-prostitution- Maria spricht

Das Warten hat ein Ende: jetzt der dritte Teil über Prostitution; nach Anjas Protokoll kommt hier nun Maria1 zu Wort.
Sie erzählt von wesentlich weniger privilegierten Umständen – und möchte hauptsächlich, daß ihr keine Steine in den Weg gelegt werden.

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Im von Lady Frieda Harris gemalten Crowley-Tarot prangt auf der Karte „Lust“ die „Hure Babylon“.

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Protokoll Maria, Feb./März 2014

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Seit fast 20 Jahren arbeite ich nun immer wieder auf dem Strich. Aber nicht immer, nicht die ganze Zeit. Aber es ist mein Beruf. Was ich am meisten tue, wo mein Geld eigentlich herkommt.
Ich hatte nicht so viel Glück wie Anja, so eigenständig zu arbeiten, nicht von Anfang an. Ganz typisch ist, daß ich aus Polen stamme und wegen der Prostitution nach Deutschland gekommen bin.

Ich wußte schon in Polen, um was es ging. So dumm bin ich nicht! Das wissen die meisten Frauen, die sind auch nicht blöd. Manche sind naiv, das gibt es, aber wer als Haushaltshilfe oder so nach Deutschland will, hat da andere Netzwerke und Bekannte. Diese sind bekannt und besser organisiert, das ist ja üblich, daß polnische Frauen in Deutschland alles mögliche arbeiten.

So war das bei mir zumindest, ich weiß nicht, ob das überall so ist. Und bestimmt gibt es darunter auch Betrüger!! Laut sagen tut man es nicht, keine der Frauen redet über Sex!
Meinen Eltern erzählte ich auch, ich sei Kindermädchen. Sie hätten mich sonst wohl gesteinigt, auch wenn meine Mutter selbst nur mit meinem Vater schlief, weil er für ein Dach über dem Kopf sorgte. Ganz zu schweigen von anderen Problemen: wenn es rauskommt, beschimpft man die Eltern und hilft ihnen nicht mehr. Als Kind hatten wir Nachbarn, die lieber bitterarm lebten als das Geld ihrer Tochter anzunehmen, die nach Russland ging. Weil es hieß, sie sei Hure. Ob es so war, weiß ich nicht, aber die Frauen schweigen deshalb, auch voreinander. Das ist im Blut irgendwann.2

Auch bei der Polizei, dort sowieso. Wird man doch mal erwischt, dann ist man immer offiziell unter Zwang, sonst behandeln die einen umso schlimmer und es hilft einem dann auch keiner.
Und ist es nicht egal? So oft, wie wir übers Ohr gehauen werden, von Anfang an (versucht wird es ja immer), und da sind immer Zwänge, die man nicht mag und die wirklich schlimmer sind, aber nichts mit Sex zu tun haben und für die die Polizei kein Verständnis hat.
Aber die wissen doch auch, daß die Frauen den Mund halten, sie brauchen ihre Sexkunden, die müssen wiederkommen und das tun sie nicht, wenn man was verrät. Den Mund halten, das können die Frauen und müssen sie, sonst geht das alles nicht. Die Kunden können sehr nett sein, aber die Polizei hilft einem eigentich nie weiter. Da ist doch klar, daß man mit denen nicht zusammenarbeitet, wenn das nur Nachteile hat!

Manche der Frauen steigen auch dann wirklich von Sex auf Krankenpflege oder Erntearbeit oder so um, aber das sind wenig. Es ist alles schlechte Arbeit, da nimmt man die, die mehr Geld gibt oder einen am wenigsten kaputtmacht.

Gezwungen wurde ich nicht. Nur halt das Geld, das überall fehlt, kalte Wohnungen und schlechtes Essen, das wollte ich nicht für immer. Gefallen hat mir das nicht. Man braucht lange, um Sex auch zu mögen und nicht nur aus Not zu machen. Man denkt auch immer, das darf keinen Spaß machen, es ist ja schmutzig. Ich fühlte mich schuldig, wenn es mal Spaß machte, weil es ja nicht mein Mann war und ich nicht verliebt. Es ist sehr schwierig, das zu lernen. Aber wenn wer nett ist, kann das schon Spaß machen.

