Generation Sarrazin, Stromsparen und Frühsexualisierung

Zauber der Sexualität, Selbstbestimmung psychisch Kranker, Stromverbrauch, französische Zeichner gegen Pegida, Kellnern, Klassismus und männliche Abstiegsangst, Depri, Generation Sarrazin und „Frühsexualisierung“.

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Die Freuden weiblicher Lohnarbeit in der Gastronomie:

Mehr als einmal hatte unsere Chefin gemerkt, dass ihr Personal von ihren Gästen angefasst und belästigt worden war. Ihre Reaktion ging von Ignoranz bis zu einem „Musst du dich nicht wundern, so, wie du angezogen bist.“ Sie gab denen, die angegriffen wurden, die Verantwortung für das Geschehene – nie denen, die angegriffen hatten.
Es enttäuschte mich, von einer Frau so fallen gelassen zu werden. Ich wollte und will mich nicht demütigen und beschämen lassen und meine persönlichen Grenzen abgeben. Ich will nicht, dass Halbfremde über meine Sexualität spekulieren und mich prüde nennen. Schon gar nicht will ich, dass ich das alles wegstecken muss, weil ich dafür bezahlt werde, freundlich zu Gästen zu sein. Es gibt Grenzen, und wenn die überschritten werden, wehre ich mich. Vielleicht denkt meine Chefin, diese Grenzen seien überflüssig.

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Klassismus und männliche Abstiegsangst
– Interview mit Andreas Kemper:

Mit rassistischen Diskriminierungen gehen oft klassistische einher, letztere werden aber weitaus seltener thematisiert. Wie finden diese Verschränkungen aktuell statt?

Die europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien kennen keine klassenbezogenen Diskriminierungen. Als vor 15 Jahren Heterosexismus aus dem Gesetzeskatalog herausfallen sollte, warnte die Homosexuelle Initiative Wien vor einer Diskriminierungshierarchie, die bestimmte Benachteiligungen mehr fokussiert als andere. Diese Diskriminierungshierarchie besteht auch hinsichtlich des Klassismus: Die Benachteiligung von Arbeiter_innenkindern, von Obdachlosen oder Arbeitslosen usw. – sie gilt in Europa offiziell nicht als Diskriminierung.

Rassismus und Klassismus lassen sich aber kaum trennen. Vom Kastensystem bis zur „Rassenhygiene“ finden sich immer wieder deutliche Verschränkungen. Klassismen wirken häufig rassistisch, zugleich werden Klassen ethnisiert. Wenn zum Beispiel Thilo Sarrazin behauptet, die „Unterschicht“ habe eine erblich bedingt niedrigere Intelligenz, dann liegt ein „Klassenrassismus“ vor, der Klassen als „Rassen“ behandelt. Sarrazin wurde nicht aus der SPD geworfen, weil sein Rassismus mit seinem Klassismus entschuldigt wurde: Er habe sich zwar abwertend gegenüber Türken geäußert, sich aber auch diffamierend gegenüber der deutschen „Unterschicht“ geäußert – daher sei er nicht rassistisch.

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Vicky Amestie beschreibt den Zauber der Sexualität:

Die Sexualität hatte ein Leben, bevor sie auf dem Seziertisch landete. Sie hatte einen Zauber. Dieser lebte durch ihre männliche und ihre weibliche Seite. Beide ergänzten sich. Aber sie waren niemals deckungsgleich. Eine Symbiose war daher ebenso ausgeschlossen, wie durchdringendes Verständnis für einander.

Die männliche und weibliche Seite waren Gegenpole und die Spannung zwischen diesen das Entscheidende, zauberhafte.

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Charlie Hebdo & Co. haben keinen Bock auf falsche Freunde:

„Wir, die französischen und frankofonen Zeichner, sind entsetzt über die Ermordung unserer Freunde. Und wir sind angewidert, dass rechte Kräfte versuchen, diese für ihre Zwecke zu instrumentalisieren“, heißt es in dem Flugblatt. Die klare Aussage: „Pegida, verschwinde!“

In einem Aufruf an die Dresdner fordern sie, sich gegen Pegida einzusetzen: „Im Andenken an unsere ermordeten Freunde und Kollegen müssen wir uns in Dresden gegen diesen Akt der Instrumentalisierung erheben. Sonst würde man sie ein zweites Mal töten.“ Die Vereinnahmung dieser Morde durch Kräfte, die das Gegenteil von dem repräsentierten, „für das unsere Freunde zeitlebens warben, gleicht einer Grabschändung. Pegida steht für all das, was sie durch ihr Werk und ihr Leben bekämpften“.

