Nicht die Menschen scheitern. Die Gesellschaft scheitert.

Schon wieder hat eine Stadt, ein Viertel, ein „Drogenproblem“. Heißt es so schön. Oder eben ein Problem mit den Drogenkonsumenten, zumindest den sogenannten Schwerstabhängigen. Oder den Dealern, die zu offensichtlich dealen, oder zu „offensiv“, wie’s im Beamtendeutsch heißt.

Aber sind die wirklich das Problem? Es gibt sie in jeder Stadt, jedem Viertel, jedem Kuhkaff.
Zum „Problem“ werden sie erst, wenn sie sichtbar werden in der Öffentlichkeit.
Genau wie bei Prostitution, über die man wie eine gesonderte Parallelwelt spricht, obwohl sie sich quer durch alle Wohnviertel und Gegenden zieht, in der die Huren und Freier wohnen und präsent sind (aber bitte nicht zu öffentlich!) ist es auch bekloppt, von der Drogenszene zu sprechen, als wären manche drin und manche draußen.
Es ist aber vielmehr so, daß die Junkies (genau wie Huren und Freier) nicht außerhalb der Gesellschaft leben, sobndern Teil von ihr sind, von ihr produziert. Teil von uns.
Und wenn nun auf einmal viele Menschen mit Suchtproblem umziehen und fremde Dachböden belagern und man in jedem 2. Hauseingang morgens über jemanden drübersteigen muß, von dem man nicht sicher ist, ob er noch lebt, dann ist das mehr wie unschön, sondern eine Situation, über die man sich zurecht beschweren kann!
Nur: man beschwert sich über die Junkies, die sie für ihre eigene mißliche Lage verantwortlich machen. Für diese Situation können die Junkies aber keine Verantwortung übernehmen, denn sie haben sie nicht kreiert.

Ich gehe davon aus, daß es den meisten Junkies wohl auch lieber wäre, sie könnten ihre Drogen so unkompliziert und wertungsfrei besorgen und konsumieren als wie sie es mit Alkohol könnten. In einer netten Wohnung auf dem Sofa fixen und da mit dem Kopf auf dem Kissen wegtreten würden die meisten wohl einem Hauseingang auf St. Pauli vorziehen. Die machen das nicht aus Lust und Laune.
Sie sind u. a der schwächste Teil der Gesellschaft mit dem wenigsten Einfluß aufs Geschehen oder ihr Leben. Sie sind es nicht, die die Macht haben, irgendetwas an der Gesamtsituation zu ändern.
Damit stehen sie nicht allein. Es sind letztenendes Menschen, die sich selbst nicht mehr helfen können und laut Subsidiaritätsprinzip ist es dann Aufgabe der nächsthöheren Gemeinschaft, also den sozialen Netzen der Gemeinde, der Stadt, ihnen Hilfe zu leisten, wenn es privat einfach nicht mehr geht.

Das betrifft ja nicht nur schwer Süchtige, auch Menschen in Wohnungsnot, Menschen ohne Geld, Menschen mit psychischen und physischen Handicaps, usw. Und von diesen Menschen haben eben manche zusätzlich ein Drogenproblem.
Nun, wie könnte man helfen? Was würde die Situation so ändern, daß sowohl konsumierende als auch nicht konsumierende Anwohner sich in einer annehmbaren Lage befinden?

Letztenendes findet man ja auch sehr leicht Lösungsansätze, wenn man denn will:

Gefragt nach dem Grund für die Zunahme des sichtbaren Drogenkonsums nennen viele den Wegzug des Stay Alive im Jahr 2012. Die Drogenberatungsstelle zog auf der Suche nach größeren Räumen vom Kiez nach Altona. Unter der Beobachtung von medizinisch geschulten Sozialarbeitern und unter sterilen Bedingungen können Süchtige dort Drogen zu sich nehmen. „Wir haben hier 120 Konsumvorgänge am Tag“, sagt Einrichtungsleiter Tobias Arnold. „Das sind 120 Konsumvorgänge, die nicht öffentlich stattfinden.“

Einmal in der Woche kommt es im Schnitt zum „Drogennotfall“ im Stay Alive. Den würden die Konsumenten ohne fremde Hilfe nicht überleben. „Wir behandeln die alle erfolgreich“, sagt Arnold. Wenn alle Junkies Konsumräume nutzen würden, gäbe es keine Drogentoten mehr, ist er sich sicher. Auch für die Drogennutzer ist es folglich das Beste, nicht in der Öffentlichkeit oder auf Dachböden, sondern im geschützten Raum zu rauchen oder zu spritzen.

