-prostitution- Anja spricht

Wie vor kurzem angekündigt, hier das Protokoll von Anja1, die eine Zeit lang ihr Geld als Escort und anderer Sexarbeit verdient hat. Hier äußert sie sich zur Prostitutionsdebatte und benennt Respekt und Transparenz als die wichtigsten Ziele.

___________


Prostitution in Pompeji, Wandgemälde

___________


(Protokoll Anja, Feb. 2014)

*************

Hallo, ich bin die „Anja“2, 33 Jahre alt, nichttraumatisiert, meine Kindheit war glücklich, entjungfert wurde ich erst anfang 20, Mißbrauch kenne ich nicht und meine Eltern sind auch keine Hippies oder so. Damit sind die gängigsten Vorurteile hoffentlich ausgeräumt.

Ich würde mich als bisexuell bezeichnen, obwohl diese Schubladen ja immer so ne Sache sind… denn im romantischen Sinne fühle ich mich nur zu Frauen hingezogen.
Ich verliebe mich aber sehr selten – bisher erst vier Mal (also ich finde, das ist wenig).
Sex habe ich ja aber trotzdem gern! Und wenn ich mich nur alle paar Jahre mal verliebe, ja dann werd ich bestimmt nicht abstinent und frustriert bleiben, bis die Traumprinzessin mal ums Eck kommt!

Unter anderem deswegen hatte ich mich mal auf einer recht expliziten „Dating-Seite“, sag ich jetzt mal, angemeldet. Abgesehen von dem „Ey Babe willste ficken?“-Spam fand ich es ganz nett dort: man weiß von vorneherein, welche Interessen bestehen oder bestünden, ob wer Single ist oder nicht, auf was wer steht (es hat Vorteile, das alles im Voraus zu wissen!), ich kann unbefangener agieren als in einem Gespräch in einer Bar,… und die 3-4 Treffen, die ich anfangs hatte (manche tauchten auch einfach nicht auf, vielleicht Fakes? Oder sie trauten sich letztendlich nicht? Dabei sind die Schüchternen gerade die Angenehmsten), waren alle sehr nett! Die größten Idioten entpuppten sich schon lange vorher im Internet. Die Erfahrungen waren im Schnitt also eigentlich recht positiv.

So, aber irgendwie muß man im Studium ja auch Geld verdienen für Essen, Miete, Bücher, Strom. Ich habe noch 2 Geschwister, die beide studieren bzw. in der Ausbildung sind. Auf meine Eltern konnte ich mich da leider nicht ganz verlassen, die mußten auch noch ihr Haus abbezahlen damals.
Und nachdem ich bei einer wirklich demütigenden Arbeit an der Kasse/Beratung in einem Bekleidungsgeschäft, für knapp 7 Euro die Stunde mit gehetzten, unfreundlichen Kunden und einem sexistsch-süffisanten Chef gekündigt hatte, aber dennoch dringend Geld brauchte, weil justament die Waschmaschine versagte, beschloß ich kurzerhand, das (bisher stets) Angenehme mit dem Nützlichen (eher: Dringenden) zu verbinden. Und eben bei den Internetflirts finanzielles Interesse anzumelden.

Alles in allem kann ich sagen: eine sehr praktische Sache. Momentan bin ich anderweitig finanziell abgesichert und in einer monogamen Beziehung, also liegt mein Internetprofil natürlich auf Eis. Ich würde diesen Weg aber im Zweifelsfall wieder nutzen. Gelöscht ist es nicht, nur „im Koma“, so daß ich keine Gebühren mehr zahen muß.

Geld mit Sex übers Internet zu verdienen hat ja schon auch viele Vorteile: ich bin mein eigener Boss, „manage“ mich selber. Ich kann jederzeit abbrechen, wenn mir eine Situation nicht zusagt, ohne mich vor irgendwelchen Kollegen oder Chefs rechtfertigen zu müssen. Ich kann vor allem auch die Preise selbst festlegen. Ich bin zeitlich flexibel, die Kunden oft auch. Überhaupt die Eigenständigkeit und Flexibilität hat mir wirklich sehr gefallen.

