Black Fairy, böse Mütter & Riot Grrrl TV

Wiener Tagung von NGOs und Sexarbeiterinnen, Kritik an § 177 StGB, Black Fairy, Skandal wegen Schülern im Rock, Riot Grrrl TV, Adoption und Wurzelsuche, der Film „Timbuktu“, böse Mütter, Heteros auf Queerpartys, Frauenrollen im deutschen Film und Debattenkultur im Netz.

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„Frauen gegen Gewalt“ erklären, warum der §177 StGB nicht unbedingt hilfreich ist, um die Anzeigebereitschaft von Vergewaltigungsopfern zu stärken:

Konkret heißt das, dass es nicht ausreicht, wenn eine Frau ausdrücklich und mehrfach Nein sagt oder vielleicht auch weint. Die Betroffenen müssen sich körperlich wehren bzw. nur dann nicht körperlich wehren, wenn konkrete Gewaltdrohungen ausgesprochen wurden oder sie dem Täter schutzlos ausgeliefert sind.

Durch die enge rechtliche Auslegung der „schutzlosen Lage“ werden zahlreiche sexuelle Übergriffe strafrechtlich nicht verfolgt. Denn es bleibt unberücksichtigt, dass häufig die gesamte Situation einer Vergewaltigung für Betroffene bedrohlich wirkt und sie sich ohnmächtig und hilflos fühlen. Betroffene befürchten lebensbedrohliche Verletzungen und haben Angst, oft ohne dass der Täter konkrete Drohungen aussprechen muss. Viele lassen die Tat ‚wie erstarrt‘ über sich ergehen.

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Schüler aus Nantes protestieren gegen Sexismus, wozu die Jungs sich Röckchen anzogen. Das war für einige Verklemmte aber scheints der Anfang vom Untergang des Abendlandes:

„Die Jungen im Rock – sollen die Mädchen mit Bart erscheinen?“, höhnte Frigide Barjot, Gallionsfigur der Kampagne gegen die Homo-Ehe. „Schüler aufzufordern, einen Rock zu tragen, ist keineswegs harmlos“, wetterte auch Ludovine de La Rochère. Das sei vielmehr „Travestie und eine Negation ihrer sexuellen Identität“. Die Aktion der Schüler, so die Präsidentin des Dachverbands, sei „eine Provokation zu viel“.

Die Aufregung, welche die Moralapostel im Netz schürten, griff sogar kurz auf das Parlament in Paris über. „Das ist eine ideologische Verirrung“, schimpft die Oppositionspolitikerin Véronique Louwagie. „Unsere Jugend braucht Orientierung“, so die Abgeordnete der konservativen UMP. Hier handele es sich um „eine systematische Vernichtung von Vorgaben, die unsere Kinder formen“. Alles falsch, entgegnete der sozialistische Erziehungsminister Benoît Hamon. Die Opposition verbreite Lügen, diese seien vorformuliert von „radikalen Organisationen“.

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Cristina Nord empfiehlt den Film „Timbuktu“, der momentan beim Filmfestival in Cannes im Rennen ist:

„Timbuktu“ legt einen Handlungsstrang um eine Hirtenfamilie etwas akzentuierter an als die übrigen Stränge, doch vor allem entwirft Sissako ein Panorama, und mit wenigen Strichen gelingen ihm einprägsame Miniaturen: Wie der Imam versucht, die Dschihadisten davon abzuhalten, mit Waffen die Moschee zu betreten, und sie in einen Disput über die Auslegung des Korans verwickelt. Wie eine Marktfrau sich zu wehren versucht, als die Männer sie dazu zwingen wollen, Handschuhe zu tragen. „Wie soll ich den Fisch denn dann waschen?“, hält sie den Bewaffneten entgegen.

Wie die Dorfnärrin sich einem der Jeeps in den Weg stellt und später erzählt, dass das Erdbeben, das am 12. Januar 2010 Haiti verwüstete, sie durch die Erdkruste hindurch getrieben habe. Und ausgerechnet an diesem Ort sei sie wieder aufgetaucht. Noch später tanzt einer der Extremisten einen exaltierten Tanz auf der Terrasse der Närrin.

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Neuer Youtube-Channel mit dem simplen, aber vielversprechenden Namen „Riot Grrrl TV“ und einer symapthisch-engagierten, wie sagt man da, „Moderatorin“.

