Simphiwe Dana, Margaret Atwood & „Frauen wie andere auch“

Genies mit Misogyniebonus, Street Harassment, Mindestlohn, Simphiwe Dana, Umgang mit Rechtspopulismus, Sexismus in Videospielen, „Frauen wie andere auch“, Homophobie abbauen, „nichtdeutsche“ Vornamen nachteilig bei Jobsuche und Interview mit Maragret Atwood.

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Gesetzesentwurf zum Mindestlohn – hier isser nun, der Schweizer Käse:

Wer geht leer aus? Langzeitarbeitslose in den ersten sechs Monaten, in denen sie auf einer neuen Stelle arbeiten. Als langzeitarbeitslos gilt, wer offiziell ein Jahr lang arbeitslos war. Zuletzt waren das rund eine Million Personen.

Und wer muss noch verzichten? Zum einen Lehrlinge und ehrenamtlich Tätige. Sie sind keine Arbeitnehmer. Außerdem profitieren Jugendliche unter 18 Jahren nicht von den 8,50 Euro. Damit will die Bundesregierung verhindern, dass junge Erwachsene eine Ausbildung verschmähen, weil ihnen ein okay entlohnter Schülerjob wichtiger ist.

Etwas knifflig wird es bei den Praktikanten: Jugendliche, die ein Pflichtpraktikum für die Schule, im Rahmen der Ausbildung oder für das Studium absolvieren, haben keinen Anspruch auf 8,50 Euro. Wer freiwillig zur Orientierung für eine Lehre oder ein Studium oder ausbildungs- oder studienbegleitend ein Praktikum absolviert, hat zumindest in den ersten sechs Wochen keinen Anspruch auf den Mindestlohn. Danach schon.

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Wie sich Homophobie abbauen läßt (Stichwort: mühsam nährt sich das Eichhörnchen…), mit guten Quellenangaben/Links!

Warum die Vorbehalte gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle oder Trans*-Personen noch immer hoch sind, hat auch viel mit Unkenntnis zu tun. Unbekanntes erzeugt Unbehagen, Vertrautes erzeugt Sympathie. Dieser „Mere-Exposure-Effekt“ ist eine fundamentale psychologische Gesetzmäßigkeit, die auf Musik, Werbebotschaften, Personen und vieles andere gleichermaßen zutrifft (Bornstein, 1989).

Viele Menschen kennen Lesben und Schwule nicht persönlich, sondern nur vom Hörensagen oder aus den Medien, wo sie nicht selten als Exoten, Witzfiguren oder sexbesessene Partymenschen dargestellt werden. Wer jedoch feststellt, dass eine Freundin lesbisch oder ein Kollege schwul ist, dessen Einstellung zu Homosexuellen verbessert sich meist (Smith, Axelton & Saucier, 2009). Dies gilt besonders für Menschen, die Homosexualität aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen ablehnen (Cunningham & Melton, 2013).

Wer hingegen nie auf offene Lesben oder Schwule trifft, hält auch stärker an Fehlannahmen fest, etwa darüber, wie sexuelle Orientierungen entstehen. Einige Menschen glauben, dass Lesben und Schwule sich ihre sexuelle Orientierung selbst ausgesucht haben oder dass sie zur Homosexualität verführt wurden. Dies zeigt sich implizit auch in der Baden-Württemberger Petition gegen die Thematisierung sexueller Vielfalt in der Schule. Darin wird bemängelt, dass die „negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils“ nicht genügend reflektiert werden würden. Der Autor der Petition meint offenbar, sexuelle Orientierung sei vergleichbar mit einer Lifestyle-Entscheidung. So wie man zwischen Bio-Produkten und konventionellen Lebensmitteln wählen kann, könne man sich auch für oder gegen Homosexualität entscheiden.

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Superschönes Lied, wunderbare Stimme, absolut cooles Video:

Perfekt zum InderSonneliegen&Musikhören!

