Punks, Neurobiologen & kleine Menschen

Gedenken an Mawa El Sherbini, Punks bei den damaligen Chaostagen und heute in Indonesien, Appetit als moderne Erbsünde, kleine Menschen, Snowden dankt Ecuador, Romantik & Gewalt, Hungerstreik am Rindermarkt, bedingungsloses Grundeinkommen, Neurobiologie & Geschlecht und Argumente gegen Antifeministinnen.
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taz-Artikel über die indonesische Punkszene:

Auf der dicht besiedelten Insel Java lebt die Hälfte aller Indonesier. Hier ist auch die Szene größer, politischer und besser vernetzt – über das Internet, über CDs, Konzerte und Fanzines. Indonesische Punks sehen sich als Gegenbewegung zur Konsumgesellschaft und machen alles selbst. Gegenseitige Solidarität und DIY steht dabei im Vordergrund, nicht so sehr der Protest. Viele Konzerte sind Benefizveranstaltungen für Waisenkinder oder die Antikorruptionsbewegung; viele Punks sind im Umweltschutz aktiv oder beteiligen sich an „Food Not Bombs“, einer Armenküche.

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Die Mädchenmannschaft über den Hungerstreik am Münchner Rindermarkt:

Ganz besonders äußert sich Ude noch in dem gleichen Interview zu einer schwangeren Protestierenden. Bereits am 26.Juni hatten die Aslysuchenden in ihrer dritten Pressemitteilung geschrieben, dass auch eine schwangere Frau vor Ort sei, diese sich aber nicht im Hungerstreik befänd.

Eine (schwangere) Frau, die für ihre Rechte (und die Rechte anderer) eintritt? Das kann sich SPD-Mann Ude nicht vorstellen. Konfrontiert mit der Aussage, dass die Frau bei der Räumung umgeschubst worden sei, gibt er an, dass er “schon drei Tage vorher Wetten abgeschlossen [hätte]: Die Schwangere ist wahrscheinlich nur dabei, damit man hinterher erzählen kann, sie sei von der Polizei misshandelt worden sei.”

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Antje Schrupp bloggt weiter für das bedingungslose Grundeinkommen:

Mal ganz abgesehen davon, dass manche Menschen vielleicht auch deshalb unbezahlt arbeiten würden, weil sie das, was sie tun nicht am Markt absetzen wollen (obwohl sie es vielleicht könnten), werden hier genau zwei Möglichkeiten fixiert, wie sich die Notwendigkeit einer Arbeit (und damit ihr Anspruch auf Bezahlung) feststellen lässt: der Markt oder der Staat.

Aber beides hat eben so seine Nachteile. Der Markt ist nicht in der Lage, bestimmte notwendige Arbeiten sicherzustellen, zum Bespiel gibt es keine betriebswirtschaftlichen Gründe dafür, alte Menschen zu pflegen, außer es sind sehr wohlhabende Menschen, die sich gute Pflege “leisten” können. Generell verzerrt der Markt das Angebot dessen, was gearbeitet wird, auf eine bestimmte Art und Weise: Wer viel Geld hat, kann mehr darüber bestimmen, was getan wird, als wer wenig oder kein Geld hat. Deshalb bringt der Markt Luxusjachten hervor, aber nicht Toiletten auf kleinen Bahnhöfen.

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Was von den Hannoveraner Chaostagen übrigblieb:

„Als ich ihn auf der Eckbank seines Wohnzimmers fotografieren wollte, hat er vorher noch schnell eine Kunstblume vom Tisch genommen und ein Sitzkissen weggelegt“, erzählt Eisermann. Insignien der Piefigkeit, die ihm offenbar immer noch suspekt sind. „Johnny“, glaubt Fotograf Eisermann, sei eine zerrissene Persönlichkeit. „Er lebt in einer ganz bürgerlichen Welt, verspürt in sich aber immer noch die Wut des Punks.“