Konsumräume sind nun wahrlich kein neues Konzept, ihr Nutzen für die User und die Umgebung ist wohlbekannt.

In Berlin wurden folgende Erfahrungen gesammelt:

Die Akzeptanz der Drogenkonsumräume im Wohnumfeld war mit 70 bis 80 Prozent Zustimmung relativ hoch. Als Hauptursache wurde genannt, dass die (im Vorfeld vielfach befürchtete) Ausweitung der Szenebelastung nahe der Konsumräume vermieden wurde.
Die Zahl der Nutzer der Drogenkonsumräume war relativ gering und betrug rund 15 Prozent der geschätzten Konsumenten harter Drogen. Auch gelang es nicht, Nutzer neu anzusprechen, die von der bisherigen Drogenarbeit nicht erfasst wurden
Die Nutzer geben als Nutzen primär die Vermittlung gesundheitsbezogener Inhalte und medizinische Behandlungen an. Darüber hinaus erklärte ein Drittel der Nutzer, zur Aufnahme weiterführender Hilfen motiviert worden zu sein.

Nur – ab hier kann der Einzelne nicht mehr viel machen; ein Konsumraum muß erstmal erlaubt, finanziert, gefördert werden…

Der Wegzug des Hamburger Konsumraums Stay Alive mag zwar nicht unbedingt der primäre Grund sein, weshalb die Lage in St. Pauli sich so verschärft hat. Dennoch: ein weiterer (!) Konsumraum könnte die Menschen auffangen, die vom Stay Alive noch nicht erreicht wurden oder nicht mehr erreicht werden.
800 m weiter klingt nicht nach viel Wegstrecke, aber in manchen drogeninduzierten psychischen oder physischen Zuständen ist das eine kleine Weltreise oder schlicht nicht machbar. Und wer so einen Laden nicht in der alltäglichen Umgebung hat, fühlt sich nicht gerade eingeladen. Niederschwellig ist anders.

Wer nicht von Sozialarbeiter_innen angesprochen wird, wird selten auf eigene Faust nach Hilfe suchen – denn wer im Crackrausch in Hauseingängen liegt, glaubt oft schon lange nicht mehr an Hilfe, da er ja bisher offensichtlich die Erfahrung gemacht hat, daß die sozialen Netze sowieso versagen, sonst wäre es ja nicht „so weit“ gekommen. Und Unrecht haben sie damit ja nicht.
Wer aber das Angebot immer wieder vor der Nase hat, nutzt es vielleicht irgendwann doch.

Aber mal ernsthaft – nur in 6 von 16 Bundesländern gibt es überhaupt Konsumräume. Das ist regelrecht lächerlich.
Viele sind es nicht und ihre Möglichkeiten begrenzt – meist finanziell und rechtlich.
Substanzanalysen könnten nicht nur so einige Drogenleichen im Viertel verhindern, Leben retten und den Gesundheitsstandard zu verbessern – sie könnten auch viele dazu motivieren, einen Konsumraum überhaupt erstmal aufzusuchen: es liegt in Interesse jedes Süchtigen, daß er von dem Zeug, das er kauft, einen möglichst risikoarmen Rausch kriegt.
Eine Substanzanalyse ist in den Konsumräumen aber verboten.

In so einer rechtlichen Grauszone zu agieren macht die Arbeit der Sozialarbeiter_innen zu einer anstrengenden Gratwanderung.
Das Dumme ist nur, daß Konsumräume nur dann eine positive Wirkung aufs Viertel haben können, wenn sie die nötigen Mittel und das Personal haben.

Die Einrichtung von Drogenkonsumraum wurde in Deutschland vielfach wissenschaftlich begleitet, so dass Aussagen über die Auswirkungen getroffen werden können. Jedoch hängen die konkreten Auswirkungen von der konkreten Ausgestaltung des jeweiligen Drogenkonsumraums (z. B. Einbindung in die anderen Strukturen der Drogenarbeit und Sozialarbeit, Lage, Situation der lokalen Drogenszene etc.) ab.