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Noch präsenter als im Mittelalter ist die Jungfrau in Nöten und anderer Sexismus in Videospielen und Gamercommunitys:

„Bitte krieg‘ Krebs und stirb!“ Wenn Grace solche Nachrichten in ihrem Postfach findet, freut sie sich. Anders als Sarkeesian widmet sie sich nicht dem Umgang mit den Frauen auf dem Bildschirm, sondern mit denen, die die Spiele spielen. Denn Spielerinnen bekommen von männlichen Spielern regelmäßig Beleidigungen und Drohungen geschickt. Grace und drei weitere Frauen machten das öffentlich: Knapp zwei Jahre lang sammelten sie die Aussagen auf ihrer Seite Fat, ugly or slutty. Der Name bezieht sich auf die Eigenschaften, die die Absender Spielerinnen am häufigsten zuschreiben: fett, hässlich oder nuttig.

Grace ärgert sich nicht über die Nachrichten, sie findet sie lustig: „Das ist so absurd: Da spielt jemand ein Spiel, checkt die anderen Gamer aus, tippt mühsam einen Text zusammen und schickt ihn in den Äther. Ein riesiger Aufwand, ohne dass er weiß, was damit passiert.“ Manche Beleidigungen sind durchaus kreativ: In Graces Favorit droht der Absender, eine Zeitmaschine zu bauen, um ein Dinosaurierei zu holen, das Tier großzuziehen und es auf die Spielerin loszulassen.

(Hervorhebung von mir, weil das einfach zu gut ist!)

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Keine große Überraschung: „nichtdeutsch“ klingende Vornamen sind bei der Jobsuche alles andere als hilfreich:

Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze:

Nur nicht aufgeben: Um eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu erhalten, muss ein Kandidat mit typisch deutschem Namen durchschnittlich fünf Bewerbungen schreiben, ein Bewerber mit türkischem Namen sieben. Wobei die Kfz-Mechatronik-Bewerber stärker diskriminiert werden. Bei den angehenden Bürokaufmännern deutet sich eine Diskriminierung an, statistisch ist sie nicht signifikant.
Je kleiner das Unternehmen, desto stärker die Diskriminierung: Das könnte daran liegen, vermuten die Forscher, dass größere Unternehmen ihre Bewerber nach einem stark formalisierten Verfahren auswählen, in das mehrere Mitarbeiter eingebunden sind. Dadurch ließe sich auch der Unterschied zwischen Kfz-Mechatronikern und Bürokaufmännern erklären: Die Kfz-Betriebe hatten im Durchschnitt weniger Mitarbeiter.
Ein Anruf für Tim, eine E-Mail für Hakan: Bewerber mit deutschem Vornamen riefen die Unternehmen häufiger an, Hakan und Ahmet bekamen häufiger Post. Darin werden sie häufiger mit Vornamen angesprochen und geduzt.

Und da frag ich doch glatt, was passiert wäre, hätten früher gewisse Leute gesagt, sie wollten keinen Mehmet in Team haben…

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Rasantes taz-Interview mit Margaret Atwood:

Wie fanden Sie Volker Schlöndorffs Verfilmung Ihres „Reports der Magd“?

Ich glaube, Schlöndorff hat die Situation in Amerika nicht so ernst genommen. Er dachte wohl nicht, dass der Roman der Realität so nahe kam. Und es gab noch eine andere Sache: Das Drehbuch war von Harold Pinter, er hatte einen umfangreichen Off-Kommentar für die Hauptfigur vorgesehen, die von Natasha Richardson gespielt wurde. Natasha hat das Voice-Over aufgenommen und ihr Spiel vor der Kamera entsprechend angepasst. Aber dann nahm Volker es wieder heraus! Deshalb wirkt sie im Film wie betäubt, als würde sie weder denken noch reagieren. Natasha hat sich sehr geärgert. Ich finde ja, irgend jemand sollte das Voice-Over wieder einfügen, schließlich war das Original so.

Haben Sie mit Schlöndorff darüber gesprochen, nachdem Sie den Film gesehen hatten?

Nachdem? Wozu?

Hat er Sie gefragt?

Nein. Aber es war interessant, den Film in Berlin aufzuführen, weil gerade die Mauer gefallen war. Wir waren erst in West-, dann in Ostberlin. Im Westen drehte sich die Diskussion um künstlerische Aspekte des Films, nicht das totalitäre Regime, das er zeigt. Im Osten sagten die Leute: „Das war unser Leben.“

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Kampf gegen Rechtsruck – knifflig wird’s immer bei den Feinheiten:

Etwa die Hälfte der befragten Kommunalpolitiker sagte in Interviews, der derzeit praktizierte „ignorierende Umgang“ sei nicht ausreichend – falsche Aussagen blieben ohne Widerspruch und würden dann von den rechtsextremen Mandatsträgern als Tatsachenbehauptung hingestellt. Immer wieder Ablehnung zu zeigen sei wichtig – doch nicht kommentarlos, lautet deswegen eine Empfehlung der Autoren der Studie.