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Bemerkenswerter Text von Heinz-Jürgen Voß über die bekloppte „Frühsexualisierungs“-Debatte:

Allen Eltern und Fachkräften in Kindereinrichtungen ist klar, dass Kinder bereits als Säuglinge lustvolle Gefühle haben und im Anschluss suchen. Das ist etwa der Fall, wenn sie an der Brust (oder der Flasche) Milch saugen und diesen Vorgang als sättigend und wohltuend erleben. Es ist auch der Fall, wenn sie ab einem bestimmten Zeitpunkt selbst merken, dass sie kacken und pullern und das entstehende Häuflein als ihr eigenes Produkt ansehen und stolz darauf sind. Im Arm gehalten werden, die Nähe von vertrauten Personen spüren, das sind oft als angenehm wahrgenommene Situationen, in denen Eltern wissen, dass sich die Säuglinge und Kleinkinder wohlfühlen. All diese Prozesse werden in der Sexualwissenschaft als „sexuell“ verstanden.[1] Gleiches gilt, wenn Kinder einige Körperstellen häufiger berühren – das können, müssen aber nicht die Genitalien sein –, weil sie auch das als angenehm empfinden. Die heutige Sexualwissenschaft macht hieraus keine ‚Dramen‘, sondern sagt etwa, dass dieses Erkunden okay ist und dass die Pädagogik im Stil der 50er Jahre falsch lag, die dieses Berühren gleich im Sinne erwachsener Sexualität verstand, Moral und Ordnung als bedroht ansah und gar mit körperlicher Gewalt ein ‚Das macht man doch nicht!‘ durchsetzte.

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Nützlicher Stromcheck
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Der Erhebung zufolge verbraucht jeder Deutsche im Schnitt 1500 Kilowattstunden Strom. Das entspreche Kosten von rund 400 Euro im Jahr, heißt es. Wird das warme Wasser in Bad und Küche elektrisch erhitzt, was in gut einem Drittel der Haushalte der Fall sei, so erhöhe sich der Verbrauch um 400 Kilowattstunden, was gut 108 Euro entspricht.

Neben der elektrischen Warmwasserbereitung und der Haushaltsgröße beeinflusst vor allem die Gebäudeart die Höhe des Verbrauchs. So verbrauche ein Haushalt im Mehrfamilienhaus durchschnittlich 33 Prozent weniger Strom als ein vergleichbarer Haushalt im Einfamilienhaus, heißt es in der Erhebung.

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Rappen gegen Sarrazin!

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Über das viel zu wenig diskutierte Recht psychisch Kranker, über sich selbst zu bestimmen:

Wegen ihrer Krankheit musste Bauer ihr Musikstudium abbrechen. Später hat sie eine einjährige Ausbildung gemacht, um als Psychiatrieerfahrene andere psychisch kranke Menschen zu unterstützen und als Dozentin zu arbeiten. Wenn es ihr gut geht, hält sie Vorträge in verschiedenen Städten, um Psychologiestudenten oder Sozialarbeitern zu erklären, wie es ist, Stimmen zu hören oder wie Betroffene mit einer Essstörung umgehen können. Wenn es ihr schlecht geht, traut sie sich nicht aus der Wohnung, sie fühlt sich bedroht, manchmal kommt sie tagelang nicht aus dem Bett. Bauer hat viele Klinikaufenthalte hinter sich. „Oft hieß es: ‚Wenn Sie nicht freiwillig gehen, weisen wir Sie ein.‘ Das war ein sanfter Zwang, aber es war trotzdem Zwang“, sagt sie. Zwang, der vielleicht gut gemeint ist, den aber viele Betroffene ablehnen. „Man sollte nicht mit Druckmitteln arbeiten, sondern mit Einsicht“, sagt Reinhard Wojke von der Berliner Organisation Psychiatrie-Erfahrener und Psychiatrie-Betroffener. Den Betreuern fehle aber oft die Zeit, um zu überzeugen, statt einfach zu entscheiden.

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Interview mit Undine de Rivière, Pressesprecherin des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen:

Woran arbeiten Sie momentan?

Wir haben gerade eine Unterschriftenkampagne gegen die von der regierenden Koalition geplante Zwangsregistrierung von Sexarbeitern abgeschlossen. Eine solche polizeiliche Erfassung hat es zuletzt in den 1940er Jahren gegeben. Das sogenannte „Prostituiertenschutzgesetz“ führt unserer Meinung nach zu Entmündigung, nicht zu Empowerment. Dabei geht es natürlich nicht um die Steuern – die zahlen wir selbstverständlich.

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Magda erklärt den bizarren Zusammenhang von Politik und Körpergewicht:

Wir leben in einer Zeit, in der die Angst vor dem Fettwerden gesellschaftliche Normalität ist, in der Kinder in Diätcamps mit minimalster Kalorienzufuhr gesteckt werden und Ärzt_innen FdH (»Friss die Hälfte«) für einen angemessenen Ernährungstipp halten. Wir leben in einer Zeit, in der Lehrer_innen aufgrund eines Body-Mass-Index (BMI) von über 30 in manchen Bundesländern nicht verbeamtet werden können. (1) Wir leben in einer Zeit, in der Diäten, Diätpillen, Magenverkleinerungen und dickenfeindliche Sprüche und ihre verheerenden Auswirkungen auf Körper und Seele für »gesünder« als ein dicker Körper als solcher gilt. Die Fixierung auf einen schlanken Körper und die Angst vor Fett(sein) nehmen absurde Dimensionen an: Die Kompetenzen einer Politikerin werden angezweifelt, weil sie einen dicken Körper hat und nicht etwa, weil sie kritikwürdige politische Entscheidungen in ihrer Berufskarriere gefällt hat. Sexismus, Dickenfeindlichkeit und die Nicht-Thematisierung von rassistischer Politik reichen sich die Hand.


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