Archiv der Kategorie 'Group Hug'

Nicht die Menschen scheitern. Die Gesellschaft scheitert.

Schon wieder hat eine Stadt, ein Viertel, ein „Drogenproblem“. Heißt es so schön. Oder eben ein Problem mit den Drogenkonsumenten, zumindest den sogenannten Schwerstabhängigen. Oder den Dealern, die zu offensichtlich dealen, oder zu „offensiv“, wie’s im Beamtendeutsch heißt.

Aber sind die wirklich das Problem? Es gibt sie in jeder Stadt, jedem Viertel, jedem Kuhkaff.
Zum „Problem“ werden sie erst, wenn sie sichtbar werden in der Öffentlichkeit.
Genau wie bei Prostitution, über die man wie eine gesonderte Parallelwelt spricht, obwohl sie sich quer durch alle Wohnviertel und Gegenden zieht, in der die Huren und Freier wohnen und präsent sind (aber bitte nicht zu öffentlich!) ist es auch bekloppt, von der Drogenszene zu sprechen, als wären manche drin und manche draußen.
Es ist aber vielmehr so, daß die Junkies (genau wie Huren und Freier) nicht außerhalb der Gesellschaft leben, sobndern Teil von ihr sind, von ihr produziert. Teil von uns.
Und wenn nun auf einmal viele Menschen mit Suchtproblem umziehen und fremde Dachböden belagern und man in jedem 2. Hauseingang morgens über jemanden drübersteigen muß, von dem man nicht sicher ist, ob er noch lebt, dann ist das mehr wie unschön, sondern eine Situation, über die man sich zurecht beschweren kann!
Nur: man beschwert sich über die Junkies, die sie für ihre eigene mißliche Lage verantwortlich machen. Für diese Situation können die Junkies aber keine Verantwortung übernehmen, denn sie haben sie nicht kreiert.
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3-/4-/5-gliedrige Inklusion! Für alle!

Anfangs gleich ein Outing: ich bin Fan des dreigliedrigen Schulsystems. So, jetzt haut mich.

Damit meine ich allerdings nicht „3 getrennte Schulen“ mit verschiedenen Gebäuden, verschiedenen Klassen, verschiedenem Ansehen, verschiedener Förderung.
Sondern die zugrundeliegende Idee, die inzwischen längst verkümmert ist, bevor sie wachsen konnte: grob gesagt, die Aufteilung in handwerklich/verwaltungstechnisch/akademisch orientierter Bildung. Die Kinder in ebenjenem Talentbereich fördern, der dem jeweiligen Individuum angemessen ist, bzw. wo Interesse und Begeisterung vorhanden ist.

„Dreigliedriges Schulsystem“ – das ist sowieso Heuchelei pur, mal ehrlich.
Gymnasium, Realschule, Hauptschule. Drei. Ach ja, und dann noch die Unaussprechlichen, die nicht zählen, mal wieder wer, der „mitgemeint“ ist. Die kommen dann in die Sonderschule. Halt, moment – Förderschule sagt man jetzt. Das alte Wort klang doch zu sehr nach „aussondern“ (Nachtigall, Dein Trapsen war zu laut). „Förderschule“ klingt in der Tat wesentlich besser (das Vögelchen trampelt jetzt leiser).

Aber auch das impliziert, daß nur eine bestimmte Gruppe so schwach/behindert/behindernd/wtf/whatev ist, daß sie getrennt gefördert werden muß (und: es vermittelt den vermeintlich Stärkeren auch, daß sie evtl. nicht/weniger gefördert werden, sondern das selber wuppen müssen, notfalls Privatnachhilfe. Man sieht ja, was mit Leuten geschieht, die nicht ins System passen, da wirste dann aus dem Klassenverband aussortiert. Wertevermittlung deluxe also, und pädagogisch bestimmt wertvoll für eine unbeschwerte Kindheit und so…) Und auch ob, bzw. inwiefern die Änderung der Bezeichnung sowieso nur Deko fürs PC-Gewissen ist. Worte sind wichtig, aber unsere Lebenswelt besteht nunmal aus mehr. Lippenbekenntnisse allein haben noch in den allerseltensten Fällen was verändert, also ich tät mich ja nicht darauf allein verlassen.
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-prostitution- Maria spricht

Das Warten hat ein Ende: jetzt der dritte Teil über Prostitution; nach Anjas Protokoll kommt hier nun Maria1 zu Wort.
Sie erzählt von wesentlich weniger privilegierten Umständen – und möchte hauptsächlich, daß ihr keine Steine in den Weg gelegt werden.

