Will Wheaton, Pferdemädchen & Rebellentum

„Ich bin kein Sexist, aber…“, Abkotzen über „Frauen“magazine, Sinn & Unsinn eines Twitter-Meldebuttons, in Gebärden rocken!!, Konformismus als Merkels Heiliger Gral, Igittbäh im sommerlichen Privatfernsehen, die queere Seite der Weimarer Republik, psychedelische Kunst, Rebellentum & Jugend, Pferdemädchen und Will Wheaton.

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Kritischer Blick auf sommerliche Fernsehprogramm der Privaten – überall dasselbe Schema:

Und sowohl bei Wild Girls als auch bei Reality Queens wird ein Dutzend weiblicher „low-brow celebrities“ nach Afrika entsandt, um einerseits den kolonialen Blick als ironische Geste zu etablieren und andererseits dem jeweiligen Moderator zu gehorchen, wenn er ein weiteres merkwürdiges Spiel oder die Abreise der „Nominierten“ befiehlt. Während die Wild Girls selbst per Abstimmung entscheiden, wer aus der Gruppe ausgeschlossen wird, obliegt die Wahl bei Catch The Millionaire dem Millionär. Das Dating-TV-Ritual schreibt vor, dass der Abschied wortreich bedauert wird; der Off-Sprecher bezeichnet ihn einmal als „erbarmungslos, aber natürlich“. So avanciert eine Selektionsshow zum Naturgesetz.

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Merkel wünscht sich ein Land voll Konformisten, denen die Internetspionage am Arsch vorbeigeht:

Bei Merkel ist ein freier Bürger einer, der es sich in den herrschenden Verhältnissen so angenehm wie möglich macht. Der den Konflikt scheut, keinen Mut zur Bewährung, wenig Willen zur Veränderung hat.

Doch was ist mit denen, die sich austauschen, einmischen, Dinge selbst verstehen und einschätzen wollen? Für die Freiheit Mündigkeit bedeutet, im Gegensatz zur Unmündigkeit des Bürgers einer Diktatur. Was ist mit denen, die kosmopolitisch leben und denken? Die biografisch oder mit einem Teil ihres Denkens in den USA, in Südamerika, in Asien, Afrika, im Nahen Osten, in Iran oder in Pakistan zu Hause sind? Die in großen Teilen online leben und damit unter Beobachtung stehen? Was ist mit denen, die den Krieg gegen den Terror für fatal halten und nicht daran glauben, dass die Welt vor Muslimen geschützt werden muss? Wer so etwas öffentlich sagt, auf Facebook, auf Twitter, taucht vielleicht in einer digitalen Akte auf. Wer häufig in bestimmte Länder reist, bestimmte Blogs liest, bestimmte Meinungen vertritt, dem könnte eines Tages eine Einreise oder Ausreise verwehrt werden.

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Artikel über die queere Seite der Weimarer Republik:

Weimarer RepublikHexensabbat für Schwule und Lesben

Der Christopher Street Day in deutschen Städten gehört zum Sommer wie die Hitze. Die erste schwullesbische Bewegung blühte im Berlin der 1920er Jahre.

CC BY-SA 3.0 DE Bundesarchiv
Das Travestielokal Eldorado in der Motzstraße in Berlin-Schöneberg wurde 1933 von den Nazis geschlossen. (Aufnahme von 1932)

Das Travestielokal Eldorado in der Motzstraße in Berlin-Schöneberg wurde 1933 von den Nazis geschlossen. (Aufnahme von 1932)

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt – mit diesem Filmtitel trat Rosa von Praunheim 1971 eine neue Homosexuellenbewegung in der Bundesrepublik los. Diesen Sommer feiern wieder Tausende Schwule, Lesben, Bisexuelle und transidente Menschen den Christopher Street Day. Am Wochenende allein in sechs deutschen Städten. Diese Tradition war nicht die erste Emanzipationswelle von Menschen, die sich zur LBGT-Gemeinde zählen. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts blühte in Berlin schwullesbisches Leben.