Das Stay Alive beispielsweise hat keine 24 Stunden offen und wer außerhalb der Öffnungszeiten in Not gerät, hat Pech. Ein weiterer Konsumraum könnte auch das ausgleichen.
Das kostet bloß alles Geld und das will keine Stadt gern hergeben, schon gar nicht für Junkies. Das ist kein Thema, dem man sich politisch gerne nähert, geschweige denn sich intensiv damit befaßt.

„Pläne, einen weiteren Konsumraum in St. Pauli einzurichten, bestehen aktuell nicht“, heißt es aus der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz. Da der Haushalt für die Jahre 2015 und 2016 schon beschlossen sei, werde es auch keine weiteren Mittel geben. Eine Öffnung des Stay Alive in den Abendstunden scheint damit fürs Erste unwahrscheinlich, auch wenn die Leitung darüber mit der Behörde in Verhandlungen ist. Mehr noch: Da die Mittel für die Drogenhilfe nicht angehoben wurden, fürchten unterschiedliche Einrichtungen, bei Tarifsteigerungen Mitarbeiter entlassen zu müssen.

Fast wie beim Jobcenter, wo alleWeiterbildungsmaßnahmen fürs ganze Jahr geplant werden und fertig. Wer ne spezielle Fortbildung will und die ist nicht eingeplant – Pech. Dafür dürfen dann im Dezember, wenn die bereits eingeplanten Kurse, für die einfach kein Bedarf bestand, Leute, die nen Monat vor der Rente stehen, noch ein Bewerbungstraining machen. Absolut sinnentleert, aber geplant ist geplant und gezahlt ist gezahlt.

Allein schon die Anmaßung, den finanziellen Bedarf eines Konsumraums über einen derart langen Zeitraum einschätzen zu wollen und sich dann nicht mehr drum scheren, ob die Schätzung funktioniert.

Es kommt politisch einfach nicht gut, man denkt, wenn man einen Konsumraum finanziert, „geht das Geld an die Junkies“. Lieber mit der Kohle nen Park renovieren, dan „geht das Geld an die Bürger“ und damit kann man dann auch gut im Wahlkampf angeben, man hätte was für die Bürger getan. Der ganze Drogen- und Sozialscheiß, ja, muß man halt auch machen – wird also mit eingeplant, aber dann schaut selber, wie ihr mit der Kohle klarkommt. Nur keine Berührung mit solchen Szenen zeigen. Wie bei einem Bettler, dem man aus schlechtem Gewissen halt nunmal ein paar Euro gibt und dann – geh mit Gott, aber geh. Was weiter mit ihm passiert ist egal, man hat ja was gegeben, soll er damit klarkommen, und tschüs.

Aber abgesehen davon, daß Junkies nunmal auch Bürger sind – ein Konsumraum befriedet das Viertel. Man hätte nicht „Geld in die Junkies gesteckt, damit die bequemer fixen können“, sondern man hat das Geld in die Befriedung des Viertels gesteckt (und die Polizei hätte auch weniger Aufwand und könnte sich wieder um Verbrechen und so kümmern…). Denn die Drogenszene ist Teil der Viertels, man kann sie nicht hin- und herschieben, als sei sie etwas abgetrenntes von der Gesellschaft, und zum Verschwinden bringen hat ja nun auch nie funktioniert.

In St. Pauli liegt es aber nicht nur an der mangelnden Kooperation der Stadt.

Nur bräuchte ein solcher Raum neben finanzieller Ausstattung auch einen Vermieter, der seine Immobilie dafür zur Verfügung stellt. Das Stay Alive hat auf St. Pauli jahrelang niemanden gefunden, der dazu bereit war. „Viele wollen nicht, dass dadurch der Wert ihrer Immobilie sinkt“, sagt Staron. Da habe bislang auch alle Überzeugungsarbeit nichts genutzt.

Und „lustigerweise“ sind wir da dann wieder bei einem Thema, das die Hamburger (und nicht nur die) schon längst bemängeln und das die Politik nur mit Samthandschuhen anfassen will: Gentrifizierung.

Als Stadtteilaktivisten die Anwohner im vergangenen Jahr fragten, was sie im Viertel störe, äußerten nicht wenige der 792 Antwortenden auch ihren Unmut darüber. „Die Drogenszene, die sich immer mehr auszubreiten scheint, nervt sehr“, schrieb zum Beispiel einer in den Fragebogen. Über Gentrifizierung und Wildpinkler beschwerten sich zwar deutlich mehr St. Paulianer, aber auch die Drogenszene wird von vielen Kiezbewohnern als Problem wahrgenommen.