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Im von Lady Frieda Harris gemalten Crowley-Tarot prangt auf der Karte „Lust“ die „Hure Babylon“.

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Protokoll Maria, Feb./März 2014

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Seit fast 20 Jahren arbeite ich nun immer wieder auf dem Strich. Aber nicht immer, nicht die ganze Zeit. Aber es ist mein Beruf. Was ich am meisten tue, wo mein Geld eigentlich herkommt.
Ich hatte nicht so viel Glück wie Anja, so eigenständig zu arbeiten, nicht von Anfang an. Ganz typisch ist, daß ich aus Polen stamme und wegen der Prostitution nach Deutschland gekommen bin.

Ich wußte schon in Polen, um was es ging. So dumm bin ich nicht! Das wissen die meisten Frauen, die sind auch nicht blöd. Manche sind naiv, das gibt es, aber wer als Haushaltshilfe oder so nach Deutschland will, hat da andere Netzwerke und Bekannte. Diese sind bekannt und besser organisiert, das ist ja üblich, daß polnische Frauen in Deutschland alles mögliche arbeiten.

So war das bei mir zumindest, ich weiß nicht, ob das überall so ist. Und bestimmt gibt es darunter auch Betrüger!! Laut sagen tut man es nicht, keine der Frauen redet über Sex!
Meinen Eltern erzählte ich auch, ich sei Kindermädchen. Sie hätten mich sonst wohl gesteinigt, auch wenn meine Mutter selbst nur mit meinem Vater schlief, weil er für ein Dach über dem Kopf sorgte. Ganz zu schweigen von anderen Problemen: wenn es rauskommt, beschimpft man die Eltern und hilft ihnen nicht mehr. Als Kind hatten wir Nachbarn, die lieber bitterarm lebten als das Geld ihrer Tochter anzunehmen, die nach Russland ging. Weil es hieß, sie sei Hure. Ob es so war, weiß ich nicht, aber die Frauen schweigen deshalb, auch voreinander. Das ist im Blut irgendwann.2

Auch bei der Polizei, dort sowieso. Wird man doch mal erwischt, dann ist man immer offiziell unter Zwang, sonst behandeln die einen umso schlimmer und es hilft einem dann auch keiner.
Und ist es nicht egal? So oft, wie wir übers Ohr gehauen werden, von Anfang an (versucht wird es ja immer), und da sind immer Zwänge, die man nicht mag und die wirklich schlimmer sind, aber nichts mit Sex zu tun haben und für die die Polizei kein Verständnis hat.
Aber die wissen doch auch, daß die Frauen den Mund halten, sie brauchen ihre Sexkunden, die müssen wiederkommen und das tun sie nicht, wenn man was verrät. Den Mund halten, das können die Frauen und müssen sie, sonst geht das alles nicht. Die Kunden können sehr nett sein, aber die Polizei hilft einem eigentich nie weiter. Da ist doch klar, daß man mit denen nicht zusammenarbeitet, wenn das nur Nachteile hat!

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-prostitution- Anja spricht

Wie vor kurzem angekündigt, hier das Protokoll von Anja1, die eine Zeit lang ihr Geld als Escort und anderer Sexarbeit verdient hat. Hier äußert sie sich zur Prostitutionsdebatte und benennt Respekt und Transparenz als die wichtigsten Ziele.

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Prostitution in Pompeji, Wandgemälde

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(Protokoll Anja, Feb. 2014)

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Hallo, ich bin die „Anja“2, 33 Jahre alt, nichttraumatisiert, meine Kindheit war glücklich, entjungfert wurde ich erst anfang 20, Mißbrauch kenne ich nicht und meine Eltern sind auch keine Hippies oder so. Damit sind die gängigsten Vorurteile hoffentlich ausgeräumt.

Ich würde mich als bisexuell bezeichnen, obwohl diese Schubladen ja immer so ne Sache sind… denn im romantischen Sinne fühle ich mich nur zu Frauen hingezogen.
Ich verliebe mich aber sehr selten – bisher erst vier Mal (also ich finde, das ist wenig).
Sex habe ich ja aber trotzdem gern! Und wenn ich mich nur alle paar Jahre mal verliebe, ja dann werd ich bestimmt nicht abstinent und frustriert bleiben, bis die Traumprinzessin mal ums Eck kommt!

