Copyright, Behinderung & Frauenknast

Victim Blaming, Copyright, perfekte Untertanen, Orange is the new Black, unfreiwillige „PR“ für Sexisten?, Auf der Flucht, Kindern den Umgang mit Behinderten lehren & Mails noch immer unsicher.

_________

tom

***********

Schon alt, aber lesenswert: „Kreativität braucht kein Copyright“. Schade nur, daß kaum zwischen Copyright/Urheberrecht/Verwertungsrecht unterschieden wird:

Unverhältnismäßig hohe Strafen unterhöhlen das Rechtsempfinden und schrecken nur kurzfristig ab.
Eine „Fair Use“-Regelung, die nichtkommerzielles Kopieren straffrei stellt, trägt zu Vereinfachung, Transparenz und Rechtsfrieden bei.
Die wirksamste Antwort auf Tauschbörsen wie Napster und Kazaa sind kommerzielle Angebote wie iTunes, Soundcloud oder Spotify.
Die Angebotsvielfalt wird durch unautorisiertes Kopieren bislang nicht verringert.
Viele Künstler lebten auch vor den Zeiten des Internet nicht von den Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Werke, sondern durch Nebenjobs, Einkünfte aus Umverteilungsgesellschaften wie der Gema und von Stipendien und Preisen.
Die Schutzdauer ist mit teils 70 Jahren nach dem Tod der Urheber deutlich zu lange, rund 15 Jahre wären sinnvoll, weil sonst viele Werke „verwaisen“, wenn die Urheberrechtslage unklar ist.
Das Immaterialgüterrecht, also Urheberrecht und Copyright, ist international uneinheitlich, der Markt für die Rechtevergabe komplex und zersplittert.
Schutzrechte wie Copyright, Urheber- und Patentrechte fallen in den Wirtschaftswissenschaften in die Rubrik „temporäre Monopole“, sie gelten als schwere Eingriffe in die Marktwirtschaft. Es kann gute Gründe für diese Eingriffe geben, aber das Urheberrecht geht mit Pflichten einher: Industrien, die Schutzrechte für sich reklamieren, müssen plausibel erklären, warum die Allgemeinheit diese Rechte schützen soll. Das erfordert ein Minimum an Transparenz.

**************

**************

Wir züchten uns die perfekten Bürger_innen. Silke Burmester, schön polemisch:

Der Blick auf die Erwachsenen von heute zeigt doch, wie wichtig es ist, Kindern Zugänge zu blockieren. Das wird deutlich, wenn man auf die degenerierten Fast-Food-Fresser schaut, ebenso wie auf diejenigen, die auf die irre Idee kommen, die Welt verändern zu wollen und den Kapitalismus kritisieren. Leistungsverweigerer allesamt. Jeder auf seine Art. Da muss ein Staat eingreifen und eben nur das übrig lassen, was aus Kindern leicht zu führende, angepasste Leistungsträger macht, die nicht auf die Idee kommen, sich dem Machthabertraum von einer „Brave New World“ zu widersetzen.

Wirklich, Internetfilter sind nur zum Besten unserer Kinder. Politiker wissen das. Das sind weitsichtige Menschen. Deshalb ist es auch richtig und wichtig, dass die Engländer und Amerikaner alle Lebensbereiche ausspionieren. Kontrolle ist wichtig. Damit man denen helfen kann, die vom Weg abkommen. Nur, wenn die Machthabenden wissen, wer wo welches Problem hat, wer welche Interessen verfolgt, die fern ihres Interesses liegen, können sie dem Einzelnen etwa durch Internetfilter helfen, sich den schlimmen Einflüssen zu erwehren und auf Linie zu bleiben. Oder auf die Linie zu finden.

**************

Auf Shehadistan wird das große ZDF-Fail der Sendung „Auf der Flucht – das Experiment“ erklärt. Vorsicht, wer das Video anklickt. Man will seinen Kopf auf die Schreibtischplatte hauen. Oft. Ich hab stolz die Hälfte geschafft – dieses Geschwätz ist allerdings der eindrucksvollste Augenöffner, warum das Konzept vielleicht eben doch keine so gute Idee war:

*********

Raul gibt 10 Tips an Eltern, wie sie mit ihren Kindern beim Thema Behinderung umgehen. Zum Beispiel:

Frage immer, bevor du hilfst.
Viele Eltern meinen es gut und bringen ihren Kindern bei, zu helfen wann immer es geht. Aber es ist genauso wichtig ihnen beizubringen nachzufragen, ob sie helfen sollen, bevor sie es tun. Nur so können sie anderer Leute Selbstständigkeit würdigen und mich als solchen respektieren.
Einem Kind beizubringen automatisch mir zu Hilfe zu eilen, macht es ihnen schwer, mich als Person, abgesehen vom Rollstuhl, zu sehen. Sie wissen zu lassen, dass ich vieles allein kann ist eine wichtige Lektion für Kinder.