Und es half mir auch, mein Leben zu strukturieren, so blöd das jetzt klingt!
Aber weil ich die Kunden ja anfangs nur bei mir zu Hause empfangen habe, habe ich öfter aufgeräumt und geputzt, als ich das sonst getan hätte. Oder öfter mal nen Tee aufsetzen statt nebenher halt Leitungswasser trinken. Oder auch die verratzte alte Unterwäsche aussortieren, und vor allem überhaupt mal einen anständigen Terminkalender führen! Ja, solche Dinge eben.

Die Autonomie gefiel mir total und das war jobtechnisch das schönste daran. Es stärkte mich auch irgendwie (schon klar: im Puff hätte ich so nicht arbeiten können, mir ist schon klar, daß da sehr viel anders läuft! Und klar, nicht nur dort.) – ist ja so: wenn ich weiß, ich kann diese Woche relativ einfach noch über 100 € machen, wenn es sein muß, ja dann laß ich auch viel eher mal einen unverschämten Kunden stehen. Oder ablehnen, ihm die Meinung sagen. Woanders ginge das nicht, da würd man ne Standpauke kriegen, oder man wär gekündigt und könnte kaum so flexibel ausgleichen. Nicht jedem sein Ding, klar, aber ich fand’s gut. So konnte ich eigentlich genau so wählerisch mit der Wahl meiner Partner_innen sein wie immer schon. Eigentlich noch kritischer – bei Privatkontakten sind manche Dinge halt auch nicht so wichtig.

Nachteile gibt es natürlich auch genügende!!!
Es ist halt doch kein Job wie jeder andere. Also echt nicht! Das zu behaupten, disqualifiziert jede_n von einer ernsthaften Diskussion, wenn man mich fragt.4

Vor allem ist es scheiße wegen, naja, dem schlechten Ruf; man ist da sofort abgestempelt, das bleibt den Leuten immer im Hinterkopf!
Deshalb steht davon selbstverständlich nichts in meinem offiziellen Lebenslauf. Dabei habe ich vieles, was mich jetzt im Job gut macht, ja gerade in der Prostitution (zwangsläufig) gelernt: da wäre vor allem eine gewisse Menschenkenntnis (man achtet mehr auf Details/subtiles Verhalten, um den Kunden einschätzen zu können), Diplomatie, eine Engelsgeduld, viel Nachsicht und Wohlwollen, aber auch eine riesen Portion Durchsetzungsfähigkeit!! Will aber keiner wissen. Man wird automatisch abgewertet, deshalb halt ich da schön den Mund.

Auch absolut nervig war: 90% der Menschen haben im Internet sehr viel Eier in der Hose, die offline so nicht da sind. Aussortieren ist nicht immer leicht – wenn wer nicht kommt, ist das ein Verdienstausfall.

Tja, und da ich mit Rotlichtmilieu und so halt überhaupt nichts zu tun habe, war das alles natürlich auch „Learning by Doing“. Ich hätte mir da sowas wie ein unabhängiges Huren-Messageboard gewünscht oder einen kurzen Leitfaden, aber da war nichts zu finden. Bzw. habe ich meine Suche angesichts der Ergebnisse schnell abgebrochen. So mußte ich halt ständig dazulernen; positiv wie negativ. Ja, man lernt schon sehr viel, muß ich sagen.

Gäbe es einen offeneren und vernetzteren Umgang mit Prostitution unter den Huren und Strichern, wäre ich wahrscheinlich nicht so blöd gewesen wie irgendwann einmal, als mir der Kunde (ich hatt mich beim Wiederanziehen im Pullover verheddert und war natürlich etsprechend unaufmerksam) derweil die Handtasche klaute und zur Tür rausrannte. Haltestelle war damals natürlich fast direkt vor vor der Haustür und ich noch halbnackt und ohne Schuhe, also konnt ich schlecht hinterherrennen, wär wohl auch zu spät gewesen. Hat mich voll überrumpelt, da er eigentlich sehr nett schien und ich nicht damit rechnete, daß der/jemand so arschig sein würde. Aber ja, mein Bauchgefühl war schon virher irgendwie komisch bei dem Typen. Ich mußte wirklich lernen, darauf zu hören.
Na, und Anzeige oder sonstwas hätte ja eh nichts gebracht, beweisen konnte ich ja nichts. Ca. 200 € (nämlich die, die er eigentlich „bezahlt hatte“!) waren weg, damals für mich ein Vermögen.

