Definitionsmacht, Pillen-Statement & Koffertragen

Definitionsmacht, krebsfördernder Hormonkack in 1/3 der Kosmetika, „Was ist es denn?“– „Ein Baby.“, Statement zur Pille, keine Heirat unter 18!, Asylsuchende dürfen nicht mehr als Kofferträger_innen arbeiten, Datenskandal, Begnadigung der vergewaltigten Marte Dalalv, Interview mit Katharina Nocun, Geheimdienst-Petition, Programmierinnen im 2. WK, Leben als Whistleblower, Fotos vom Ihme-Zentrum, „ge-störte“ Identitäten und Abtreibungsskandal in Österreich.

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Wichtige Gedanken und wahre Worte zum Überwachungsskandal – „Wer nicht frei kommunizieren kann, der führt kein freies Leben“:

Es gibt Hoffnung, dass die Kanzlerin die Sache inzwischen mit dem nötigen Ernst verfolgt. Und sie scheint erkannt zu haben, wo Amerika verwundbar ist. Angela Merkel fordert, dass die amerikanischen Internet-Konzerne gegenüber europäischen Stellen erklären, was sie speichern und an wen sie diese Daten herausgeben. Die klandestine Beziehung von Google, Facebook und Co. zur NSA wäre damit kein Geheimnis mehr. Eine solche Transparenz-Regel will die zuständige EU-Kommissarin Viviane Reding schon lange durchsetzen, die Internet-Industrie und die amerikanische Regierung laufen in Brüssel seit Monaten Sturm dagegen. Abgeordnete des EU-Parlaments berichten von einem geradezu beispiellosen Lobbying. Mit Merkels Unterstützung könnte diese von ihnen so gefürchtete Regelung zustande kommen.

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Die vergewaltigte Norwegerin in Dubai wurde begnadigt. Ines Kappert analysiert schrarf: damit Frauen Recht erfahren, müssen sie es immer noch (aggressiv) einfordern:

Nur weil Marte Dalelv offenbar keine Sekunde darüber nachdachte, ob sie etwas falsch gemacht hat, und weil sie auf die Unterstützung der norwegischen Regierung zählen konnte, ist sie dem Unrechtsstaat entkommen und schafft Öffentlichkeit für eine riesige Schweinerei.

Den Dubaierinnen indessen wird das erst mal nicht helfen. Niemand wird wegen einer renitenten Norwegerin die Gesetze ändern. Da muss schon mehr passieren. Zum Beispiel könnte die westliche Geschäftswelt diese Geschichte zum Anlass nehmen, allen Businesspartnern klarzumachen, dass sie Gewaltanwendung gegenüber Mitarbeiterinnen nicht als Kleinigkeit betrachtet, nach dem Motto: andere Länder, andere Sitten.

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Diskussion über Arbeit und hierarchiefreie Abhängigkeit bei fuckermothers:

Notwendig ist beim einen wie beim anderen, dass es Regeln und Institutionen gibt, die verhindern, dass Abhängigkeit nicht in Unterwerfung unter totale Tyrannei kippen kann. Das können zum Beispiel Gewerkschaften, Betriebsräte oder das Arbeitsrecht, oder Scheidungsgerichte und Unterhaltspflicht sein – die aber in der heutigen Gesellschaft viele Abhängige leider eher unvollkommen schützen. Trotzdem frage ich mich weiter, ob die Abhängig im privaten und im beruflichen tatsächlich vergleichbar ist. Gibt es nicht doch massive Unterschiede durch Gefühle und Intimität? Sind bestimmte Beziehungen, besonders zu Kindern, nicht doch viel langfristiger als die zu einer Arbeitsstelle? Oder führe ich dadurch die viel kritisierte Unterscheidung Privat versus Öffentlich wieder ein?

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Eindringlicher Text: Definitionsmacht aus Betroffenensicht.

Anerkennung von Definitionsmacht ist für mich eine notwendige Voraussetzung für eine Auseinandersetzung damit, was passiert ist. Wenn der Täter nicht verstehen will, was er mir angetan hat, wie sollte er darüber reflektieren können? Wie könnten wir eine politische Lösung finden, wenn wir nicht einmal die Grundlage teilen, dass meine Grenzen wichtiger sind als sein Vergnügen5 und dass meine Wahrnehmung genauso viel wert ist wie seine6? Wie sollte ich einen Menschen ernst nehmen, der der Meinung ist, dass er mehr wert ist als eine Frau*? Wie könnte eine Person in einer linken Gruppe mitarbeiten, die einen zentralen Grundsatz – nämlich dass alle Menschen gleich wichtig sind – nicht teilt?