Und so schließt sich der Kreis. Denn: wer sich als geldknapper Junkie keine Bude leisten kann, der sieht zu, daß er woanders pennt. Hauseingänge oder fremde Dachböden eben.

Es ist inzwischen normal, daß alles, was irgendein Stigma hat, anscheinend auch gleichzeitig die Macht besitzt, den Wert einer Immobilie zu mindern.
Abtreibung ist auch so etwas – will keiner haben im Haus. Die Abtreibungsklinik findet keine Bleibe, eine massive Versorgungslücke entsteht, und der Arzt ist erstmal vor dem Aus.
Fazit: lieber nimmt man in Kauf, daß ganz viele Frauen in echte Bedrängnis kommen, daß Süchtige weiterhin auf sich gestellt auf der Straße sind und ein ganzes Viertel eine untragbare Situation auszuhalten hat, daß Wohnungen und ganze Häuser leerstehen und ungenutzt auf Elitemieter warten, während der Rest keine Bleibe findet – als daß man Geld ausgibt. Als daß man wertvolle Immobilien mit deren Stigma ansteckt.

Die Prioritäten stimmen hier nicht, aber das ist nicht neu, es hat schon längst Schule gemacht – und gerade über Immobilien lassen sich Menschen unter Druck setzen.
Der Mensch braucht Essen und ein Dach überm Kopf. Das sind Grundbedürfnisse, also weniger kann mensch nicht verlangen. Wer um diese Dinge fürchten muß, ist einer Existenzangst ausgesetzt, deren Heftigkeit man erst begreifen kann, wenn es einen selbst trifft. Depressionen und andere psychische Erkrankungen trifft Obdachlose und andere mit Existenzängsten um einiges häufiger als in anderen Gruppen. Und macht sie noch hilfloser, in einer Situation, in der schon Gesunde kaum klarkommen.

Was viel zu oft übersehen wird und in unserer Gesellschaft geradezu unangenehm aufstößt:
Der Mensch ist in allerallererster Linie ein SOZIALES WESEN
Und nur das hat uns zu Evolutionsgewinnern gemacht.
Ohne gegenseitige Unterstützung, Kommunikation, ohne Gruppenbildung, ohne soziale Interaktion – wir wären ausgestorben, lange bevor das Rad erfunden wurde. Der Mensch ist kein Einzelgänger wie Hamster, die allein unterwegs sind und sich halt mal zur Paarungszeit treffen und sich dann wieder dem Einzelgängertum widmen.
Der Mensch ist von Natur aus sozial und darauf angewiesen, daß die anderen Menschen es auch sind.

Und erst in zweiter Linie sind wir dann das vielzitierete „Zoon Politikon“, das „politische Wesen“ mit dem Bedürfnis, unsere Gruppen und sozialen Gefüge zu ordnen und zu organisieren.
Der Mensch als ökonomisches Wesen kommt eigentlich erst viel später. Denn erst wenn das sozial-politische Fundament steht, kann Ökonomie überhaupt betrieben werden.

Momentan läuft das alles aber rückwärts.
Man hält die Ökonomie für das Fundament unseres politisch-sozialen Lebens und stellt sie deshalb an erster Stelle. Das Sozialgefüge muß sich dem ökonomisch gestalteten System anpassen (Hallo Hartz IV), die Politik richtet sich ebenfalls nach der Wirtschaft. Denn wenn die läuft, wird alles gut. Denkt man. Auch, wenn in Deutschland, einem der reichsten Länder der Erde, anscheinend kein Geld da ist für Soziales (was nicht stimmt, denn Geld ist sehr wohl da, man steckt es nur in andere Bereiche, sagen wir mal Aufrüstung).

Daß das soziale Miteinander der Menschen das eigentliche Fundament einer Gesellschaft darstellt, wird dabei hartnäckig ignoriert.
Denn wenn’s im sozialen Miteinander hakt, wackelt unweigerlich auch der politisch-ökonomische Turm drüber (der ja eigentlich auch aus den Menschen besteht, denen man den Boden unter den Füßen weggezogen hat); beispielsweise, wenn ein soziales System nicht weiß, wie sie die Süchtigen integrieren können, die Politik sich weiterhin unglaubwürdig macht und die Polizeieinsätze nen Haufen Kohle kostet.