Ich finde, Deutschland ist für Frauen besser als Polen. Aber ja, in Krakau oder Warschau ist es anders wie auf dem Dorf… aber ich finde, die Deutschen finden es nicht so schlimm wenn Frauen mehr Sex haben und das nicht nur mit einem Ehemann oder Verlobten oder festem Partner. Das ist schon viel und auch sehr gut so. Dann hauen weniger Leute auf einen drauf mit Sprüchen und Blicken, man wird nicht so verachtet. Damals in Polen ist es mir ein paar Mal passiert, daß der Mann mich hinterher angespuckt hat, das kommt in Deutschland nicht vor. Den letzten habe ich getreten, da hat er mich verprügelt. In Deutschland gibt es solche Gewalt auch, ja. Aber das sind einzelne Sadisten und nicht alle Männer, die sich selber und die Frau verachten für den Prostitutionssex!

Aber wenn man nicht zu den Reichen gehört, versuchen trotzdem alle einen immer schlechter zu behandeln oder zu betrügen, weil sie wissen, man kann sich nicht so wehren wie die mit Anwalt und Geld und Freunden. Nur von mir weiß ich, daß ich mich nicht betrüge. Deshalb arbeite ich auch in keinem Bordell. Wie Anja mache ich das lieber alleine.

Die Gesundheit ist ein Problem. Man wird viel mit Schnupfen angesteckt und dann wollen einen die Männer nicht oder ich kann gar nicht arbeiten. Aber ich muß ja auch arbeiten, damit die Heizung funktioniert und ich nicht krank werde! Das ist schwierig. Einmal habe ich von einem Kunden Läuse bekommen, das hatte ich zuvor noch nie, ich bin immer sauber! Du bemerkst das und denkst „Oh nein, wie soll ich das Essen bezahlen, wenn das wer merkt?“ Es war nicht so schlimm dann, aber da ist immer viel Angst, weil ich oft keine Absicherung hatte. Das ist jetzt besser, ein kleines bißchen konnte ich sparen.

Ich bin nicht mehr so jung, ich habe jetzt langsam andere Kunden, denen so bemuttern und kuscheliger Sex mehr gefällt als harter Sex. Ich stehe darum an anderen Stellen und Straßen als vorher. Natürlich werden die Männer weniger, ich muß auch sehen, wie das alles wird, wenn ich alt bin.

Ich wollte, wie Anja* gesagt hat, auch Kontakte knüpfen. Da sind 3-4 Männer, die mich regelmäßig sehen, zu denen würde ich auch mit nach Hause gehen; momentan gehe ich nur mit in Hotels oder Autos oder draußen. Zu viele schlechte Erfahrungen, wenn die Männer „Heimspiel“ haben, aber denen traue ich, die sind sehr nett und sauber. Dazu dann doch wieder mehr putzen gehen oder so und es wäre okay mit dem Geld.

Aber das geht nur, wenn alles so bleibt.
Wenn sie jetzt Prostitution verbieten oder die Männer bestrafen wollen, geht das nicht mehr. Dann kann ich mich jetzt schon nicht mehr an die Straße stellen, da hält ja keiner mehr!
Da müßte ich jetzt schon überall hin mitgehen, damit die Männer sich überhaupt trauen! Davor habe ich Angst, allein mache ich das nicht! Da muß dann ein Mann, den ich kenne, in der Nähe sein, der aufpaßt im Notfall. Ich mag nicht so arbeiten, aber sonst ist das gefährlich und die hauen ab, ohne zu bezahlen.

Einen Nachbar, der war mal Türsteher, den hab ich gefragt, ob der da helfen würde, wenn die Politik mir meine Arbeit schwer macht. Der ist nett, die meisten Frauen haben nicht so nette Männer, die sie um Hilfe bitten können oder müssen. Aber den muß ich ja dann auch bezahlen, für ihn ist das ja auch gefährlich. Die meisten netten Männer wollen ja auch mit sowas nichts zu tun haben. Das verstehe ich auch.

