilianische Männer geben Kleidung schuld an sexuellen Übergriffen.

______________

Nach 43 Milliarden Jahren ist nun Oderus Urungus tot, möge er in Frieden ruhen.
Unvergessen der Gwar-Auftritt bei Jerry Springer (für Euch „vorgespult“, um Euch den bescheuerten „Rape-Rocker“ der Mentors zu ersparen, der am Anfang auftritt… im Übrigen derselbe Kerl, der später behauptet hat, Courtney Love habe in anheuern wollen, um Kurt Cobain zu töten… ahem).

***************

Beängstigende Zahlen aus Brasilien – während die Toleranz gegenüber (nicht sexualisierter) physischer Gewalt sinkt, halten immer noch über 60% der Männer „falsche Kleidung“ für die Ursache von sexuellen Übergriffen:

„Frauen mit körperbetonter Kleidung sind selbst schuld, wenn sie sexuell belästigt werden“ – 65,1 Prozent der BrasilianerInnen stimmen dieser Aussage teilweise oder gänzlich zu. Das zeigt eine umfangreiche Studie, für die 3.810 Frauen und Männer befragt wurden und die gestern vom Institute of Applied Economic Research (IPEA) präsentiert wurde.
(..)
58,5 Prozent der zwischen Mai und Juni letzten Jahres Befragten machen auch das Verhalten von Frauen verantwortlich: Mit „angemessenem Benehmen“ könnten Frauen Vergewaltigung verhindern. Auf der anderen Seite wird physische Gewalt von den Interviewten wenig toleriert: 91,4 Prozent wollen einen Mann, der seine Frau schlägt, im Gefängnis sehen.

*********************

Via.

********************

Oft betreibt man Bodyshaming, ohne es zu merken; iVillage nennt zehn typische Beispiele:

While it’s fine for you to choose clothes any way you want, nobody else is required to adhere to your style.The person wearing that outfit is, in fact, pulling it off, even if you think she’s too flat chested, big chested, short, tall, fat or thin. And fat people don‘t have to confine themselves to dark colors and vertical stripes, no matter who prefers it. And spandex? It’s a right, not a privilege.

*****************

Sozusagen als Gegenprogramm:


**************

Belgien plant, sexistische Äußerungen rechtlich zu bestrafen:

Kann man Sexismus verbieten? Ja, findet der Rechtsausschuss des belgischen Parlaments. Er hat vor zwei Wochen einen Gesetzentwurf der Innenministerin Joëlle Milquet abgesegnet, mit dem Äußerungen und Handlungen bestraft werden können, „welche Menschen gezielt auf Grund ihres Geschlechts als minderwertig diskriminieren, oder sie auf ihre Sexualität reduzieren und damit ihre Würde verletzen“. Durch bis zu 13 Monate Haft sowie Geldbußen für Übeltäter sollen vor allem Frauen stärker geschützt werden. Das ist absurd – und doch notwendig.

*****************

Dazu paßt ein Interview über Sexismus mit der Sozialpsychologin Julia Becker:

Becker: Feindlicher Sexismus ist klarer zu erkennen, er taucht aber in unserer modernen Gesellschaft weniger auf. Der wohlwollende Sexismus hingegen kommt häufig vor, auch bei jungen Männern und er ist schwer zu fassen, weil er ja freundlich verpackt ist.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel, wenn eine Frau im Meeting mit gleichgestellten männlichen Kollegen protokollieren soll, weil sie angeblich eine schönere Schrift hat?

Becker: Genau. Oft sind es Verhaltensweisen in mehrdeutigen Situationen, die zuerst schwer zuzuordnen sind. Wohlwollender Sexismus führt dazu, dass Frauen sich weniger kompetent verhalten: Die Forschung hat gezeigt, dass Frauen Matheaufgaben schlechter lösen, wenn sie vorher auf Geschlechter-Klischees angesprochen wurden, als wenn sie die Rechenaufgabe unbedarft angehen.

**************

Norrie hat vor Gericht gewonnen, nun ist es amtlich: In Australien muß man sich nicht mehr ausschließlich entweder als „Mann“ oder „Frau“ registrieren lassen.

