3-/4-/5-gliedrige Inklusion! Für alle!

Anfangs gleich ein Outing: ich bin Fan des dreigliedrigen Schulsystems. So, jetzt haut mich.

Damit meine ich allerdings nicht „3 getrennte Schulen“ mit verschiedenen Gebäuden, verschiedenen Klassen, verschiedenem Ansehen, verschiedener Förderung.
Sondern die zugrundeliegende Idee, die inzwischen längst verkümmert ist, bevor sie wachsen konnte: grob gesagt, die Aufteilung in handwerklich/verwaltungstechnisch/akademisch orientierter Bildung. Die Kinder in ebenjenem Talentbereich fördern, der dem jeweiligen Individuum angemessen ist, bzw. wo Interesse und Begeisterung vorhanden ist.

„Dreigliedriges Schulsystem“ – das ist sowieso Heuchelei pur, mal ehrlich.
Gymnasium, Realschule, Hauptschule. Drei. Ach ja, und dann noch die Unaussprechlichen, die nicht zählen, mal wieder wer, der „mitgemeint“ ist. Die kommen dann in die Sonderschule. Halt, moment – Förderschule sagt man jetzt. Das alte Wort klang doch zu sehr nach „aussondern“ (Nachtigall, Dein Trapsen war zu laut). „Förderschule“ klingt in der Tat wesentlich besser (das Vögelchen trampelt jetzt leiser).

Aber auch das impliziert, daß nur eine bestimmte Gruppe so schwach/behindert/behindernd/wtf/whatev ist, daß sie getrennt gefördert werden muß (und: es vermittelt den vermeintlich Stärkeren auch, daß sie evtl. nicht/weniger gefördert werden, sondern das selber wuppen müssen, notfalls Privatnachhilfe. Man sieht ja, was mit Leuten geschieht, die nicht ins System passen, da wirste dann aus dem Klassenverband aussortiert. Wertevermittlung deluxe also, und pädagogisch bestimmt wertvoll für eine unbeschwerte Kindheit und so…) Und auch ob, bzw. inwiefern die Änderung der Bezeichnung sowieso nur Deko fürs PC-Gewissen ist. Worte sind wichtig, aber unsere Lebenswelt besteht nunmal aus mehr. Lippenbekenntnisse allein haben noch in den allerseltensten Fällen was verändert, also ich tät mich ja nicht darauf allein verlassen.

Aber das Wort „Dreigliedrig“ können wir meinetwegen erstmal so stehenlassen. Oben kurz angerissene Aufteilung (Abschlußvorbereitung in Richtung Handwerk/Verwaltung/Forschung) scheint mir in der heutigen Gesellschaft schon recht sinnvoll. Auch wenn’s fast an Proletariat/Bürgertum/Adel erinnert, aber auch so weit weg sind wir davon eh noch nicht.
Und mit vernünftiger Inklusion fällt die vierte, die Pariaversion, eh weg.

Bei Bedarf entwickeln sich sowieso noch weitere Schul(misch)formen – Stichwort Stadtteilschule, Werkrealschule, Technisches Gymnasium, you name it. Die Anzahl ist kein Dogma, das dreigliedrige System nicht die Heilige Dreifaltigkeit (eher erinnert es an das Goldene Kalb, wenn man zum Beispiel die CDUler so hört…). Es sind nur Schulsysteme. Remember: Systeme sind auf Druck änderbar, Menschen nicht so leicht, auch gar nicht uneingeschränkt empfehlenswert, insbesondere für Kinder oder Jugendliche, fragen Sie Ihren Arzt oder Therapeuten). Das System soll dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Oder ganz platt: die Schule ist für die Schüler da. Nicht andersrum. Tadaaa!

Daß aus dieser prinzipiell nützlichen Einteilung (Attenzione: polemica!) auf perverse Art die Dreiheit Schule für Doofe, Mittelmaß und Intelligenzelite wurde (und die ganz Hoffnungslosen dann in den Abschiebeförderknast kommen, deren Lehrpraxis mehr an Krankenpflege und Seniorenentertainment als an Bildungsförderung angelehnt zu sein scheint), sagt einiges über die gesellschaftliche Entwicklung von Bildungswerten aus. Als wäre Faktenvermittlung gleich Bildung.