Aber das alles gäbe dann viel weniger Geld, obwohl alles schwerer und gefährlicher wäre. Spaß macht das dann natürlich gar nicht mehr. In Bars wird man dann ja auch gleich rausgeworfen werden, wenn sie einen als Hure erkennen, auch wenn man da nur so hingeht.

Es ist alles sehr schwer und kompliziert. Aber wenn die Politik und die Prüden mir meine Arbeit schwer machen, dann weiß ich nicht, was oder wie ich im Alter arbeiten kann. Es ist ja jetzt schon nicht einfach. Die denken sich immer neue Dinge aus, die gut klingen und nie funktionieren, so war das schon immer bei Prostitution.

Ich finde es toll, wenn junge Frauen wie Anja* so viel bessere Erfahrungen gemacht haben, das hat ja auch damit zu tun, wie viel Geldprobleme man hat und wie lange das anhält. Und ob man Sex mag oder nicht. Und auch viel damit, ob man mehr schöne Männer mag oder freundliche. Ich finde Schönheit nicht so wichtig, wer das tut, wird mit nicht so vielen Männern Sex wollen. Es gibt mehr freundliche Männer als schöne.

Ich habe nicht so viele Wünsche wie Anja*, aber ich finde es gut, was sie sagt. Nur mit Frauen, das würde ich nicht machen. Ich wünsche mir nur, daß ich weiterhin in Ruhe arbeiten und Geld verdienen kann. Das würde mir schon genügen. Und daß die Männer besser riechen, haha!

Dieses Kämpferische gefällt mir, aber ich bin dafür glaube ich zu alt, ich bin ja schon 40. Die jungen Frauen kämpfen immer andere Kämpfe als die alten, aber alle Frauen müssen ja immer kämpfen. Vor allem ja die Huren.

  1. nochmal – sowohl „Anja“ als auch „Maria“ heißen eigentlich anders [zurück]
  2. Hervorhebungen alle von RR [zurück]

10 Antworten auf „-prostitution- Maria spricht“


  1. 1 Hui 21. März 2014 um 18:13 Uhr

    Okay, also die ist wirklich weniger privilegiert als Anja! Fand ich jetzt schon heftiger zu lesen. Aber sie scheint ja echt Prostitution als noch eine ihrer besseren Chancen zu sehen. ihr das schwer zu machen ist ja dann schon arg asi!

  2. 2 Hui 21. März 2014 um 18:15 Uhr

    (also nicht, daß bei Anja alle Freide, Freude und Eierkuchen wäre, das wollt ich nicht sagen ;)

  3. 3 sara 23. März 2014 um 16:39 Uhr

    Wow, so nen ehrlichen Bericht.
    Ich glaub, bei beiden, anja und maria ist es wohl so, dass gerade die Verachtung von Freiern UND mitbürgern die meisten probleme verursachten.

  4. 4 Lady Lukara 23. März 2014 um 16:44 Uhr

    Danke für den Einblick in diese „Welt“. Verstehen kann ich es immer noch nicht… aber die Beweggründe sind für mich nun besser nachvollziehbar.

  5. 5 gljijhjkjv 23. März 2014 um 16:51 Uhr

    Danke für die Interviews. Plädoyers gegen weitere Ristriktionen sind das! Aber in der normalen Presse kommen ja immer nur entweder die Edelnutten oder Gegner zum sprechen

  6. 6 gljijhjkjv 23. März 2014 um 17:20 Uhr

    p.s. – kommt da noch mehr?

  7. 7 pennywise 23. März 2014 um 17:22 Uhr

    Fand das auch erhellend.
    Auch die Vielfältigkeit der Prostituierten wird mir jetzt erst klar – man kann die wohl nicht alle über einen Kamm scheren. Wie EMMA das tut…

  8. 8 letho 24. März 2014 um 3:07 Uhr

    Wie ueberall-stigma und kriminalisierung machen menschen mehr kaputt. Das ist bei suechtigen so und traurigerweise auch bei sexworkerInnen …
    Fight stigma,not people…

    Was fehlt is eine große selbstvertretung. Es gibt ja die damen mit dem roten schirm-das waere gut wenn das groesser waere. Mehr allies(dank stigma und schambesetztheit sehr schwer vermute ich)
    Ich wuensche den beiden alles gute.

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