Das Gericht wies jedoch die Forderung von Norrie zurück, man müsse für eine neue juristische Form schaffen, etwa „Intersex“. Das Amt in Sydney wird nun den Antrag von Norrie neu prüfen müssen. Beobachtern zufolge wird der Richterspruch weitreichende Folgen in Bundesstaaten haben, in denen ähnliche Gesetze gelten. „Der Entscheid wird auch für sie bindend sein“, sagte Norrie’s Anwalt Scott McDonald nach dem Urteil.

Es ist durchaus möglich, dass das Urteil auch über die Landesgrenzen hinaus Konsequenzen haben wird. Sein/e Mandant/in sei von „unzähligen Menschen aus Australien und dem Rest der Welt kontaktiert worden, die sich ebenfalls nicht spezifisch identifizieren möchten“.

***************

Beeindruckender Einblick in das Leben einer an Schizophrenie Erkrankten und ihrer Mutter:

Und Lea, die gern schwieg, hörte nicht zu reden auf, ich wollte Ali besuchen, aber der machte nicht auf, heute sei nicht der Moment, sagte Ali, die Tür zu öffnen, seine Freundin sei bei ihm, ich war dann unterwegs und zog durch die Beizen und heilte viele Leute, legte ihnen meine Hände auf oder lächelte sie nur an. Und irgendwann kam mir jemand entgegen, der schlechte Strahlen hatte, ich rannte los, warf die Jacke weg, ich zog alle Ringe aus den Ohren, schmiss sie ins Gebüsch, auch die Uhr, die du mir geliehen hast, Mama, auch die Schuhe zog ich aus, weil die Metallkappen haben. Weil Metall die Energie fehlleitet.

Jeden Morgen briet sie Tofu, drei Schnitzel, aß sie heiß, dann fuhr Lea nach Luzern, kam abends wieder, reiste am Freitag nach Yverdon, war am Samstag um zehn, weil Ali nicht öffnete, wieder im Dorf, Lea trank Aceto Balsamico aus der Flasche, saugte Senf aus der Tube.

******************

Das deutsche Namensrecht wird 20, die Veränderungen gehen langsam vonstatten:

Im März 1991 erklärte das Bundesverfassungsgericht die Regelung von 1958, nach der automatisch der Geburtsname des Mannes gemeinsamer Familienname wurde, falls sich die Ehepartner nicht einigen konnten, für verfassungswidrig. Seit dem 1. April 1994 können Verlobte frei entscheiden, ob sie nach der Hochzeit einen gemeinsamen Familiennamen führen möchten. Andernfalls behält jeder seinen ursprünglichen Nachnamen. Allerdings räumt das deutsche Namensrecht die Möglichkeit ein, auch noch nach der Hochzeit einen gemeinsamen Familiennamen zu bestimmen. Spätestens einen Monat nach der Geburt des ersten Kindes müssen die verheirateten Eltern zumindest festlegen, ob das Kind den Nachnamen des Vaters oder den der Mutter tragen soll. Diese Entscheidung ist dann auch für alle weiteren Kinder bindend.

Ehepaare, die auf einen gemeinsamen Familiennamen verzichten, sind längst keine Ausnahme mehr. In München haben sich beispielsweise im vergangenen Jahr etwa 23 Prozent der Paare für eine getrennte Namensführung entschieden, in Köln waren es 19 Prozent, in Nürnberg 18 Prozent.

-prostitution- Maria spricht

Das Warten hat ein Ende: jetzt der dritte Teil über Prostitution; nach Anjas Protokoll kommt hier nun Maria1 zu Wort.
Sie erzählt von wesentlich weniger privilegierten Umständen – und möchte hauptsächlich, daß ihr keine Steine in den Weg gelegt werden.

__________________

Im von Lady Frieda Harris gemalten Crowley-Tarot prangt auf der Karte „Lust“ die „Hure Babylon“.

______________

Protokoll Maria, Feb./März 2014

******************

Seit fast 20 Jahren arbeite ich nun immer wieder auf dem Strich. Aber nicht immer, nicht die ganze Zeit. Aber es ist mein Beruf. Was ich am meisten tue, wo mein Geld eigentlich herkommt.
Ich hatte nicht so viel Glück wie Anja, so eigenständig zu arbeiten, nicht von Anfang an. Ganz typisch ist, daß ich aus Polen stamme und wegen der Prostitution nach Deutschland gekommen bin.