Letzendlich haben fast alle ökonomischen Weisheiten versagt. Man tut, als sei „Wirtschaft“ eine Wissenschaft und doch sind es nur halbgare Theorien, weil der Mensch nicht ökonomisch funktioniert, sondern einen unberechenbaren Faktor darstellt. Die Börsenspielereien, immer noch in allen Zeitungen abedruckt, obwohl die Wirtschaftskrise diese System eigentlich schon lange als schädlichen Unsinn entlarvt hat, den eigentlich niemand mehr ernst nehmen kann. Aber man hängt halt so dran.
Auch die Sparpolitik für Griechenland, bei der man Druck machte, daß das Geld an die griechische Wirtschaft, (ausgerechnet…) die Banken geht. Auch von studierten, erfahrenen Wirtschaftsexperten ausgetüftelt – und war fürn Arsch. Ergenbnis: man wollte, daß es den Banken besser geht und nicht den Menschen.

Ein aktuelles Beispiel von angewandter Austeritätspolitik ist Griechenland. In Folge der Griechischen Staatsschuldenkrise einigten sich EU, EZB und IWF am 1./2. Mai 2010 mit der griechischen Regierung auf ein finanzielles Hilfsprogramm (Kreditbürgschaften) im Umfang von insgesamt 110 Milliarden Euro unter der Auflage, dass Griechenland ein rigoroses Austeritätsprogramm umsetzt. Seitdem hat sich die Rezession Griechenlands verstärkt, das Wirtschaftswachstum ist drastisch geschrumpft, die Arbeitslosenzahlen sind drastisch gestiegen und mittlerweile leben ca. 50% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze.

Die haben jetzt nämlich keinen Zugang zu den grundlegendsten Dingen wie beispielsweise das Gesundheitssystem.
Das Ur-Fundament „Mensch“, ohne das Soziales, Politisches, Ökonomisches, gar nicht erst möglich ist, wurde damit gar körperlich angegriffen.
Menschliche Grundbedürfnisse wie Essen, Dach überm Kopf und Gesundheit wurden beiseite geschoben und stattdessen in ökonomische Systeme investiert, von denen man ja aus Erfahrung wußte, daß sie nicht vertrauenswürdig sind.
Wie soll ein Volk sich aus der Misere retten, wenn schon der Einzelne sogar körperlich immer tiefer in die Misere getrieben wird und es um sein nacktes Überleben geht?

Es herrscht die Illusion, als wäre die Wirtschaft in unser sozial-politisches System integriert, als würde das alles Hand in Hand gehen, aber die letzten 10-20 Jahre haben überdeutlich gezeigt, daß sich die Wirtschaft nur um Selbsterhaltung und Geldvermehrung kümmert und sonst um gar nichts.
Ein Chef denkt nicht mehr „Was ist das Beste für alle meine Mitarbeiter“ (die ja erst den Betrieb bilden), sondern „Was ist das beste für den Betrieb“, als wäre der Betrieb ein wertvolles Überwesen, daß es – auch auf Kosten der Mitarbeiter, der Umgebung, des eigenen Familienfriedens, der eigenen Gesundheit, der Umwelt, whatev – zu schützen gilt. Anstatt zu begreifen, daß dieses „Wesen Betrieb“ nicht leer und heilig und abstrakt ist und etwas, wofür die Angestellten arbeiten, sondern daß dieses Wesen überhaupt erst aus den Mitarbeitern besteht. Die sind der Betrieb. Das Unternehmen als goldenes Kalb, um das alle tanzen müssen, bis sie vor Erschöpfung tot umfallen.

Frau Merkel hat im letzten Wahlkampf einen sehr wahren, sehr traurigen Satz gesagt:

„Die EU ist keine Sozialunion.“

Und genau DAS ist das Problem.
Immerhin ist man schon vom ökonomischen Bündnis der EG zum politischen Bündnis der EU gekommen. Aber der letzte, wichtigste, schwerste Schritt fehlt: eine soziale Union, ein sozialer Zusammenhalt – denn ohne ein Mindestmaß an sozialen Zusammenhalt funktioniert keine Gruppenbildung unter Menschen. Doch darum mag man sich nicht kümmern.
Wir können noch so viele Gelder hin- und herschieben, Gesetze verklausulieren, Polizeieinsätze anweisen und Reden schwingen – wenn die soziale Natur des Menschen ignoriert wird, gibt es kein Fundament, auf das wir bauen können. Denn die sozialen Bedürfnisse, sind das erste, das ein Mensch braucht: gesunde Babys, denen man keine Wärme, keine Berührung, etc. vermittelt und sie nur füttert und wickelt – sterben.

