Die Schlampe, unfaßbar!


Slutwalk-Teilnehmerin

„Schlampe“.
Eine da?
Was zum Geier ist das eigentlich? Kennt hier wer eine? Ist hier eine da und kann mich aufklären?

Laut offizieller Definition spielt es entweder auf „Unordentlichkeit“ oder „Promiskuität“ an.

Aber generell scheint der Durchschnittsmensch darunter eine Frau zu verstehen, die – platt gesagt – „mit jedem fickt“1. Wobei „jeder“ in der Regel weit übertrieben ist.
Zudem ist der Ausdruck eigentlich stets negativ gemeint – und als Schimpfwort ungemein populär! Populär genug, um die Beleidigung auch ohne jeglichen Bezug zur Bedeutung zu benutzen und einfach alle Frauen, die einem nicht passen, dann „Schlampen“ sind. (Alle. Natürlich außer Mutti…)

Wann immer ich selbst so genannt wurde, war der Grund dafür allerdings, daß ich nicht mit jemandem anbandeln wollte.
Zum Beispiel: man wird auf der Straße angelabert à la „Hey heiße Schnecke, wie wär’s blahblubb?“ – „Vergiß es, hau ab!“ – „Schlampe!“

Das ist zwar ziemlich sinnentleert, entspricht aber in etwa über 90% der Fälle, in denen ich „Schlampe“ genannt wurde2.

Interessanterweise wurde ich nie, kein einziges Mal, so genannt, wenn ich wirklich promiskuitiv unterwegs war. Hinter meinem Rücken vielleicht, aber ins Gesicht gesagt kriegt man die „Schlampe!“ dann nicht.

Und was hat das jetzt bitte zu bedeuten?
Einerseits: es ist schlimm, als Frau sexuell freizügig zu sein. Sonst wäre es ja kein Schimpfwort.
Andererseits: zumindest die (hetero-) Männlichkeit will aber, daß Frauen promiskuitiv sind und sich von ihnen ohne allzu großen Aufwand abschleppen lassen. Denn wenn nicht, sind sie frustriert und beschimpfen einen als, ja eben: „Schlampe!“

Aber wenn man das jetzt weiter analysieren will, wird man ballaballa und letztendlich sind wir ja alle Schlampen. Welcher Art auch immer.

Der Duden hilft da auch nicht weiter. Sinngemäß steht da das gleiche. Unter anderem

Frau, deren Lebensführung als unmoralisch angesehen wird

Wollen die uns verarschen oder sind die so verklemmt?
Da steht kein Wort von Sex. Darum geht’s aber doch bei der Definition von „Schlampe“. Um „unmoralische Lebensführung im sexuellen Bereich“, nicht in anderen!
Wenn ich regelmäßg dem blinden Bettler das Kleingeld aus dem Hut klaue, hab ich auch einen unmoralischen Lebenswandel, könnte also laut Dudendefinition als „Schlampe“ durchgehen. Was natürlich irgendwie Blödsinn ist. Aber frau hat ja längst festgestellt, daß die Beschimpfung mit „Schlampe“ in den meisten Fällen Blödsinn ist. Man wird so genannt, scheißegal, was man tut. Sobald es wem nicht paßt, ist man eine „Schlampe“. Also willkommen im Klub.

Pierers Universal-Lexikon bietet ein bißchen mehr als der Duden:

[214] Schlampe, 1) (Jagdw.), so v.w. Geschlampe; 2) unreinlich zubereitete kraftlose Speise; 3) eine in Kleidung u. Betragen liederliche Weibsperson.

„Liederliche Weibsperson“. Sozusagen ein Vorgängerbegriff von „Schlampe“.
Wenn man jetzt noch das Wort „liederlich“ mit seinen Synonymen genauer betrachtet, klingt das alles schon etwas positiver. Nun ja, meiner persönlichen Meinung nach.

Läßt man die Bedeutung bezüglich Unordnung weg (und ich glaube, bis auf ein paar versprengte Stepfordfrauen können heutzutage die meisten die Bezeichnung „unordentlich“ etc. ohne größere Egoprobleme wegstecken) und die Sache über Moral beiseite (denn diese ändert sich schneller, als man denkt – Vergewaltigung in der Ehe war immerhin bis Ende 90er lega!l), dann bleiben wir bei „ausschweifend“.
Also das „Schweifen“ außerhalb dessen, was als Durchschnitt gilt.
Und das trifft wahrscheinlich den Kern der Sache.
Wer (als Frau) sexuell und anderweitig aus der Reihe tanzt, fällt auf und wird sanktioniert.

Das ist jetzt nun nichts Neues und bringt unter anderem eine sehr typische Form der Sanktionierung, nämlich Machtausübung durch sexuelle Belästigung bis hin zu Vergewaltigung mit sich. Weil das Opfer ja „selbst schuld“ ist, wenn es sich sexuell (oder sonstwie) nicht konform verhält.

Der Klassiker hier ist natürlich, daß die Frau sich nicht züchtig genug angezogen hat. Oder was getrunken hat. Das ist schon so dermaßen Klischee und bescheuert, daß es eigentlich unfaßbar ist, heutzutage noch über so einen Blödsinn debattieren zu müssen, aber diese Denkart ist scheinbar nur sehr schwer totzukriegen. Aber immerhin wird dies auch mit Nachdruck versucht und immer wieder in den öffentlichen Diskurs gebracht.

Noch demonstrativer gehen die Betroffenen bei den Slutwalks zu Werke. Die Entsehungsgeschichte der Slutwalks paßt so dermaßen wie die Faust aufs Auge, daß es eigentlich nun jeder kapiert haben sollte.

Aber auch hier bleibt der Begriff „Schlampe“ nebulös. Er scheint einer dieser Universalbeleidigungen zu sein, bei denen man sich geeinigt hat, daß er halt irgendwie auf alle Frauen paßt – sollen „normale“ Frauen doch romantisch-prüde sein und doch stellt ma(n) fest, die wollen auch Sex. Nur halt nicht mit jedem.
Man könnte also sagen: Schlampen sind eigentlich die Frauen, die (promiskuitiv) Sex haben, aber eben NICHT mit jedem.
Das wiederum taugt als Definition nun mal so gar nicht. Ich gebe auf.

Das ist aber okay. Vorläufig werde ich mich mit meiner Lieblingsdefinition von Urban Dictionary begnügen:

slut
a woman with the morals of a man

Wer noch bessere Vorschläge hat – immer her damit!

______________________

  1. ich möchte anmerken, daß ich diesen Ausdruck „die fickt jeden“ ziemlich scheiße finde. Ich bezweifle, daß es irgendwen gibt, der/die wirklich JEDE_N ranläßt.
    Dieser Spruch nährt nur die bescheuerte Vorstellung, promiskuitive Frauen seien automatisch absolut anspruchslos bei der Wahl ihrer Partner_innen… [zurück]
  2. die restlichen Prozent fallen an meine Mutter, die mich als Kind/Teenager immer so genannt hat, wenn mein Zimmer mal wieder im Chaos versank. Ich bin mir sicher, sie hat damit nicht auf mein Liebesleben angespielt. [zurück]

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