Bemerkenswert auch, welche Videovorschläge Youtube einem dann hinterher präsentiert…

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Auf Zehenspitzen nimmt sich dem elendiglichen Thema der „Rabenmütter“ an:

Da wäre die Helikopter-Mutter, deren Kind in einer Gummizelle an Zuwendung lebt, die Eislauf-Mutter, die ihr Kind generalstabsmäßig mit Freizeitaktivitäten verplant, die depressive Mutter, die das Kind im leeren emotionalen Raum lässt, die späte Mutter, die später als in der Evolutionsbiologie vorgesehen Mutter wird (ähm?), und die Über-Mutter, die den Boden für Größenwahnsinn bereitet.

So weit so schlicht. Es lebe die ignorante Kausallogik!

Am unglaublichsten finde ich allerdings die Erklärung, warum die Mütter und nicht etwa die Väter oder Eltern generell Schuld an allem sind: “Nur vier bis sieben Prozent aller Väter nehmen eine Kurzzeitkarenz überhaupt in Anspruch. Schätzungsweise 150.000 Mütter in Österreich ziehen ihre Kinder im Alleingang auf. Dem gegenüber stehen 19.000 statistisch erfasste Solo-Väter.” Ach so! Da gäbe es möglicherweise noch weitere mit-verantwortliche Personen für Kindererziehung. Die nehmen diese Aufgabe aber nicht wahr. Egal, Schuld an allem sind die, die die Aufgabe wahrnehmen müssen. Außerdem: Rahmenbedingungen? Who cares? Wie einfach Gesellschaftspolitik und Gesellschaftskritik doch sein können!

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Bei einer Tagung in Wien sprachen Sexarbeiterinnen und NGO-Vertreter_innen über die Verdrängungspolitik in der Prostitution:

[Die Sexarbeiterin Frau Schwartz] selbst sieht viele Vorteile in ihrer Arbeit als Escort: „Das Tolle ist, dass ich mir die Zeit einteilen kann. Das lässt sich wunderbar kombinieren, wenn man Alleinerzieherin ist.“ Somit kommt Schwartz auf eine zentrale Herausforderung von Frauenpolitik allgemein zu sprechen, nämlich das mangelnde Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen. Dieses habe es ihr schwer gemacht, in ihrem erlernten Job als Bürokauffrau und den damit verbundenen Arbeitszeiten zu arbeiten. Von daher lautet auch eine wichtige Forderung des Berufsverbands, Sexarbeit mit anderen Berufen gleichzustellen. Ihr sei es völlig unverständlich, warum die Polizei für Kontrollen in den Betrieben zuständig ist, so Schwartz. So könne man keiner Frau helfen, die zur Arbeit gezwungen werde oder gar Opfer von Menschenhandel sei. Außerdem komme in einer Bäckerei auch das Gewerbeamt. Gleiches müsse auch für Betriebe gelten, die sexuelle Dienstleistungen anbieten.
(…)
Einen weiteren Vorteil sieht Schwartz darin, selbstbestimmt arbeiten zu können: „Wenn ich einmal keine Lust habe oder merke, ich brauche eine Pause, kann ich sie nehmen.“ Dass das nicht für alle SexarbeiterInnen gilt, räumt sie allerdings ein: „Ich bin bestimmt kein Betreiber-Freund“, so Schwartz. Auch wolle sie keineswegs negieren, dass in den Betrieben Opfer von Menschenhandel zur Arbeit gezwungen werden. Die hohen Zahlen, die in den Debatten oftmals genannt werden, bezweifelt sie allerdings. Eine weitere Forderung der Sexarbeiterinnen und ihrer VertreterInnen lautet auch, die Themen Sexarbeit und Menschenhandel klar zu trennen.

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In der Zeit beschäftigt sich Firat Kaya, der als Kind adoptiert wurde, mit seinen türkischen Wurzeln:

Im Studium habe ich mich intensiv mit dem Islam beschäftigt. Meine beiden Promotionen in katholischer Theologie und Linguistik beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Islam und Westen, also mit „uns“ und „denen da“.

Ich habe meine wissenschaftliche Arbeit nicht unbedingt als Verarbeitung meiner Herkunftsgeschichte begriffen, trotzdem war es nicht ein Aufenthalt wie jeder andere, als ich in Istanbul und Ankara für meine theologische Doktorarbeit recherchierte. Hier war meine ursprüngliche Heimat, das Land meiner Väter, wie man so sagt. Hat man etwas im Gepäck, das daran erinnert? Sind die Gene so, dass sie bei der Begegnung mit Türken etwas zum Vorschein bringen, was zu Hause, in Deutschland, nicht aufkeimen kann? Nun, während meines Aufenthalts habe ich nichts dergleichen erkennen können.