Ich sagt Dir, in diesem Moment wurde mir zum ersten Mal im Leben klar, weshalb manche Huren sich eben doch mehr oder weniger freiwillig einen Zuhälter nehmen. Das war fast, als ob eine Glühbirne über meinem Kopf anging. Also die ganze Zuhältersache sollte auch mal differenziert diskutiert werden!

Und ich bin dann auch so langsam auf Escort umgestiegen wegen sowas, weil es mir einfach sicherer schien. Seriöser halt. Nur geht das ja dann auch nicht von heute auf morgen… aber ich bin vorsichtiger geworden – es war aber natürlich nicht das letzte Mal, daß ich auf einen dieser Betrüger reingefallen bin. Übrigens, die Betrüger/Fakes waren alles Männer. Hat keine Aussagekraft, es waren ja auch sehr, sehr wenige Kundinnen dabei. Zwei eben. Aber ist mir schon aufgefallen irgendwie, daß die Frauen stets viel freundlicher und lockerer waren. War vielleicht aber auch Zufall.

Die Ironie daran ist ja: viele dieser Idioten denken gar nicht daran, daß genau SIE der Grund dafür sind, wenn die (selbstbestimmten) Huren ihre Bedingungen immer strikter fassen, sich Persos zeigen lassen, keine Ausnahmen mehr machen, einen viel eher rauswerfen und – eben keinen Tee mehr aufsetzen oder duftendes Massageöl kaufen irgendwann. Vorsichtig ausgedrückt.
Denn wenn wer nett ist und/oder gut im Bett, unkomlizert, höflich, freundlich, respektvoll,…na, ein angenehmer Kunde halt, dann macht man schon mal kleine Ausnahmen von den Regeln! Zumindest so in dem Sinne, daß man doch ein Treffen ausmacht, obwohl man eigentlich was anderes vorhatte. Oder wenn man nach ein paar guten Dates mitkriegt, daß er Geldprobleme hat oder auf Hartz IV ist, dann rundet man schon mal ein bißchen ab. Aber logischerweise halt nicht bei denen, die sich aufführen, als wären sie King Kong.

Vieles erklärt einem ja der gesunde Menschenverstand, aber mit einigem rechnet man einfach nicht. Oder nicht, wie gehäuft das auftritt! Als Teenies haben wir immer den Spruch gebracht: „Wer ficken will, muß freundlich sein.“ Und ja, so einfach ist das eigentlich. Sollte man meinen.

Aber da sind noch andere Dinge, die einen überrumpeln:
Beispielsweise 18jährige Jungs, die im Internet darum betteln, entjungfert zu werden. Da wird’s dann schon kompliziert zu reagieren: bei einem einfachen Nein sehen sie sich dann andere Profile an, so lang, bis sie eine finden, die zusagt. Also chatte ich dann ein bißchen mit denen, erzähle, daß ich auch erst mit 23 entjungfert wurde. Also so im „Penis-in-Vagina“-Sinne zumindest.

Oder die, also ich nenne sie die „Halbschüchternen“.
Das sind eigentlich immer Newbies, also die haben noch nie für Sex bezahlt. Also „Halb“, weil sie sich schon mal hertrauen und mich nicht versetzen. Die richtig Schüchtern sagen ab oder kommen einfach nicht.
Und die „Halbschüchternen“ sitzen dann auf meinem Bett und wir unterhalten uns bestens und sie trauen sich dann nicht, wirklich die Gelegenheit zu nutzen. Also unterhalten wir uns bloß und machen Witze oder so. Meist sind die aber echt nett.
Und hey, klar flirte ich die dann sehr an, um sie zu animieren. Aber natürlich respektiere ich das 100%ig, wenn wer keinen Sex mit mir will, selbstverständlich! Und ich hör auch auf, bzw. frag nach, wenn ich merke, der andere spannt sich an oder fühlt sich unwohl. Eigentlich finde ich, man merkt das, wenn man etwas drauf schaut (und als Hure muß man ja schauen, was dem Kunden gefällt und was nicht).
Nur: ich hatte anfangs Skrupel, das (eigentlich für Sex) vereinbarte Geld anzunehmen. Schließlich hatte ich ja sozusagen „nichts gemacht“. Dennoch ein Verdienstausfall. Später hatte ich das Prinzip, daß ich das Geld immer dann annahm, wenn ich den Eindruck hatte, daß der Kunde eine schöne Zeit bei mir hatte, finde ich fair. Ne schöne Zeit, darum geht’s ja auch im Kern.