Die Wut des Punks, sie mag auch bei Karl Nagel nachgelassen haben, auch wenn er sich immer noch als „Meister des Chaos“ bezeichnet und in einer Punk-Band spielt. Ungebrochen ist aber seine Freude über desorientierte Polizisten. „Die Bullen hatten 1983 unglaubliche Probleme“, erzählt er begeistert und legt im Stakkatotempo nach: „Da gab es Punks, die haben einfach nur Eis gegessen. Oder in der Fußgängerzone rumgegammelt und gar nichts gemacht. Und anderswo ging es plötzlich richtig ab. Die Polizei war völlig überfordert, sie wusste nicht, wohin sie gehen musste. So viel Spaß hat es nie wieder gemacht.“

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Elisa von the f-word beschreibt eindringlich, was die Idee von Romantik mit häuslicher/sexulisierter Gewalt zu tun hat:

A sense of entitlement is also foundational to Western ideas of romance. Read any Courtly Love poetry recently? Nice Guys predate OK Cupid by nearly a millennium, probably more. ‚Oh, it’s so unfair, she won‘t have sex with me even though it’s killing me, the selfish bitch‘ is the essential theme of the stuff on which we‘ve modelled our ideal of romantic love as a society. It may be less obvious in the modern trappings of romance, but classic romantic gestures rely on the idea that women should be grateful for men’s attention. They are, after all, gestures, gifts. Everyone knows it’s bad manners to refuse a gift, no matter how much you don‘t want it.

This is such a problematic construction: women are recipients – the lucky bitches should be grateful for what they get – but recipients are also passive, so if being a recipient is built in to the whole idea of who you are romantically, so is passivity. Women in Europe anyway have been taught since the 12th century that not only should we be grateful all the time, but even if we‘re not actually, we shouldn‘t think there’s anything we can do about it.

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In einem Band der Heinrich-Böll-Stiftung werden Argumente gegen Antifeministen gesammelt:

„Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie“, so der Titel der Publikation, richtet den Blick auf den Hauptstrang der Kritik – den der Unwissenschaftlichkeit und angeblichen Ideologiebehaftung der Genderforschung. Dabei wählten die AutorInnen Regina Frey, Marc Gärtner, Manfred Köhnen und Sebastian Scheele den klugen Weg, die in den aktuellen Anti-Gender-Debatten verwendeten Begriffe wie „Wissenschaftlichkeit“, „Objektivität“ oder auch „Ideologie“ noch einmal grundlegend herzuleiten.

Auf dieser Basis analysieren sie die zentralen Argumentationsweisen der Gender-KritikerInnen, etwa, dass einzig die Naturwissenschaften in der Lage seien, objektives, interesseloses Wissen zu produzieren. Wenn aber genau diese Naturwissenschaften andere als die gewünschten Ergebnisse liefern, wie etwa Cordelia Fine mit ihrer großen Studie „Die Geschlechterlüge“ über die Neurowissenschaften, wird dieser quantitativen Forschung erst wieder „Missbrauch“ und „Uminterpretation“ biologischer Tatsachen vorgeworfen.

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Ninia LaGrande über die Unart, kleine Menschen als „Liliputaner“ zu bezeichnen:

Mich als „Liliputanerin“ zu bezeichnen empfinde ich als respektlos und erniedrigend. „Liliputaner/innen“ sind der Hofnarr, die Clowns und Zirkusattraktionen. Das gibt es heute (in Hassloch zumindest seit 1996!) nicht mehr. Und um das ein für alle Mal zu klären: „Liliputaner/in“ ist nicht der korrekte medizinische Fachbegriff für irgendeine Art von Kleinwuchs. Vielleicht ist der Begriff vergleich mit „Zwerg“. Das klingt lächerlich, oder ? Genau. Ich bin keine Märchenfigur.

Apropos Kleinwuchs: Auch mit dem Begriff „kleinwüchsig“ tue ich mich schwer. Obwohl das zumindest medizinisch korrekt ist, möchte ich nicht so bezeichnet werden. Ich bin Ninia, ich habe (aktuell) rote Haare, ein kaputtes Knie, bin manchmal vergesslich und ich habe eine Behinderung: Ich bin kleiner als andere. That’s it. Menschen, die über 1,93 m groß sind, müsste man medizinisch korrekt auch als „großwüchsig“ bezeichnen. Macht aber niemand. Die sind halt groß. So. Und ich bin halt klein.