Unter anderem deswegen hatte ich mich mal auf einer recht expliziten „Dating-Seite“, sag ich jetzt mal, angemeldet. Abgesehen von dem „Ey Babe willste ficken?“-Spam fand ich es ganz nett dort: man weiß von vorneherein, welche Interessen bestehen oder bestünden, ob wer Single ist oder nicht, auf was wer steht (es hat Vorteile, das alles im Voraus zu wissen!), ich kann unbefangener agieren als in einem Gespräch in einer Bar,… und die 3-4 Treffen, die ich anfangs hatte (manche tauchten auch einfach nicht auf, vielleicht Fakes? Oder sie trauten sich letztendlich nicht? Dabei sind die Schüchternen gerade die Angenehmsten), waren alle sehr nett! Die größten Idioten entpuppten sich schon lange vorher im Internet. Die Erfahrungen waren im Schnitt also eigentlich recht positiv.

So, aber irgendwie muß man im Studium ja auch Geld verdienen für Essen, Miete, Bücher, Strom. Ich habe noch 2 Geschwister, die beide studieren bzw. in der Ausbildung sind. Auf meine Eltern konnte ich mich da leider nicht ganz verlassen, die mußten auch noch ihr Haus abbezahlen damals.
Und nachdem ich bei einer wirklich demütigenden Arbeit an der Kasse/Beratung in einem Bekleidungsgeschäft, für knapp 7 Euro die Stunde mit gehetzten, unfreundlichen Kunden und einem sexistsch-süffisanten Chef gekündigt hatte, aber dennoch dringend Geld brauchte, weil justament die Waschmaschine versagte, beschloß ich kurzerhand, das (bisher stets) Angenehme mit dem Nützlichen (eher: Dringenden) zu verbinden. Und eben bei den Internetflirts finanzielles Interesse anzumelden.

Alles in allem kann ich sagen: eine sehr praktische Sache. Momentan bin ich anderweitig finanziell abgesichert und in einer monogamen Beziehung, also liegt mein Internetprofil natürlich auf Eis. Ich würde diesen Weg aber im Zweifelsfall wieder nutzen. Gelöscht ist es nicht, nur „im Koma“, so daß ich keine Gebühren mehr zahen muß.

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-prostitution- wats dat

Eigentlich müßte man Alice Schwarzer danken.
Nein, nicht die Steuersache und die Spende… ich meine die Prostitutionsdebatte.
Indem sie kampflustig ihre, sagen wir mal, „kreativen“ Thesen verbreitete und ein paar Promis für die Anti-Huren-Aktion gewonnen hat, brachte sie fast ganz Deutschland dazu, überhaupt mal ernsthaft über Prostitution zu diskutieren.
Man hört (Vor-)Urteile und Positionen, die längst ausgestorben schienen. Ganz viele Klischees, krude Geschlechtervorstellungen und Naivität – auf allen Seiten.

Das öffentliche Auge richtet sich jetzt auf eine Welt, die ansonsten absichtlich ignoriert wird. Von der man weiß, die man aber so weit wie möglich wegdrängt. Der Straßenstrich, die Bordelle und die neumodischen „Verrichtungsboxen“ (echt mal, kann da nicht mal wer irgendeinen weniger verklemmten Begriff für finden?) haben alle irgendwo am Rand oder vom „normalen Leben“ streng begrenzten Gebieten.
Jetzt wird das immerhin mal thematisiert abseits von Einzelfällen und Skandalen (zumindest wird das teilweise versucht) – das birgt auch die Chance, viele falsche Vorstellungen wieder geradezurücken: Daß die bisherige Liberalisierung der Prostitution nicht automatisch alles prima für Sexarbeiter_innen gemacht hat war der „Was denn, das war doch erledigt“-Fraktion wohl noch nicht klar, andere waren von zufriedenen Huren mit akademischem Hintergrund überrascht und manch Supermacho durfte lernen, daß man – Geld hin oder her – dafür nicht alles mit der Frau tun darf und sie hinhalten muß, daß man sich keine „Frau kaufen“ kann, sondern nur eine Dienstleistung. Daß sexuelle Handlungen GEGEN den Willen des Gegenübers (auch, wenn es sich dabei um eine Hure handelt) Mißbrauch/Vergewaltigung sind. Daß ein Nein auch in dieser Situation ein Nein bleibt. Das ist bei Prostituierten keinen Deut weniger so als bei jedem anderen Menschen.
Und es ist gut, daß solche Dinge wieder mal erwähnt werden und so vielleicht doch in den ein oder anderen Köpfen ankommen.
Die Gesellschaft will ansonsten aber, daß Prostitution so eine Halbschattenwelt bleibt, getrennt von der „Alltagswelt“.
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