Außenstehende unterschätzen, glaube ich, zwei Dinge massiv:

1. Wie sehr der Respekt bei manchen Freier_innen sinkt, wenn es sich bei der Frau gegenüber um jemanden handelt, der Geld nimmt (nicht nur bei Freier_innen, aber dazu sag ich später noch was). Also, das können sonst noch so feministisch eingestellte Männer/Frauen sein, die offener (weiblicher) Sexualität eigentlich wirklich sehr positiv und progressiv gegenüberstehen – aber wehe, es ist Geld im Spiel. Das ist fast wie die magische Erlaubnis, als ob das Geld spricht: „Wegen mir darfst Du die Hure abwerten“. Denn dann wird aber nicht etwa die Tätigkeit, das System oder sonstwas kritisiert, sondern die Prostituierte als Person. Das wird am Verhalten der Menschen dann deutlich sichtbar, auch wenn sie es nicht offen zeigen.

Als Konsequenz wird dann zum Beispiel oft gefeilscht, mit wirklich saudummen „Argumenten“ wie: „Aber es hat Dir doch auch Spaß gemacht!“ (….meine Gegenfrage wäre: nur wer leidet und seine Lohnarbeit scheiße finden, verdient das Geld? Arbeit darf nicht Spaß machen, sonst isses keine, die Geld wert ist? Irgendwie typisch masochistisch-deutsch, sag ich da. Als Deutsche.).

Oder (immer wieder ein Highlight…) es wird einem hinterher eine Moralpredigt gehalten, das ist die Reinform des heuchlerischen Paternalismus! Und dann noch während (!) des Sex nochmal die Bedingungen diskutieren wollen, um Geld oder Kondom… und wie gesagt, die Regeln simpler Höflichkeit gelten für manche nicht mehr, sobald das Geld auf dem Tisch liegt.

Man muß aber sagen, das sind schon die allerwenigsten gewesen, sind ja ganz normale, verschiedene Leute – aber eine gewisse Abnahme an Respekt oder Manieren ist dennoch sehr oft zu bemerken.
Ist bis zu einem gewissen Maß ja auch absolut okay! Sich beim „Anbahnen“ nicht so Mühe geben zu wollen ist auch ne starke Motivation für Freier. Sogar eine, die ich manchmal absolut verstehen kann. Das Standardrollenkonform-Weibchen hat sich zu zieren, „playing hard to get“ und dieser ganze Date-Regel-Scheiß halt. Das fällt hier natürlich weg. Zu meiner Zufriedenheit, auch als „Privatperson“, möchte ich noch sagen…

Bei manchen ist die Seltsamkeit, die jeder Mensch hat, aber so unangenehm (zumindest für mich, is ja immer subjektiv) ausgeprägt, daß man schon irgendwie jonglieren muß. Stichwort Fußfetischisten, Leute, die ständig aufs Geld schielen oder meine Regeln/Grenzen nicht einhalten wollen. Und man muß auch mal wen einfach rauswerfen, im Notfall auch mit der Polizei drohen (bzw. da auch anrufen, wenn’s happig wird!), das macht schon was aus, so in diesem blöden Machtspielchen (Frau muß uniformierte Beschützer rufen, bäh! Beeindruckt aber die meisten dann genug bisher).
Wer als Prostituierte_r nicht deutlich und auch mal aggro auftreten kann, ist in dem Job glaube ich ziemlich fehl am Platz. Sobald man ein leises Bauchgefühl kriegt, daß da was in die falsche Richtung geht, muß man gleich gegensteueren.

