Archiv für September 2014

Hundeflüsterin, Pro-Life & Pro-NRW

NS-Pädagogik, Leben mit einem Arm, deutscher Umgang mit Zuwanderung, Abtreibungsgegner_innen, von Hunden lernen, Rita Moreno bei den Muppets, Pro NRW vs. Blogsport, DNA-Überraschung und Game-Designing.

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Interessantes Interview mit der „Hundeflüsterin“ Maike Maja Nowak:

Was können wir von Hunden lernen?

Ihr soziales Wesen. Hunde bewerten niemanden. Denen ist egal, ob jemand dick oder dünn ist. Wir können Geduld lernen. Wenn wir eine Entscheidung durchsetzen wollen, versuchen wir es mit Druck. Leithunde beharren mit Präsenz, bis die Entscheidung umgesetzt wird. Hunde sind außerdem nicht nachtragend. Sie handeln sofort. Wir stauen oft Wut auf, weil wir Angst haben, nicht gemocht zu werden, wenn wir sie äußern.

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Bester Auftritt in der Muppet Show EVER: Rita Moreno (feat. Animal)!

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Schnittiger Leserartikel von Maria Schulz über ihr Leben mit nur einem Arm:

Bekanntlich wird das Leben in der Pubertät nicht einfacher, und mit 14, wenn so ziemlich jedes Mädchen seinen Körper verabscheut, fand ich allein den Gedanken, ohne meine Armprothese aus dem Haus zu gehen, so absurd, dass ich sie zeitweise sogar nachts im Bett trug. Welcher Junge würde mich je ansehen wollen?

Ich war kein trauriger Teenager, ich saß auch nie einsam in meinem Zimmer und habe mich deprimiert im Spiegel betrachtet. Aber die Tatsache, dass ich anders aussah als die anderen, war fest in meinem Bewusstsein verankert. Ich nahm meinen Körper nicht an. Ich tolerierte seine Anwesenheit, aber ich hieß ihn nicht gut. Die Frage, was Schönheit ist, kreiste in meinem Kopf herum. In einer Sache war ich mir sicher: Mein Körper war nicht schön.

Mit der Zeit wurde ich allerdings entspannter.

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Immer wieder schön, wie die Natur uns regelmäßig daran erinnert, daß unsere Wissenschaft beim Verstehen des Körpers eben doch erst am Anfang steht – und die bisherigen Ergebnisse nicht das Ende vom Lied sind:

8,2 Prozent des menschlichen Erbguts erfüllen eine wichtige Funktion, sagen Genetiker der Universität Oxford. „Funktional“ nennen die Biochemiker Abschnitte des Genoms, welche direkt für die Bildung von Proteinen zuständig sind, die letztlich Form und Funktion eines lebenden Organismus bestimmen.

Diese Zahl scheint im krassen Widerspruch zu stehen zu Aussagen, die einige Forscher vor zwei Jahren veröffentlichten. Damals wurde 80 Prozent aller DNA-Abschnitte eine biochemische Funktion zugeschrieben.

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Woher kommt die Angst der Deutschen ™ vor „Ausländern“? Über den Umgang mit Zuwanderung:

Dass Deutschland seine heutige Stärke und Entwicklungsfähigkeit gerade auch den Einwanderern verdankt, hat jüngst die Fußball-WM gezeigt. Klose, Özil, Khedira, Boateng und Podolski haben in den letzten Jahren einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung einer neuen Spielkultur geleistet, die Athletik mit Ästhetik verbindet, die effizient und berauschend ist. Die Nationalmannschaft ist ein Paradigma dafür, dass eine gesellschaftliche Einigkeit nicht in einer gemeinsamen Herkunft begründet sein muss.

Viel stärker verbinden gemeinsame Ziele und Werte. Unterschiede, das Fremde und Andere sind geradezu förderlich. Sie bringen eine produktive Ergänzung und Spannung ist das Leben und verhindern Starre und Selbstgenügsamkeit. Geistiger Austausch und die Reibung mit anderen Kulturen sind Kräfte, die dafür sorgen, dass eine Nation lebendig und schöpferisch bleibt.

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Wie die NS-Erziehung Kinder traumatisierte (Triggerwarnung):

Die überzeugte Nationalsozialistin Haarer betrachtete das Kind als Feind und warnte zum Beispiel davor, es zu trösten oder zu streicheln. Jede Gefühlsbekundung, ja selbst bloßen Blickkontakt, lehnte Haarer kategorisch ab. Dafür wurden der „deutschen Mutter“ allerlei Züchtigungsmittel anempfohlen, wie Kinder ohne Essen ins Bett zu schicken, sie in den Keller zu sperren oder stundenlang auf ungekochten Erbsen knien zu lassen.