*******

Sind die E-Mails von Telekom, GMX und Web.de jetzt sicher? Nö. Wie zu erwarten das übliche Propaganda-Werbe-Bahblah, geliefert wird ein „Schutz“, der längst schon Asbach Uralt ist:

Am Freitag verkündeten Telekom, GMX und Web.de gemeinsam und voll stolz, es gebe nun „E-Mail made in Germany“. Die seien besonders sicher, denn ab sofort werde der E-Mail-Verkehr zwischen den Servern von Web.de, GMX und Telekom verschlüsselt. Damit ist er zumindest auf dem Weg zwischen den Providern nicht mehr problemlos mitlesbar. E-Mails, die bisher auf ihrer Reise durchs Netz wie Postkarten für jeden einsehbar waren, bekommen nun wenigstens einen Umschlag.

Neuer Sicherheitsstandard?

Zumindest auf Teilen der Strecke. Und auch nur, falls die E-Mail den richtigen Empfänger erreicht. Denn wirklich sicher ist das nicht. Einen „neuen Sicherheitsstandard“, wie United Internet und Telekom verkünden, haben sie auf keinen Fall geschaffen. Im Gegenteil, sie haben endlich einen umgesetzt, der schon lange gefordert wird.

*************

Unfreiwillige PR für Sexisten
? Beschweren und diskutieren lohnt sich trotzdem, meint Antje Schrupp:

Wenn wir eine Gesellschaft sein wollen, in der platter Sexismus sich verkauft: Bitte schön, dann ist das so. Ich habe überhaupt keine Lust dazu, die Zähne zusammenzubeißen und meinen Ärger für mich zu behalten, bloß weil das irgendeine Aufmerksamkeits- und Marketinglogik angeblich erfordert.

Außerdem ist das “Regt euch nicht auf, es gibt erstens Wichtigeres und zweitens gebt Ihr denen noch Futter” inzwischen zu so einer Art Standardargument geworden, wenn jemand Kritik an sexistischen Medienplattitüden äußert.

Auch im Bezug auf Drohungen, Beschimpfungen und Beleidigungen im Netz wird dieses Argument unter dem Slogan “Don’t feed the Trolls” immer wieder vorgebracht. Aber das Argument ist falsch, jedenfalls in dieser Pauschalisierung. Trolle und Sexisten verschwinden nicht davon, dass man sie ignoriert. Richtig ist: Wenn man sie kritisiert, bekommen sie mehr Aufmerksamkeit.

Aber der Punkt ist: Meine Aufmerksamkeit haben sie sowieso. Sie haben mir den Tag versaut, wenn ich sie weglöschen muss, ebenso wie mir jede blöde Sexistenwerbung den Tag versaut, wenn sie sich ungefragt in mein Blickfeld drängt. Und diesen Ärger reiche ich gerne an die Öffentlichkeit weiter (nicht nur an euch Leser_innen hier im Blog, sondern auch an die Menschen in meiner Umgebung, die ja auch damit leben müssen, dass ich mich schon wieder aufrege und unleidlich bin).

**************

Frauenknast-Serie ohne Sexploitation
(und außerdem spielen „Cpt. Janeway“ Kate Mulgrew und That 70ies Show-Darstellerin Laura Prepon mit): kleinerdrei über „Orange is the new Black“.

Zwar bleibt das Interesse daran, wie Piper ihre Zeit im Gefängnis überstehen oder wie sich die Beziehung zu ihrer Ex-Freundin Alex entwickeln wird, doch rückt die Story auch immer wieder von ihr ab und beleuchtet die Geschichten der anderen Insassinnen, was die Erzählung ausgeglichener macht. Wie auch Pipers Vergangenheit lernen wir viele von ihnen über Rückblenden in ihre Leben vor dem Gefängnisaufenthalt kennen (in der Erzählweise fühlte ich mich sehr an die frühen Folgen von “Lost” erinnert). So gewinnen die Figuren stetig an Komplexität und Individualität und ihre anfängliche Eindimensionalität erscheint rückblickend eher als Projektion Pipers und als Resultat eines Gefängnisalltags, in dem das Bilden von Gruppen und Suchen von “Gleichen” zur Überlebensstrategie gehört.


0 Antworten auf „Copyright, Behinderung & Frauenknast“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


acht − fünf =