Und wie gesagt heißt Dreigliedrigkeit ja nicht, daß alle in verschiedene Klassen, gar Gebäude, gesteckt werden müssen. Remember: das sind Schulen, keine Kasernen.
Im Gegenteil – weiß man doch, daß Vielfalt förderlich ist und allen nutzt. So könnten zum Beispiel auch Übergänge von einem Abschluß zum anderen fließender gestaltet werden, sowas wie ein Schnupperhalbjahr, dessen Kurse auf beiden möglichen Abschlüsse angerechnet werden können oder so – das läßt sich innerhalb eines Gebäudes/Klassenverbands leichter umsetzen, die Strukturen müssen flexibler werden, damit sie auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler_innen eingehen können.
Wovon letztendlich die wahre Elite profitiert. Nämlich alle.

Das sollte man aber besser langsam, Stück für Stück, umkrempeln. Die letzten Hauruckaktionen à la G8 liefen ja nun nicht so besonders.

Das alles braucht – Geld, jaja. Aber vor allem anderen braucht es auch Zeit und Bsonnenheit.
Und Leute, die Zeit drängt! Die selbsternannten Normalos1 vergessen gerne, was für eine Zumutung es eigentlich ist, wenn man Betroffenen durch die Blume mitteilt, „Toll, daß Sie uns Ihr Problem geschildert haben. Wir helfen natürlich gerne und nehmen das sofort in Angriff, damit Ihre Enkel davon eines Tages möglicherweise profitieren können! Hier, bitte, Sie dürfen sich auf dem Weg nach draußen gerne noch ein paar wertlose behindertengerechte Kugelschreiber mit empowernden Sprüchen mitnehmen!“

~

Um alle möglichen und unmöglichen Problemen und Problemchen wird gerungen bei der Inklusion von Benachteiligten aller Art, man könnte meinen, die Orks fallen ein („Denkt an die Kinder!“) und die Hobbits müßten ihr beschauliches Auenland gegen diese strunzdumm-ungewaschene Lumpenhorde von unzivilisierten Gewalttätern verteidigen, die ihre Kinder aufessen oder zumindest vom rechten Weg abbringen.
Die Menschen haben Angst, daß ihr Nachwuchs die sorgsam kultivierte Filterbubble verläßt und sie dort alleine zurückläßt. Wo sie sich doch partout nicht raustrauen wollen, hat man es sich da drin doch schon so gemütlich eingerichtet. Hier kennen sie die Regeln. Draußen nicht. Reinlassen wollnwer die erst recht nicht. Igitt!
Zu den Armen, den Krüppeln, den Schwachen zu gehen – das war vielleicht zu Jesu Zeiten in. Der moderne Christ steht über sowas, der ist schon weiter und denkt an die Elite, statt sich ums Kroppzeug zu kümmern. Dafür gibt’s doch jetzt Heime, sogar Schulen. Dafür zahlt man ja Kirchensteuer. Und kauft sich sein PC-Gewissen, so wie sich das in den heutigen Zeiten gehört. Wie war das nochmal mit dem Ablaßhandel?
Das Kämpferische beansprucht man aber weiterhin für sich. Auf beiden Seiten. Problem: beide sind der Überzeugung, Goliath sei der andere.

Schönes Beispiel:

Henri Ehrhardt, 11 Jahre, Trisomie 21, nicht am Gymnasium angenommen.
Nicht wegen seines Down-Syndroms (zwei andere Kinder mit Behinderung durften in die Gymnasialklasse wechseln), sondern weil er offen sagte, er wisse noch nicht, ob er das Abitur machen wolle.

Henri hat das Down-Syndrom, war aber schon in der Grundschule Teil eines Modellversuchs. Gemeinsam mit zwei weiteren Kindern mit Behinderung besuchte er dort eine reguläre Klasse. Während die beiden anderen Kinder auf das Gymnasium wechseln dürfen, weil sie – wie ihre Klassenkameraden – das Abitur anstreben, soll Henri nicht aufgenommen werden. Die Lehrerkonferenz des Gymnasiums hat das abgelehnt. Es wäre dafür ein eigener Schulversuch notwendig gewesen.

Ich stelle fest: noch immer haben die Leute eine sehr enge Vorstellung von „Bildung“ („Herzensbildung“, also schlicht Empathie und guter Wille, fällt bei vielen scheints nicht mit drunter) und um was es bei Inklusion geht, haben noch die wenigsten kapiert (sieht man sehr schön an den Kommentaren unter dem SZ-Artikel). Heißer Tip: das Abi isses nicht.