Als Katrin Einert diese Ratgeber zum ersten Mal las, war sie erschüttert. Im Rahmen des Frankfurter Fachhochschulforschungsprojekts „Trauma im Alter“ unter der Leitung von Professorin Ilka Quindeau interessierten sie und ihre Kolleginnen sich für die Bedingungen, unter denen Menschen, die heute alt sind, als Kinder aufgewachsen sind. Und nun hielt sie Anleitungen in der Hand, die die Herausbildung einer Mutter-Kind-Bindung regelrecht verhindern sollten.

(via)

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Kleinerdrei interviewt die Game-Designerin Henrike Lode:

In einer Schulklasse in England wurde ich von einer Lehrerin bedrängt, als ein Schüler vorschlug, beide Geschlechter zur Auswahl zu geben. Sie forderte, dem Vorschlag nachzugeben, da es nur fair sei und meine Vorauswahl ungerecht gegenüber den Jungen. Ein anderes Mal hat mich ein PR-Spezialist darauf hingewiesen, dass ich wahrscheinlich weniger Kopien verkaufen werde, weil sie viele auf Grund des weiblichen Charakters das Spiel nicht kaufen würden. Mittlerweile bin ich nicht einmal mehr so sicher, ob etwas dran ist an diesen Annahmen, aber ich bin bereit, es darauf ankommen zu lassen. Viele weibliche Spieler bestätigen, dass es ihnen leichter fällt, sich mit der Figur zu identifizieren, und dass es eine positive Überraschung für sie ist.

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„Pro-NRW“ vs. Blogsport in der nächsten Runde? Darum geht’s:

Im Frühjahr zerrte der stellvertretende Vorsitzende der rechtsextremen Partei „Pro NRW“, Kevin Gareth Hauer, den linken Provider Blogsport vor Gericht. Dieser habe sich geweigert, Fotos entfernen zu lassen, die Hauer mit erhobenem rechten Arm bzw. posierend mit einem großformatigen Hitlerbild zeigen.

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Die Soziologin Gisela Notz über die organisierten Abtreibungsgegner_innen:

Vielleicht ist das Bedürfnis nach einer heilen Welt, wie die Kirchen sie malen, gewachsen. Die familienpolitische Debatte ist jedenfalls nach rechts gerückt. Deshalb ist auch die AfD erstarkt, in der die sogenannten „Lebensschützer“ eine große Rolle spielen. Beatrix von Storch, die nun im Europaparlament sitzt, war bei diesen Märschen ganz vorn dabei. Sie ist für ein Totalverbot der Abtreibung und setzt sich für ein traditionelles Familienbild ein.

Die Schlampe, unfaßbar!


Slutwalk-Teilnehmerin

„Schlampe“.
Eine da?
Was zum Geier ist das eigentlich? Kennt hier wer eine? Ist hier eine da und kann mich aufklären?

Laut offizieller Definition spielt es entweder auf „Unordentlichkeit“ oder „Promiskuität“ an.

Aber generell scheint der Durchschnittsmensch darunter eine Frau zu verstehen, die – platt gesagt – „mit jedem fickt“1. Wobei „jeder“ in der Regel weit übertrieben ist.
Zudem ist der Ausdruck eigentlich stets negativ gemeint – und als Schimpfwort ungemein populär! Populär genug, um die Beleidigung auch ohne jeglichen Bezug zur Bedeutung zu benutzen und einfach alle Frauen, die einem nicht passen, dann „Schlampen“ sind. (Alle. Natürlich außer Mutti…)

Wann immer ich selbst so genannt wurde, war der Grund dafür allerdings, daß ich nicht mit jemandem anbandeln wollte.
Zum Beispiel: man wird auf der Straße angelabert à la „Hey heiße Schnecke, wie wär’s blahblubb?“ – „Vergiß es, hau ab!“ – „Schlampe!“

Das ist zwar ziemlich sinnentleert, entspricht aber in etwa über 90% der Fälle, in denen ich „Schlampe“ genannt wurde2.

Interessanterweise wurde ich nie, kein einziges Mal, so genannt, wenn ich wirklich promiskuitiv unterwegs war. Hinter meinem Rücken vielleicht, aber ins Gesicht gesagt kriegt man die „Schlampe!“ dann nicht.

Und was hat das jetzt bitte zu bedeuten?
Einerseits: es ist schlimm, als Frau sexuell freizügig zu sein. Sonst wäre es ja kein Schimpfwort.
Andererseits: zumindest die (hetero-) Männlichkeit will aber, daß Frauen promiskuitiv sind und sich von ihnen ohne allzu großen Aufwand abschleppen lassen. Denn wenn nicht, sind sie frustriert und beschimpfen einen als, ja eben: „Schlampe!“

Aber wenn man das jetzt weiter analysieren will, wird man ballaballa und letztendlich sind wir ja alle Schlampen. Welcher Art auch immer.