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig beschreibt die Zeit in der Weimarer Republik in seinen Lebenserinnerungen Die Welt von Gestern als bunten Hexensabbat. „Den Kurfürstendamm entlang promenierten geschminkte Jungen mit künstlichen Taillen und nicht nur Professionelle; jeder Gymnasiast wollte sich etwas verdienen, und in den verdunkelten Bars sah man Staatssekretäre und hohe Finanzleute ohne Scham betrunkene Matrosen zärtlich hofieren.“ Auf den berühmten Berliner Transvestitenbällen tanzten Männer in Frauenkleidern und Frauen in Männerkleidung. Der Erste Weltkrieg war zu Ende, die Wirtschaft lag am Boden und hatte die bürgerliche Moralordnung mit sich gerissen. In Berlin feiert sich die Jugend, das Leben, die sexuelle Freiheit.

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Laura Schwengber hat einen der coolsten Jobs der Welt: sie ist Gebärdendolmetscherin bei Konzerten!

Fragt sich nur: Wer braucht das? Gehörlose, klar. Einer von ihnen ist Sebastian Pöppel, der vor der Bühne steht, nur ein paar Meter von Schwengber entfernt. Er ist zusammen mit drei tauben Freunden aus Berlin gekommen, eine Stunde haben sie mit dem Auto gebraucht. Aber warum geht er überhaupt zu einem Konzert, wenn er die Musik nicht hören kann? Pöppel lächelt, er scheint die Frage zu kennen.

Mit der flachen Hand klopft er sich auf die Brust. „Wenn der Bass stark genug ist, spüre ich das im Brustkorb“, übersetzt eine Bekannte. „Und ich mag die Stimmung und die Lichtshow.“ Techno und House mag der 33-Jährige am liebsten, auf dem Unterarm trägt er ein Tattoo von Deadmau5, einem House-DJ aus Kanada. Schwengber kennt er von einem Berliner Gehörlosenstammtisch. „Ich war neugierig, wollte wissen, wie das Dolmetschen auf Konzerten funktioniert. Laura macht das gut.“

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Mr. Nerd Will Wheaton richtet leidenschaftliche Worte an das Kind eines Fans:

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Linkliste zur „Pferdemädchen“-Blogparade:

Hurra! Endlich kann ich auch mal eine Blogparade präsentieren. Dass es dabei ausgerechnet um Pferde geht, ist zwar etwas eigentümlich, aber manchmal kommen die Dinge eben so, wie sie kommen, das wusste schon John Lennon.

Wer mitmachen will schreibt über sein Ponyhoftrauma und schickt mir einen Link (per Twitter oder in den Kommentaren geht natürlich auch). Wir nehmen aber auch Erfolgsstorys, da sind wir nicht so.

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Bildstrecke in der Süddeutschen mit psychedelischer Kunst:

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Auf kleinerdrei wird über Sinn und Unsinn eines Twitter-Meldebuttons diskutiert:

Reporting-Systeme, die über einen Einzelklick funktionieren, sind in der Regel automatisiert, d.h. ab einer bestimmten Anzahl von Flags wird der Content runtergenommen/gelöscht und/oder die_der User_in gesperrt, so geschehen z.B. mit den Videos von Anita Sarkeesian.

Auf Twitter passiert dies bereits über den Spam-Block-Button, der meines Wissens nach aber eben aufgrund des einfacheren Vorgangs genauso genutzt wird, um Troll-Accounts zu “melden” – allein daran zeigt sich bereits die Krux des geforderten Buttons.

Eine rein manuelle Moderation ist angesichts der Tweets, die täglich weltweit gepostet werden, personell jedenfalls nicht umsetzbar. Twitters Bearbeitungssystem besteht aus automatisierten sowie manuellen Prozessen wie auch jetzt aus einem Blogpost hervorging, mehr Transparenz lassen sie jedoch bisher vermissen.