Ein guter Freund von mir ist Türke. Er lebt in Berlin, wie ich. Wir machen zusammen Sport, sehen uns also regelmäßig. An seiner Biografie sehe ich, wie mein „türkisches“ Leben hätte verlaufen können. Ein Blick in die parallele Welt: Gastarbeiterfamilie, drei Geschwister, großer familiärer Zusammenhalt. Ein gewisser unternehmerischer Geist, der überall in Deutschland sichtbar wird in Tausenden von Kleinbetrieben, bei denen die ganze Familie mitarbeitet.

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Heidi Daleys „Black Fairy“:

In all the stories, art, and myths about Fairies, none have made mention of any Black Fairies… so I made one

\"Black Fairy\" by Heidi Daley

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Katrin Roenicke empfiehlt den Vortrag von Teresa Bücker auf der Re:Publica und macht sich Gedanken über Debattenkultur und hat dazu auch gute Links:

Darf man gar nicht mehr kritisieren? Oder ist es vielleicht okay, die Mittel zu kritisieren, wenngleich man das gleiche Ziel verfolgt? Welche Kritik ist überhaupt legitim, wenn man doch vermeintlich auf der “gleichen Seite” steht? Was für Mechanismen sind am Werk, wenn Freundschaften gekündigt werden, weil man öffentlich das öffentliche Verhalten anderer kritisierte (nicht ad hominem wohlgemerkt – die Reaktionen sind dann aber gerne mal ad hominem)?

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Laufmoos bittet knutschende Hetero-Pärchen um Zurückhaltung auf Queer-Partys:

Wenn ich nach Gründen für heterosexuelle Performances in queeren Räumen suche, dann lande ich sehr schnell bei Aneignung.
Ich gehe davon aus, dass die Tanzfläche blockierende knutschende Heteropärchen dem Drang nachgehen, in diesem (huch!) perversen, anderen, queeren, nicht einschätzbaren und verunsichernden (denn ich habe die Regeln nicht verstanden!) Raum die eigene, gesellschaftlich dominante Normalität wieder herstellen zu müssen. Demonstrativ (in der Mitte des Raumes) zur Schau gestelltes (das kommt euch vielleicht nicht so vor, anderen aber umso mehr) hetero erscheinendes Knutschen ist also im Grunde genommen eine Re-Aneignung des Raumes, ein Besetzen eines temporär nicht-normativen Ortes. Es ist eine stabilisierende Reaktion auf die Verunsicherung der eigenen heterosexuellen Identität. Es ist eine Demonstration, wer sich gesellschaftlich was leisten kann, ohne sanktioniert zu werden.
Im Grunde ist es auch ein sehr verdrehtes Eingeständnis: Diese Umgebung macht Angst, die Queerness, das Unverständliche, das Andere und das Perverse, es ist nicht aushaltbar, wenn es nicht sofort als etwas markiert wird, zu dem ich nicht gehöre.

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Katja Nicodemus kritisiert die Frauendarstellungen in (deutschen) Filmen:

Ach die Brille! Dieses Ungetüm, das immer ein bisschen zu groß und zu hässlich aussieht. Es ist gewissermaßen das Zentralrequisit der deutschen Erfolgskomödie. Schon Katja Riemann setzte die Brille vor zwanzig Jahren in Sönke Wortmanns Der bewegte Mann erschrocken auf und ab, als sie das positive Ergebnis ihres Schwangerschaftstests betrachtete. In Til Schweigers Keinohrhasen wird die Brille im Gesicht der Kindergärtnerin Anna (Nora Tschirner) zur Insignie der Verkniffenheit. Nadja Uhl trägt die Brille wie ein Stigma durch Doris Dörries Alles inklusive, und Karoline Herfurth verrutscht sie schon bei ihrem ersten linkischen Auftritt in Fack ju Göhte auf dem Nasenrücken. In Frauke Finsterwalders Finsterworld wird die Brillen-Streberin von Mitschülern während eines Ausflugs ins Konzentrationslager in den Verbrennungsofen gesperrt. Danach ist sie brillen- und willenlos und trägt, endlich hübsch, die Haare offen – als buchstäblich finale Rache am weiblichen Intellektualismus. In der deutschen Komödie hat die Brille der Heldin nur eine Funktion: vom Helden abgenommen zu werden. So wie in einem Subgenre des Pornofilms, das aber effizienter und ehrlicher funktioniert: Krankenschwestern und Sekretärinnen legen die Brille weg und können richtig rangenommen werden.


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