Der Duden hilft da auch nicht weiter. Sinngemäß steht da das gleiche. Unter anderem

Frau, deren Lebensführung als unmoralisch angesehen wird

Wollen die uns verarschen oder sind die so verklemmt?
Da steht kein Wort von Sex. Darum geht’s aber doch bei der Definition von „Schlampe“. Um „unmoralische Lebensführung im sexuellen Bereich“, nicht in anderen!
Wenn ich regelmäßg dem blinden Bettler das Kleingeld aus dem Hut klaue, hab ich auch einen unmoralischen Lebenswandel, könnte also laut Dudendefinition als „Schlampe“ durchgehen. Was natürlich irgendwie Blödsinn ist. Aber frau hat ja längst festgestellt, daß die Beschimpfung mit „Schlampe“ in den meisten Fällen Blödsinn ist. Man wird so genannt, scheißegal, was man tut. Sobald es wem nicht paßt, ist man eine „Schlampe“. Also willkommen im Klub.

Pierers Universal-Lexikon bietet ein bißchen mehr als der Duden:

[214] Schlampe, 1) (Jagdw.), so v.w. Geschlampe; 2) unreinlich zubereitete kraftlose Speise; 3) eine in Kleidung u. Betragen liederliche Weibsperson.

„Liederliche Weibsperson“. Sozusagen ein Vorgängerbegriff von „Schlampe“.
Wenn man jetzt noch das Wort „liederlich“ mit seinen Synonymen genauer betrachtet, klingt das alles schon etwas positiver. Nun ja, meiner persönlichen Meinung nach.

Läßt man die Bedeutung bezüglich Unordnung weg (und ich glaube, bis auf ein paar versprengte Stepfordfrauen können heutzutage die meisten die Bezeichnung „unordentlich“ etc. ohne größere Egoprobleme wegstecken) und die Sache über Moral beiseite (denn diese ändert sich schneller, als man denkt – Vergewaltigung in der Ehe war immerhin bis Ende 90er lega!l), dann bleiben wir bei „ausschweifend“.
Also das „Schweifen“ außerhalb dessen, was als Durchschnitt gilt.
Und das trifft wahrscheinlich den Kern der Sache.
Wer (als Frau) sexuell und anderweitig aus der Reihe tanzt, fällt auf und wird sanktioniert.

Das ist jetzt nun nichts Neues und bringt unter anderem eine sehr typische Form der Sanktionierung, nämlich Machtausübung durch sexuelle Belästigung bis hin zu Vergewaltigung mit sich. Weil das Opfer ja „selbst schuld“ ist, wenn es sich sexuell (oder sonstwie) nicht konform verhält.

Der Klassiker hier ist natürlich, daß die Frau sich nicht züchtig genug angezogen hat. Oder was getrunken hat. Das ist schon so dermaßen Klischee und bescheuert, daß es eigentlich unfaßbar ist, heutzutage noch über so einen Blödsinn debattieren zu müssen, aber diese Denkart ist scheinbar nur sehr schwer totzukriegen. Aber immerhin wird dies auch mit Nachdruck versucht und immer wieder in den öffentlichen Diskurs gebracht.

Noch demonstrativer gehen die Betroffenen bei den Slutwalks zu Werke. Die Entsehungsgeschichte der Slutwalks paßt so dermaßen wie die Faust aufs Auge, daß es eigentlich nun jeder kapiert haben sollte.

Aber auch hier bleibt der Begriff „Schlampe“ nebulös. Er scheint einer dieser Universalbeleidigungen zu sein, bei denen man sich geeinigt hat, daß er halt irgendwie auf alle Frauen paßt – sollen „normale“ Frauen doch romantisch-prüde sein und doch stellt ma(n) fest, die wollen auch Sex. Nur halt nicht mit jedem.
Man könnte also sagen: Schlampen sind eigentlich die Frauen, die (promiskuitiv) Sex haben, aber eben NICHT mit jedem.
Das wiederum taugt als Definition nun mal so gar nicht. Ich gebe auf.

Das ist aber okay. Vorläufig werde ich mich mit meiner Lieblingsdefinition von Urban Dictionary begnügen:

slut
a woman with the morals of a man

Wer noch bessere Vorschläge hat – immer her damit!

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  1. ich möchte anmerken, daß ich diesen Ausdruck „die fickt jeden“ ziemlich scheiße finde. Ich bezweifle, daß es irgendwen gibt, der/die wirklich JEDE_N ranläßt.
    Dieser Spruch nährt nur die bescheuerte Vorstellung, promiskuitive Frauen seien automatisch absolut anspruchslos bei der Wahl ihrer Partner_innen… [zurück]
  2. die restlichen Prozent fallen an meine Mutter, die mich als Kind/Teenager immer so genannt hat, wenn mein Zimmer mal wieder im Chaos versank. Ich bin mir sicher, sie hat damit nicht auf mein Liebesleben angespielt. [zurück]