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Zeit-Interview mit Katharina Nocun; sie übt Kritik an der lahmen „Reaktion“ der Regierung im Datenskandal:

Wir alle. Wer überwacht wird, ist nicht mehr frei. Es geht nicht nur um Journalisten und Anwälte, die ihren Beruf nicht ausüben können, wenn ihre Informationen und Quellen nicht geschützt werden. Es geht auch um Jugendliche, die heute etwas auf Facebook posten, das ihnen in zwanzig Jahren bei einer Einreise in die USA vorgehalten wird. Da geht es um Grundsätzliches: Ohne die Vertraulichkeit von Kommunikation kann Demokratie nicht funktionieren. Der Staat sammelt immer mehr Daten für die Zukunft, wir werden immer mehr von einem Rechtsstaat zu einem Präventionsstaat.

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Das Frauen-Internationalismus-Archiv Dortmund berichtet von den Morden an zwei Sexarbeiter_innen, Dora Özer in der Türkei und Petite Jasmine in Schweden, und den dazugehörigen Protesten:

Vielfältige Diskriminierungen und Stigmatisierung, unter anderem bestimmt von Geschlechterverhältnissen und -vorstellungen, von Vorstellungen über Moral und Ordnung, prägen den Status von Sexarbeit. Durch marginalisierende Rahmenbedingungen begünstigte gewaltförmige Verhältnisse werden aber im öffentlichen Diskurs im Allgemeinen nicht als Resultate dieser Bedingungen betrachtet, sondern wiederum der Sexarbeit angelastet.

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Eine BUND-Studie fand heraus, daß 1/3 der Kosmetika/Pflegeprodukte hormonähnliche Substanzen erhalten, die im Verdacht stehen, Krebs und Unfruchtbarkeit zu verursachen:

Hormonähnliche Substanzen können den Körper auf unterschiedliche Weise beeinflussen. Entweder sie binden sich an Stellen im Körper, die eigentlich für eine körpereigene Substanz vorgesehen sind, und lösen auf diese Weise die gleiche Reaktion aus, wie der körpereigene Stoff. Oder sie blockieren die Bindestellen der Hormone im Körper. Ebenfalls möglich ist, dass sie die Produktion, den Abbau oder Transport stören.

Als Quelle für endokrine Disruptoren kommen neben Kosmetika Pestizide oder Medikamente wie die Antibabypille in Frage. Aber auch Farben und Weichmacher aus Kunststoffen und Bestandteile von Pflanzen, etwa Isoflavone aus Sojabohnen, stehen im Verdacht, bei bestimmten Konzentrationen den Hormonhaushalt des Menschen durcheinanderzubringen.

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Die Opalkatze weist auf eine Petition bezüglich Geheimdiensten hin:

Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass alle seit 2001 bestehenden und neu zu schaffenden Befugnisse und Programme der Sicherheitsbehörden und insbesondere der Geheimdienste systematisch und nach wissenschaftlichen Kriterien auf ihre Wirksamkeit, Kosten, schädlichen Nebenwirkungen, auf Alternativen und auf ihre Vereinbarkeit mit unseren Grundrechten untersucht werden und die Ergebisse der Öffentlichkeit und dem Bundestag zur Verfügung gestellt werden.

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Die Femgeeks schreiben über die Bletchley Park- Programmiererinnen im Zweiten Weltkrieg:

In der Geschichtsaufarbeitung sind sie kaum sichtbar, dabei stellten sie die Mehrheit der Beschäftigten. Sue Black und Jan Peters der BCSWomen, einer Untergruppe der British Computer Society (BCS), haben daher angefangen, die Geschichten der Frauen aufzuzeichnen.

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Wie fühlt es sich eigentlich an, Whistleblower zu sein? Was passiert da mit einem? Die Whistleblower Inge Hannemann und Guido Strack erzälen:

Dass ich mit meinem Namen an die Öffentlichkeit gegangen bin, war trotzdem richtig und wichtig. Wenn ich anonym geblieben wäre, hätte das niemals so eine Wirkung gehabt.

Ich will noch mehr aufdecken und rechne damit, dass die Bundesagentur versuchen wird, mich finanziell kaputt zu machen. Auch mein Mann arbeitet dort, sicherlich wird man versuchen, ihm auch zu kündigen. Ich habe Angst vor persönlicher Rache.

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Kaum kriegt die Umwelt mit, daß frau schwanger ist, wird man ständig mit der „Was wird es denn?“-Frage bombadiert. Was es wird? Na, ein Baby, hoffentlich!

Und ich denke: selbst wenn ich es wissen wollte, woher weiß ich denn, dass ich es weiß? Mit einem Ultraschall kann ich herausfinden, ob dieser Fötus einen Penis oder eine Vulva hat. Oder weniger „eindeutige“ Genitalien. Aber reicht das denn aus, um auf ein Geschlecht zu schließen? I don’t think so. Für eine meiner Mütter hat es über 30 anstrengende Jahre gedauert, herauszufinden und anzunehmen (as in accept, not assume), dass sie eine Frau ist. Ich will nicht so überheblich sein, das besser zu wissen als mein Kind. Und es ist ja viel mehr als „wissen“. In dem Moment, in dem ich mir einbilde, ein Geschlecht zu wissen, baue ich es. Ziehe mit einem Superstaubsauger alle Bilder von Geschlecht x oder Geschlecht y, die ich kenne, nah ran, lege sie auf dieses Kind, das da kommt, und gleiche sie mit dem Kind ab. Ich möchte das nicht.