Es sind unsere sozialen Bedürfnisse, die die Welt gestalten, und sie tun es, ob Politik und Wirtschaft das wollen oder nicht.
Das Bedürfnis, Teil der Gesellschaft sein zu dürfen, ist unauslöschlicher Teil unseres Menschseins – Flüchtlinge, Migranten fallen einem vielleicht als erstes ein.
Aber auch Leute, die keine Wohnung finden, sind ausgeschlossen. Menschen mit Behinderung oder psychischen Störungen versuhen genauso verzweifelt, an der Gesellschaft teilzuhaben, in die sie nicht passen. Arme Menschen, die es sich nicht leisten können, nen Film im Kino statt allein daheim vor der Glotze anzuschauen; was Trinken zu gehen statt ein Bier aus dem Kühlschrank holen.

Dieses elementare Grundbedürfnis nach Teilhabe wird aber nicht nur übergangen, es wird kleingeredet, als sei es eine Nebensächlichkeit, ein Luxus.
Es ist aber kein Luxus.
Das schlimmste, was man einem Hund antun kann, ist, ihn vom Rudel auszustoßen.
Und auch in der Geschichte der Menschheit war für sehr lange Zeit fast überall die Verbannung aus der Gemeinschaft die härteste Strafe, die verhängt wurde, sie war wortwörtlich der gesellschaftliche-soziale Tod, oft dann auch der körperliche. Heute versucht man natürlich auch, Leute aus der Gesellschaft zu verbannen, oft auch aus dem Land – nur sind es inzwischen so viele unliebsame Personen, daß man sie nicht ganz loskriegt – man packt sie lieber in künstlich geschaffene Parallelgesellschaften, in denen sie dann überleben oder verrecken können, je nachdem. Hauptsache, man muß da nicht zusehen.

Der Witz ist ja, daß „die Gesellschaft“ wir alle sind. Wird man nicht gerade ausgewiesen, das IST man hier und gestaltet eben auch die Gesellschaft allein mit der eigenen Anwesenheit mit, unvermeidlich. Man muß diese Leute in die Rechnung miteinbeziehen, man kann sie nicht abtrennen oder so tun, als wären sie ein hoffnungslos versiffter Sessel, den man halt irgendwo verstauen muß, wo ihn keiner sieht, weil man den Sperrmüllzettel verloren hat.

Und so langsam wird’s dringend, daß wir uns um die Ermöglichung von allgemeiner sozialer Teilhabe kümmern.
Pegida war/ist insofern positiv, daß sie uns vor Augen geführt hat, daß das soziale Miteinander sowie das Verständnis für dessen Notwendigkeit um vieles brüchiger ist, als angenommen.
Selbst wohlwollende Menschen, wie einer der zitierten Anwohner aus St. Pauli, wissen nicht mehr weiter, genausowenig die Polizei, deren Zweck es ja eigentlich ist, das soziale Gefüge zu schützen und korrigierend einzugreifen:

Nicht zuletzt Ratlosigkeit bringt manchen dazu, an die Ordnungsmacht zu appellieren. „Eigentlich will ich gar nicht die Polizei rufen“, sagt M. aus der Seilerstraße. „Aber was soll man denn sonst machen?“ Ein bisschen scheint sich auch die Polizei zu fragen, was sie eigentlich machen soll. In letzter Zeit zeigt sie vermehrt Präsenz, wenn das Alltagsgeschäft es ihr erlaubt. Zivilfahnder nehmen die Dealer ins Visier, mit Hunden suchen sie nach Drogenverstecken. Paradoxerweise sind davon wiederum einige Anwohner genervt und auch die Dealer sind noch immer da, jeden Tag. “
(…)
Mehr Polizeipräsenz wird den Drogenhandel nicht verschwinden lassen. „Abschließend verhindern können wir das nie“, räumt der Polizeisprecher ein und ist sich ausnahmsweise einig mit dem Aktivisten Johny. „Natürlich kannst du hier ein halbes Jahr lang Polizeistaat spielen und die Dealer in einen anderen Stadtteil verdrängen“, sagt der. „Danach kannst du dann das gleiche in St. Georg oder im Schanzenviertel machen. Wohin soll das führen?“

Die Gesellschaft versucht ja im Grunden durchaus, sich zusammenzuraufen. Doch wenn das System einem dabei Stöcke vor die Beine wirft und statt sozialer Vernetzung eine Spaltung fordert und die finanziellen Mittel nicht für die Bedürftigsten ausgibt, sondern lieber den schönen Schein bereitet, in dem Ökonomie und Politik sich als System selbst erhalten kann, ist das für die einfachen Bürger*innen schlichtweg nicht mehr zu schaffen.