Ironie und Sarkasmus? Wer garantiert, dass die Moderator_innen gut genug geschult sind und vorurteilsfrei handeln? Wie kann sich eine zu Unrecht gebannte Person trotzdem schnell wieder Zugang zu ihrem Account verschaffen?

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Genußvolle Watschn für Geschlechterklischees:

Warum wir auf Frauen stehen, die uns abblitzen lassen

„Das ist wie beim Tennis. Richtig interessant wird es erst, wenn der Gegner es einem schwer macht.“

Bravo! Verkomplizieren wir das, was zu einem wunderbaren Bestandteil des künftigen Lebens werden könnte, zusätzlich. Nichtmelden, keine Gefühle – und schon gar nicht offensichtliches Interesse – zeigen. Wer weiß, vielleicht sind letztendlich doch beide interessiert und schlittern in eine Beziehung. Hilfe!

Weiters sollte man darauf achten, einen Mann nicht „abzuschrecken“, in dem man ihn anspricht (!). „Männer mögen nunmal keine offensiven Frauen.“ Wer genau mag keine offensiven Frauen? Männer, die „erobern“ mit evolutionsbiologischen Jagdinstinkten assoziieren? Männer, die Angst vor Frauen haben, die nicht bis an ihr Lebensende auf ihr Glück warten wollen – und selbst aktiv werden?

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Jugendforscher Klaus Farin im Interview über Rebellentum:

Natürlich geht es Jugendlichen vorrangig darum, sich zu präsentieren. Sie haben auch genug Aufgaben zu bewältigen: Pickel, der erste Sex, das erste Kiffen, Trinken, Jobschwierigkeiten. Und vor allem Spaß haben. Denn wann sollte man Spaß haben, wenn nicht in der Jugendzeit?

Aber Jugend ist per se ein Politikum. Der Freiraum für Jugendliche schwindet immer mehr, besonders in den Städten. Die Jungen werden entmündigt, nicht ernst genommen, so wie die ganz Alten. Sie sind kommerziell interessant, haben aber nicht viel zu sagen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel über die Jugend gesprochen wird und wie wenig mit den Jugendlichen selbst. Jahrelang riefen bei uns im Archiv Anfang April besorgte Lehrer an: Schülerinnen trügen eine schwarze Binde am Oberarm – eine neue Sekte? Dabei waren es Trauerschleifen, denn der 5. April ist der Todestag von Kurt Cobain. Aber gefragt hat man die Mädchen nicht.

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Frau Dingens präsentiert einen Leseausschnitt von „Ich bin kein Sexist, aber…“:

Doch wo genau kommt dieser Drang her, Sexismus reflexartig mit Flirtversuchen, Erotik und misslungenen Witzen gleichzusetzen? Was genau ist überhaupt Sexismus? Es wird und wurde viel über Sexismus, sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe gesprochen. Eine oftmals wiederkehrende Reaktion ist die Verunsicherung in Bezug darauf, welches Verhalten »noch in Ordnung« ist und welches Verhalten schon als sexistisch gewertet werden kann. Was unterscheidet einen Flirt von Sexismus? Die Grenze verläuft unstetig, ist schmal und unsichtbar. Sie liegt dort, wo sich Menschen nicht mehr auf Augenhöhe, sondern in einem Machtverhältnis begegnen. Die gute Nachricht vorab: Studien belegen immer wieder, dass sowohl Frauen als auch Männer klar erkennen können, wann etwas sexistisch – also objektifizierend, abwertend – und wann etwas ein Kompliment oder ein Flirt ist. Eine Ende der 1990er Jahre durchgeführte Untersuchung zeigte sogar, dass Männer anzügliche Witze, Bemerkungen und pornographische Bilder am Arbeitsplatz eher als Belästigung einstuften als Frauen. Das Bewusstsein darüber, was »noch erlaubt« ist und was die feine Grenze überschreitet, scheint also durchaus vorhanden.


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