Ich wußte schon in Polen, um was es ging. So dumm bin ich nicht! Das wissen die meisten Frauen, die sind auch nicht blöd. Manche sind naiv, das gibt es, aber wer als Haushaltshilfe oder so nach Deutschland will, hat da andere Netzwerke und Bekannte. Diese sind bekannt und besser organisiert, das ist ja üblich, daß polnische Frauen in Deutschland alles mögliche arbeiten.

So war das bei mir zumindest, ich weiß nicht, ob das überall so ist. Und bestimmt gibt es darunter auch Betrüger!! Laut sagen tut man es nicht, keine der Frauen redet über Sex!
Meinen Eltern erzählte ich auch, ich sei Kindermädchen. Sie hätten mich sonst wohl gesteinigt, auch wenn meine Mutter selbst nur mit meinem Vater schlief, weil er für ein Dach über dem Kopf sorgte. Ganz zu schweigen von anderen Problemen: wenn es rauskommt, beschimpft man die Eltern und hilft ihnen nicht mehr. Als Kind hatten wir Nachbarn, die lieber bitterarm lebten als das Geld ihrer Tochter anzunehmen, die nach Russland ging. Weil es hieß, sie sei Hure. Ob es so war, weiß ich nicht, aber die Frauen schweigen deshalb, auch voreinander. Das ist im Blut irgendwann.2

Auch bei der Polizei, dort sowieso. Wird man doch mal erwischt, dann ist man immer offiziell unter Zwang, sonst behandeln die einen umso schlimmer und es hilft einem dann auch keiner.
Und ist es nicht egal? So oft, wie wir übers Ohr gehauen werden, von Anfang an (versucht wird es ja immer), und da sind immer Zwänge, die man nicht mag und die wirklich schlimmer sind, aber nichts mit Sex zu tun haben und für die die Polizei kein Verständnis hat.
Aber die wissen doch auch, daß die Frauen den Mund halten, sie brauchen ihre Sexkunden, die müssen wiederkommen und das tun sie nicht, wenn man was verrät. Den Mund halten, das können die Frauen und müssen sie, sonst geht das alles nicht. Die Kunden können sehr nett sein, aber die Polizei hilft einem eigentich nie weiter. Da ist doch klar, daß man mit denen nicht zusammenarbeitet, wenn das nur Nachteile hat!

(mehr…)

-prostitution- Anja spricht

Wie vor kurzem angekündigt, hier das Protokoll von Anja1, die eine Zeit lang ihr Geld als Escort und anderer Sexarbeit verdient hat. Hier äußert sie sich zur Prostitutionsdebatte und benennt Respekt und Transparenz als die wichtigsten Ziele.

___________


Prostitution in Pompeji, Wandgemälde

___________


(Protokoll Anja, Feb. 2014)

*************

Hallo, ich bin die „Anja“2, 33 Jahre alt, nichttraumatisiert, meine Kindheit war glücklich, entjungfert wurde ich erst anfang 20, Mißbrauch kenne ich nicht und meine Eltern sind auch keine Hippies oder so. Damit sind die gängigsten Vorurteile hoffentlich ausgeräumt.

Ich würde mich als bisexuell bezeichnen, obwohl diese Schubladen ja immer so ne Sache sind… denn im romantischen Sinne fühle ich mich nur zu Frauen hingezogen.
Ich verliebe mich aber sehr selten – bisher erst vier Mal (also ich finde, das ist wenig).
Sex habe ich ja aber trotzdem gern! Und wenn ich mich nur alle paar Jahre mal verliebe, ja dann werd ich bestimmt nicht abstinent und frustriert bleiben, bis die Traumprinzessin mal ums Eck kommt!

Unter anderem deswegen hatte ich mich mal auf einer recht expliziten „Dating-Seite“, sag ich jetzt mal, angemeldet. Abgesehen von dem „Ey Babe willste ficken?“-Spam fand ich es ganz nett dort: man weiß von vorneherein, welche Interessen bestehen oder bestünden, ob wer Single ist oder nicht, auf was wer steht (es hat Vorteile, das alles im Voraus zu wissen!), ich kann unbefangener agieren als in einem Gespräch in einer Bar,… und die 3-4 Treffen, die ich anfangs hatte (manche tauchten auch einfach nicht auf, vielleicht Fakes? Oder sie trauten sich letztendlich nicht? Dabei sind die Schüchternen gerade die Angenehmsten), waren alle sehr nett! Die größten Idioten entpuppten sich schon lange vorher im Internet. Die Erfahrungen waren im Schnitt also eigentlich recht positiv.