Es heißt, Geld regiert die Welt und wir messen ihm einen Wert bei, den es per se nicht hat.
Geld ist nur deshalb etwas wert, weil die Gesellschaft sich darauf geeinigt hat. „Geld“ ist somit nichts als eine soziale Übereinkunft – denn wäre die Gesellschaft nicht davon überzeugt und würde lieber Tauschhandel betreiben, wäre das alles nur Metall, Papier und Tinte.

Und de facto geht es auch gar nicht um Geld.
Geld ist nur das momentane Vehikel für Macht. Und nur darum geht es, um Macht.
Nicht um Geld, Geld ist nur deshalb wichtig, weil uns in einem kapitalistischen System nichts so viel Macht gibt wie Geld.
Früher war es Gold, noch früher Land oder Abstammung. Und in Zukunft wird sich die Menschheit weitere neue Vehikel für Macht suchen – denn es ist mehr als anmaßend, unseren kleinen Abschnitt der Menschheitsgeschichte mit seinem momentanen System als das Beste, als die ultima ratio zu sehen; als ob die einzige gangbare Art von sozialem Machtaustausch Börsenblasen, Metallstücke und Papierscheine wären.
„Macht“ klingt immer so böse, als ob darin immer schon der „Machtmißbrauch“ schwelt. Ist auch oft so.
Aber wir alle wollen Macht. Vor allem anderen Macht über uns selbst und unsere Situation, Selbstbestimmung, Eigenverantwortung, Selbstwert, die uns aber immer mehr verwehrt und erschwert werden.
Aber eine Gesellschaft, in der immer weniger Selbstbestimmung möglich ist und soziales Verhalten sich nicht entwickeln kann, sondern zum Teil gezielt erschwert und stattdessen eine von „oben“ vorgegebene Rolle verordnet wird, erzeugt Menschen, die mit sozialem Verhalten außer der gelernten, geforderten Rolle, überfordert sind. So verunsichert, daß sie es sich nicht mehr selbst zutrauen, ein soziales Miteinander außerhalb von Schema F erfolgreich zu gestalten.
Und die geforderte soziale Rolle schloß bisher nie den Menschen, der aktiv-wohlwollend auch mit Süchtigen, Obdachlosen, Behinderten, Migranten, you name it umgeht. Stattdessen wird uns beigebracht, daß man sich von denen „fernhalten“ muß und es für sowas ja Sozialarbeiter gibt (auch wenn jede_r ganz genau weiß, daß derer viel zu wenige sind und die auch noch unterbezahlt und unter miesesten Bedingungen arbeiten).

Daß wir letztenendes alle Verantwortung für unser Umfeld haben und diese nicht auf „Institutionen“ abwälzen können, wird einem regelrecht abtrainiert.
Stattdessen wird in (potentiell) produktive Menschen und unproduktive aufgeteilt und eine unsichbare Mauer gebaut, die als Einbahnstraße funktioniert; denn in letztere Gruppe kommt man recht leicht. Der „Aufstieg“ in die produktive Gruppe wird regelrecht verhindert und die Gesellschaft so weiter gespalten. Und je größer der Graben, desto weniger versteht man, wie die auf der anderen Seite des Grabens ticken, desto weniger gehen einen die „da drüben“ an, desto mehr entfremdet man sich voneinander.
Nur wenn diese künstlich erzeugte Mauer aus immer drängenderer existenzieller Not durchlöchert wird und die „Anderen“ nicht mehr zu ignorieren sind – dann weiß man nicht, wie man miteinander umgehen muß. Und hat man dennoch einen Weg gefunden, stößt man selbst an die Begrenzungen des Systems.