Henri hatte bis jetzt das Glück, mitten in der Gesellschaft leben zu können (ein Privileg, daß meist denjenigen am wenigsten auffällt, die davon profitieren) – und somit auch zu lernen, wie man sich trotz Handycap in ihr bewegt. Sprich: Bildung. Einem Kind schrittweise die Fähigkeiten vermitteln, die es braucht, um als Erwachsener möglichst selbständig in ihr zurechtkommt.
Statt – wie jetzt – davon ausgeschlossen zu werden und sich in einer für ihn ungewohnten „Behinderten-Parallelgesellschaft“ wiederzufinden, in der aus Bequemlichkeit den Menschen der Weg zurück versperrt wird, vieler Möglichkeiten beraubt.

Andererseits auch seine scheinbar normalen Mitschüler sind der Möglichkeit beraubt worden, zu lernen, wie man mit Menschen klarkommt, die nicht so ticken wie diejenigen aus dem von den Eltern sorgfältig abgesteckten Milieu, sprich Mikrokosmos. Neudeutsch eben auch „Filterbubble“ genannt.

Das sind dann die Leute, die später an der Uni verzweifeln, weil ein Chaosprof seine Sprechstunden nicht klar kommuniziert und hundertmal auf gut Glück hinrennen – statt einfach die Bibliothekssekretärin anzuquatschen, wann der Typ da ist. Die gute Frau sitzt schließlich den ganzen Tag sowieso eine Tür weiter.
Nun – wer die „unter ihm stehenden“ schon gar nicht mehr wahrnimmt (passiert ständig, fragt mal ne Putzfrau, wie oft jemand Hallo zu ihr sagt), außer in ihrer Funktion („Buch ausleihen“, „Klo putzen“), der steht dann – vermeintlich – allein auf weiter Flur.

Ganz zu schweigen von Prinz und Prinzeßchen, die in eine WG ziehen und im Leben noch nie einen Rasen gemäht haben und sich trotz Einserschnitt in Physik wundern, warum es funkt, wenn man mit dem Messer im eingesteckten Toaster stochert und einen fast mit Tränen bitten, einen Blusenknopf anzunähen. Muß das sein? Ist das dann Bildung? Wenn jeder Nicht-Abi-Handwerker mit 5 in Physik den feinen Leuten erklären muß, warum die Wasserleitung im Winter platzt, wenn man bei Minusgraden in der Bude das Fenster offen läßt?
Und muß es eigentlich sein, daß „gebildete Leute wie ich“ zwar problemlos Adorno verstehen – sich aber wirklich JEDE Behindertenwerkstatt totlachen würde, wenn sie meinen anarchisch anmutenden Versuch eines selbstgebauten Vogelhäuschens sehen würde. Ernsthaft.
Das kommt eben dabei raus, wenn ein Mensch nie irgendeinen handwerklichen Unterricht hatte, abgesehen von Nähen/Sticken/Häkeln in der Grundschule.

***

Fazit: Ganz besonders die Leute, die sich als „normal“ bezeichnen und auch noch Wert darauf legen (wobei „Wert“ halt arg subjektiv ist, wenn man bedenkt, was für Werte Leute haben müssen, die im Grunde sagen „Aber die Empathie mit anderen hält mein Kind zurück!“) – ganz besonders die haben Inklusion am Nötigsten. Bei ihren Kindern könnten wir schon mal anfangen.

Die Betroffenen wissen schon längst, daß sie auf Hilfe angewiesen sind. Nur die Normalos haben das noch nicht kapiert. Die glauben immer noch, Monokulturen seien die gesündesten. Und genau dazu ist die schulische Dreifelderwirtschaft geworden. Zu getrennten Monokulturen auf abgetrennten Feldern.
Da ist der irrsinnige Glaube an den patriarchalen Heldentypus – der abgehärtete Einzelkämpfer, der die Welt verändert!
Wie arrogant. Der Mensch ist erst ganz kurz da in dieser Welt. Und auch nur deshalb noch nicht ausgestorben, weil er – Achtung, Bildung, aufpassen bitte – ein soziales Wesen ist, daß sich in Gruppen zusammengetan hat und so eventuell auftretende Schwächen einzelner ausgleichen konnte.

Kann man auch ganz gut bei Ratten beobachten. Selbst die rangniedrigste Rudelgenossin wird bei Krankheit ganz selbstverständlich mit Wärme und Essen versorgt.
Die sind da weiter als wir.

  1. Normalo. Fremdbezeichnung und Eigenbezeichnung. Die persönlich empfundene „Goldene Mitte“, nur auf alle Menschen angewandt. Hier leicht zynisch gebraucht. [zurück]

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