So, aber irgendwie muß man im Studium ja auch Geld verdienen für Essen, Miete, Bücher, Strom. Ich habe noch 2 Geschwister, die beide studieren bzw. in der Ausbildung sind. Auf meine Eltern konnte ich mich da leider nicht ganz verlassen, die mußten auch noch ihr Haus abbezahlen damals.
Und nachdem ich bei einer wirklich demütigenden Arbeit an der Kasse/Beratung in einem Bekleidungsgeschäft, für knapp 7 Euro die Stunde mit gehetzten, unfreundlichen Kunden und einem sexistsch-süffisanten Chef gekündigt hatte, aber dennoch dringend Geld brauchte, weil justament die Waschmaschine versagte, beschloß ich kurzerhand, das (bisher stets) Angenehme mit dem Nützlichen (eher: Dringenden) zu verbinden. Und eben bei den Internetflirts finanzielles Interesse anzumelden.

Alles in allem kann ich sagen: eine sehr praktische Sache. Momentan bin ich anderweitig finanziell abgesichert und in einer monogamen Beziehung, also liegt mein Internetprofil natürlich auf Eis. Ich würde diesen Weg aber im Zweifelsfall wieder nutzen. Gelöscht ist es nicht, nur „im Koma“, so daß ich keine Gebühren mehr zahen muß.

(mehr…)

-prostitution- wats dat

Eigentlich müßte man Alice Schwarzer danken.
Nein, nicht die Steuersache und die Spende… ich meine die Prostitutionsdebatte.
Indem sie kampflustig ihre, sagen wir mal, „kreativen“ Thesen verbreitete und ein paar Promis für die Anti-Huren-Aktion gewonnen hat, brachte sie fast ganz Deutschland dazu, überhaupt mal ernsthaft über Prostitution zu diskutieren.
Man hört (Vor-)Urteile und Positionen, die längst ausgestorben schienen. Ganz viele Klischees, krude Geschlechtervorstellungen und Naivität – auf allen Seiten.

Das öffentliche Auge richtet sich jetzt auf eine Welt, die ansonsten absichtlich ignoriert wird. Von der man weiß, die man aber so weit wie möglich wegdrängt. Der Straßenstrich, die Bordelle und die neumodischen „Verrichtungsboxen“ (echt mal, kann da nicht mal wer irgendeinen weniger verklemmten Begriff für finden?) haben alle irgendwo am Rand oder vom „normalen Leben“ streng begrenzten Gebieten.
Jetzt wird das immerhin mal thematisiert abseits von Einzelfällen und Skandalen (zumindest wird das teilweise versucht) – das birgt auch die Chance, viele falsche Vorstellungen wieder geradezurücken: Daß die bisherige Liberalisierung der Prostitution nicht automatisch alles prima für Sexarbeiter_innen gemacht hat war der „Was denn, das war doch erledigt“-Fraktion wohl noch nicht klar, andere waren von zufriedenen Huren mit akademischem Hintergrund überrascht und manch Supermacho durfte lernen, daß man – Geld hin oder her – dafür nicht alles mit der Frau tun darf und sie hinhalten muß, daß man sich keine „Frau kaufen“ kann, sondern nur eine Dienstleistung. Daß sexuelle Handlungen GEGEN den Willen des Gegenübers (auch, wenn es sich dabei um eine Hure handelt) Mißbrauch/Vergewaltigung sind. Daß ein Nein auch in dieser Situation ein Nein bleibt. Das ist bei Prostituierten keinen Deut weniger so als bei jedem anderen Menschen.
Und es ist gut, daß solche Dinge wieder mal erwähnt werden und so vielleicht doch in den ein oder anderen Köpfen ankommen.
Die Gesellschaft will ansonsten aber, daß Prostitution so eine Halbschattenwelt bleibt, getrennt von der „Alltagswelt“.
(mehr…)