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Snowden schreibt an den ecuadoriansichen Staatschef
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Das entschlossene Handeln Ihres Konsuls Fidel Narvaez in London sicherte den Schutz meiner Rechte nach der Abreise aus Hongkong – sonst hätte ich die Reise nicht riskieren können. Als Folge dessen und dank der kontinuierlichen Unterstützung ihrer Regierung bin ich noch frei und habe so weiterhin die Möglichkeit, Informationen von öffentlichem Interesse zu verbreiten.

Unabhängig davon, wie viele Tage ich noch zu leben habe, bleibe ich dem Kampf für Gerechtigkeit verschrieben. Wenn auch nur etwas von meinem Tun in den nächsten Tagen einen Beitrag für das Gemeinwohl leisten kann, wird es Ecuador zu verdanken sein.

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Kübra Gümüsay erzählt, wie sie der Tod von Marwa El Sherbini prägte:

Und ganze fünf Tage lang schwieg sich die deutsche Medienlandschaft über den Fall aus. Nur auf Blogs und in Foren wurde heftig diskutiert. Warum berichtet niemand?, fragten wir uns. Ich fühlte Ohnmacht. Und Fassungslosigkeit. Wir waren Zeuge des ersten offensichtlich islamophoben Mordes in Deutschland geworden. Was bedeutet das für uns?, fragten wir uns Muslime. Was wäre eine angemessene Reaktion?

In dieser Zeit waren es Personen wie Stephan Kramer, die die richtigen Worte fanden: “Man muss kein Muslim sein, um sich gegen antimuslimisches Verhalten zu wenden, und man muss kein Jude sein, um gegen Antisemitismus vorzugehen”, sagte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden. Genau das war es, was in diesen Tagen nämlich gefehlt hatte: Das Einstehen für Andere, Zivilcourage.

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Dringt bei den wenigsten bis jetzt durch: daß die neurobiologischen Geschlechtsunterschiede minimal sind:

Die individuelle Erfahrung spielt für die Ausbildung von räumlichen Strategien ebenso eine Rolle wie die Verbindung mit Sicherheits- und Angstgefühlen. Beispielsweise könnten Kinder, die schon früh allein in die Schule gehen, sich besser orientieren als Kinder, meist Mädchen, die regelmäßig aus Sicherheitsgründen zur Schule gebracht werden.

„So kann man typisches Geschlechterverhalten anerziehen“, meint Schmitz. Und das tun unbewusst auch viele Eltern: So hat eine Studie aus dem Jahr 2012 belegt, dass Eltern mit ihren 20 bis 27 Monate alten Babys unterschiedlich sprechen. Jungs werden viel öfter auf mathematische Dinge wie Formen oder Zahlen, etwa: wie viele Enten schwimmen in der Badewanne, hingewiesen als Mädchen. Und die Stereotypisierung durch die Umwelt geht weiter bei Büchern, im Spielzeugladen, in Frauenzeitschriften oder auf Werbeplakaten.

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Der Appetit als „moderne Erbsünde“:

Übergewicht ist ein dubioser Begriff, so wie Überintelligenz. Wenn ich Körperhöhe und Körpergewicht ins Verhältnis setze, um mit einer beliebigen Formel eine Zahl zu generieren, um auf einer Skala von fünfzehn bis fünfzig die gesundheitliche Zukunft eines Menschen vorauszusagen, bin ich entweder bescheuert oder skrupellos. Auf jeden Fall befinde ich mich jenseits des wissenschaftlichen Weltbildes. Der BMI ist etwa so, wie wenn ich versuchen würde, aus Schädelumfang und Körpergröße den Intelligenzquotienten einer Ernährungsberaterin zu berechnen. Alle gesunden Menschen über dreißig haben einen erhöhten BMI, und das gehört zur biologischen Entwicklung, zum Älterwerden. Das Körpergewicht hat herzlich wenig mit den Essgewohnheiten zu tun. Das ist eine der magischen Vorstellungen unserer Gesellschaft.


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