Noch wichtiger sei es, eine gemeinsame Position bei Themen zu finden, die Rechtsextreme außerhalb der Gremien benutzen könnten, um potenziell rechte Wähler zu gewinnen. Beispielsweise bei der Unterbringung von Asylbewerbern. In der Vergangenheit leisteten nicht nur rechtsextreme Gruppen, sondern auch Anwohner häufig Widerstand, sobald bekannt wurde, dass in der Nähe ein Asylbewerberheim eröffnet werden soll. Unter ihnen, so der Bericht, befinde sich ein hoher Prozentsatz an Personen, die rassistischen Aussagen zustimmten. Diese Menschen ebenfalls als Rechtsextreme abzutun, sei gefährlich: Sie würden dadurch ausgegrenzt, eine Auseinandersetzung mit ihrer rassistischen Einstellung finde nicht statt. Dabei sei es besonders wichtig herauszustellen, dass das Recht aus Asyl nicht verhandelbar ist.

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Das Buch „Wir sind Frauen wie andere auch! Prostituierte und ihre Kämpfe“ wird neu aufgelegt und bei dieStandard rezensiert und empfohlen:

Im Kern des Buches selbst sind es Frauen, die sich in Gesprächsprotokollen zu ihrer Arbeit äußern, daneben enthält das Buch umfangreiches Material zur Rechtslage in (damals noch West-)Deutschland oder eine Chronologie der Ereignisse rund um den Generalstreik der Prostituierten in Frankreich 1975. So wichtig, wissens- und lesenswert das ist, die eigentliche Notwendigkeit an diesem Buch sind die Frauen, die hier nicht nur für sich selber sprechen wollen, sondern es mit Witz und Ironie, Klarsichtigkeit, Ehrlichkeit und Würde ganz offensichtlich auch können. Es sind fünf Frauen, die sich in der Gesprächsrunde austauschen, dazwischen stehen immer wieder Zitate von Frauen aus dem Buch „Frauenhäuser. Gewalt in der Ehe und was Frauen dagegen tun“ oder Aussagen anderer Sexarbeiterinnen. Der Ton in der Runde ist rotzig, eine Sprache der Straße, wie man immer gerne sagt. Manche der Frauen sind verheiratet und haben Kinder, andere leben alleine. Manche arbeiten auf der Straße, andere sind Tänzerinnen, wieder andere verdienen ihr Geld in Bars oder Peepshows.

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Charlott legt dar, wie Frauenhass bei Künstlern immer noch gern geflissentlich ignoriert oder verharmlost wird:

Das schreibende Genie, das unberechenbare, wo eben auch mal Gewaltausbrüche “passieren”. Norman Mailer gewann zwei Mal den Pulitzer Preis. Den ersten gerade einmal neun Jahre, nachdem er fast seine damalige Frau getötet hatte. Auf einer Party hatte Mailer Adele Morales, über die es im englischsprachigen Wikipedia heißt, sie sei am besten dafür bekannt, dass sie die zweite Frau Mailers gewesen sei, mit einem Messer erst in die Brust, knapp am Herzen vorbei, und dann in den Rücken gestochen. Eine Person, die der blutenden Morales zur Hilfe eilte, fuhr er an, dass er sie sterben lassen soll. Mailer kam ums Gefängnis drum herum, Morales zeigte ihn nicht an und er bekannte sich der Körperverletzung für schuldig. Die Kulturgeschichte ™ kann darüber hinweggehen. Norman Mailer kann viele Jahre später popkulturell als wichtige Figur inszeniert werden. So sitzt er bei den Gilmore Girls als exzentrischer älterer Herr rum, der ausschließlich Eistee bestellt.

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1 Antwort auf „Simphiwe Dana, Margaret Atwood & „Frauen wie andere auch““


  1. 1 tini 03. April 2014 um 8:24 Uhr

    „Und da frag ich doch glatt, was pas­siert wäre, hät­ten frü­her ge­wis­se Leute ge­sagt, sie woll­ten kei­nen Meh­met in Team haben…“

    bääm! der passt!

    xoxo

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