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Die UNICEF fordert ein internationales Verbot von Heiraten unter 18 Jahren:

Junge Frauen sollen dadurch vor Zwangsverheiratungen geschützt werden, denn je jünger die Kinder, desto seltener geschieht die Hochzeit auf eigenen Wunsch
(…)Das Kinderhilfswerk UNICEF fordert weltweit ein gesetzliches Mindestheiratsalter von 18 Jahren. Das könne dazu beitragen, dass Zwangsehen von Kindern verhindert werden, sagte die Pressesprecherin von UNICEF Deutschland, Ninja Charbonneau, am Mittwoch. Millionen Menschen sahen in den vergangenen Tagen ein Internet-Video, in dem ein angeblich elfjähriges Mädchen von ihrer Flucht vor einer Zwangsehe berichtet

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Abtreibungsskandal in Österreich:

Laut einer Stellungnahme der Abteilungschefin der Gynäkologie im Hanuschspital kam es bei der Abtreibung nicht nur zu einer Perforation der Gebärmutter, sondern auch zu einer „Verletzung mehrerer Arterienäste“, was zu massiven Blutungen führte. Die Patientin erhielt während der Notoperation zwei Blutkonserven und wurde „am 6. postoperativen Tag beschwerdefrei nach Hause entlassen“.

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Indentitätskritik über „ge-störte“Identitäten:

Wie bewege ich mich zwischen Boxershorts und Ballkleid? Zwischen Sexualisierung und Entsexualisierung? Und welche Privilegien kommen mir durch meine Cis-Identität zu? Es ist nicht leicht, sich erst etwas erkämpfen zu müssen und dann zu zweifeln, ob dass denn so seine Richtigkeit hat. Aber mir ist es wichtig, den Begriff „Frau“ zu verwenden, ihm nicht auszuweichen. Ich bin kein „Mensch“. Ich “bin” eine Frau (im Sinne eines Konstruktes), ich werde inzwischen auch so gelesen. Der Begriff wird zu oft mit Schwäche verbunden. So als ob ich bestimmte Erfahrungen nicht mehr mache, wenn ich den Begriff vermeide. Genauer noch: Ich bin eine dicke, lesbische Frau. Das ist ja noch komplizierter – “eine” Identität, wo ich dann am Besten nur „liebe“ und nicht begehre. Weil „Liebe“ schafft es ja, über diese Mängel hinwegzusehen. Wenn kümmern da schon Körper (oder das Geschlecht), wenn die Liebe ™ da ist. Einfach grenzenlos.

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Die Brav_a sucht Dein Statement zur Pille:

In der nächsten Brav_a soll es eine Sammlung von Statements zur „Pille“ bzw. hormonelle Verhütungsmethoden allgemein geben. Ein sehr spannendes und kontroverses Thema.. Falls euch dazu was einfällt würden wir uns über eine mail freuen – das Statement sollte einen Satz bis eine halben (A5) Seite lang sein. Es muss nicht perfektionistisch durchformuliert sein.. kann es aber auch

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Ninia LaGrande präsentiert ein Fotoprojekt über das verfallende Ihme-Zentrum:

Heute habe ich ein weiteres Fotoprojekt umgesetzt, das ich schon lange im Kopf hatte. Das Ihme-Zentrum kennt in Hannover jede/r. Der einst als „Stadt-in-der-Stadt“-geplante Gebäudekomplex soll Ende August zwangsversteigert werden.

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Wie verhindert man aktiv Integration? So:
Bis vor kurzem konnten Asylbewerber für 1,05 €/Stunde (unhaltbar, aber laut Gesetz dürfen sie nicht mehr verdienen) als Kofferträger arbeiten; die Flüchtlinge freuten sich über das Taschengeld (und die Trinkgelder) und die Chance, sozial mit der Gesellschaft zu interagieren statt im Asylbewerberheim vor sich hin zu vegetieren. Die Deutsche Bahn hatte damit ein Problem und stoppt das Projekt – und setzt nun Bahnmitarbeiter als Kofferträger ein, nach üblichem Bahntarif bezahlt.

Das freiwillige Projekt mit den Asylbewerbern hatte am Montag begonnen und sollte im Test zunächst bis Ende August laufen. Die Idee für die Aktion, die mit der Bahn und dem Landkreis Ostalbkreis umgesetzt wurde, stammte von Oberbürgermeister Richard Arnold (CDU). „Ich bin enttäuscht und auch traurig für die Menschen, denn es handelt sich um hochmotivierte junge Leute“, sagte er. Die Aktion habe die Flüchtlinge in direkten Kontakt mit der Bürgerschaft gebracht. „Es entwickeln sich Gespräche, und sie können auch auf ihre Situation aufmerksam machen, was sie auch tun.“


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