Wir müssen unsere sozialen Belange endlich ernst nehmen. Ernst nehmen heißt: wichtiger zu nehmen als eventuelle Kosten. Ein funktionierendes Miteinander hat einen Wert, der so wichtig ist, daß die Menschen weltweit die ausgetüfteltsten politischen Systeme erzeugt hat – um dieses wertvolle Miteinander möglichst reibungslos zu gestalten.
Auch Geld hat nur deshalb einen Wert und konnte sich durchsetzen, weil es das soziale Miteinander erweitert hat: im Tauschhandel ist man darauf angewiesen, daß der, von dem man etwas bestimmtes brauche, dann auch das will, was ich zu bieten habe. Will der aber Kleidung und man hat nur Fische zu bieten, läuft nix.
Das, was ich zu bieten habe, in Geld umzusetzen, macht mich unabhängiger, da es ja überall und bei jedem eintauschbar ist.

Nur wenn ein System sich so verselbständigt, daß es nicht mehr seinem eigentlichen Zweck dient (nämlich Existenzsicherung in möglichst gutem sozialen Miteinander), sondern nur der Selbsterhaltung des Systems, dann muß man sich schrittweise davon befreien und dabei eben ein neues System entwickeln.
Und dabei halt dann nicht wieder die Augen verschließen vor dem Elend, das wir (als Gesellsachaft) mitverursacht haben, sonst steht alles wieder auf wackligem Fundament und muß zwangsläufig wieder in die Hose gehen.
Klar tut sowas weh und keiner will es sehen – denn die Gesellschaft ist mit ihrem jetzigen System, den jetzigen Verhaltensweisen, an den Menschen gescheitert und sobald die Leute, die durchs Netz gefallen sind, sichtbar werden, sind wir gezwungen, unserem äußerst unappetitlichen Versagen als soziale Gemeinschaft ins Auge zu sehen.
Das ist nicht schön. Aber unvermeidbar.

Statt das gemeinschaftlich verursachte Elend hinter verschlossenen Türen zu halten (wobei in vielen Fällen ja Türen mit der dranhängenden Wohnung ja noch nicht mal verfügbar sind) und uns vorzuspielen, wir hätten damit nichts zu tun, ist es dringendst geboten, die Mißstände nicht nur „öffentlich zu machen“ oder anzuprangern, sondern stets die geballte Grausamkeit, die das System verursacht, mit all seinen Konsequenzen bis über die Schmerzgrenze in die „Mitte der Gesellschaft“ zu tragen, denn von allein sucht keiner den Kontakt, fragt den Bettler vorm Bahnhof, wie sein Tag war und raucht eine Kippe mit ihm. Keiner fragt von sich aus den fertigen Junkie im Hauseingang, ob alles okay ist oder er einen Kaffee vertragen könnte.
Allein schon die Kontaktaufnahme zwischen diesen beiden Gruppen ist mehr als unüblich, fast schon revolutionär – und genau das ist es, was wir ändern müssen.
Denn wer nicht miteinander redet, kennt nicht des anderen Sorgen und versteht auch dessen Realität nicht, ahnt nicht, in welcher Lebenswelt er sich bewegt oder bewegen muß, was „Alltag“ für diese Person überhaupt bedeutet.
Wer sich dennoch darauf einläßt, findet sich in einem Gespräch mit ehemaligen Uniprofessoren, deren Scheidungskrieg sie psychisch und finanziell ruiniert hat, bis sie auf der Straße saßen.
Man trifft gescheiterte Künstler, die ihren Lebenstraum nicht aufgeben wollten, ihn aber auch nicht verwirklichen konnten.
Man spricht dann mit „importierten Bettelbandenmitgliedern“, die keine Ahnung haben, daß sie auch Rechte haben, da ja niemand mit ihnen redet außer denen, die ihnen aus Gewinnsucht ihre Rechte verschweigen.

Kurz: man spricht, hört, sieht dann Menschen, Individuen, statt „Obdachlose“, „Junkies“, „Nutten“, „Ausländer“ oder sonst eine Schublade.
Man sieht dann nicht nur „den Asi“, sondern einen Mensch mit Geschichte, Träumen, Fehlern, Talenten, Eigenarten.
Und damit wären wir schon einen gewaltigen Schritt weiter; einen Schritt, den Ökonomie und Politik in hundert Jahren nicht wagen werden. Sie haben – finanziell und politisch – zu viel zu verlieren.

Aber was haben wir eigentlich zu verlieren?


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