Gewissenskonflikte gibt es natürlich auch: wenn ein Kunde eigentlich super angenehm ist, ihm aber, wie einem, ein Spruch wie „Was? Du vögelst echt auch N*ger??“ über die Lippen kommt, würde ich ihn im Normalfall ja vor die Tür setzen.
Die Frage ist dann aber jetzt, wie viel Geld einem das wert ist. Da trifft Ethik auf die Zwänge der Geldnot, schön ist das nicht. Da kann nicht jede_r mit umgehen. Man wird diplomatischer, antwortet bestimmt, aber deutlich, mit einem freundlichen Hinweis darauf, daß es nicht gut ankam und verbittet sich dann freundlich jegliche weitere Diskussion. Um dann abzulenken.

Klar, daß dieser „Königinnenweg“ auch nicht immer funktioniert… aber immerhin habe ich stets dazugelernt und immer selbst die Entscheidungsfreiheit gehabt, konnte meine Prinzipien, im Kundenumgang einfach souverän anpassen nach einer Pleite (oder auch einem zufriedenstellenden Treffen).
Als Angestellte hatte ich gar keinen Einfluß darauf, ob ich offensichtlichen Rassist_innen noch anschleimen und Sachen andrehen mußte oder nicht.

Aber offen gesagt: man nimmt diesen Mangel an Respekt vor der eigenen Person doch schon viel persönlicher, wenn man derart intim arbeitet wie Huren. Das darf man nicht vergessen. Es ist delikat!

Ich bin ja eigentlich schon eine sehr selbstbewußte Person – aber daß ich eine Zeit lang für Geld Sex anbot, wissen nur sehr wenige Leute. Daß auf Frauen, die Geld für sexuelle Dienste nehmen, so sehr viel mehr herabgeschaut wird als bei allen anderen Tätigkeiten, merkt man erst, wenn man das selbst mal gemacht hat. Und es setzt einem schon zu! Eine „Nutte“ ist für viele das „Letzte“, Abschaum. Verdorben, abgehakt. Würde man es wagen, die saubere Alltagswelt mit der verdrängten „Sexwelt“ zu beschmutzen, in die Scheinheiligen-Filterbubble einzudringen, würde man schon irgendwie dafür sanktioniert.

Aber dieses Herabschauen auf diese Menschen führt zu ziemlich beschissenen Umständen für die Prostituierten.
Und genau deshalb finde ich, jede_r sollte erstmal selbstkritisch reflektieren oder lernen, ob/wie sie Sexarbeiter_innen so sehen, ob sie sie abwerten und warum, und ob das, halbwegs objektiv gesehen, fair ist.

Zum Beispiel jetzt, also… hätte je einer versucht, mich zu vergewaltigen – ich glaube, ich hätte eher versucht, ihm den Nachttisch auf den Kopf zu donnern als zu den Nachbarn um Hilfe zu rufen, damit das nicht rauskommt. Echt jetzt. Idiotisch irgendwie, schon klar, aber in so einer Situation reagiert man wohl kaum rational und kann sich auch das Folgetrauma nicht vorstellen oder so. Man hat ja immer irgendwie Angst vor „Enttarnung“, bzw. vor den gesellschaftlichen Sanktionen.

Auch auf der Straße, in der Uni, im Bus – ich hab mich sehr oft gefragt, wer von den Leuten um mich, die einen Blick auf mich werfen, mich wohl vom Internet her wiedererkennen.
Eine alte Affäre, die 2-3 mal im Jahr vorbeikam, sah das Profil im Netz und brach deshalb den Kontakt ab. Obwohl ihm ja genau bekannt war, daß ich absolut nichts anderes tue als zuvor auch. Außer daß Geld auf dem Nachttisch liegt. Es ist verrückt: objektiv gesehen tut man nichts verwerfliches, aber die ganze Welt tut (immer noch) so, als sei es, naja, „sündig“ (und wählt dann bestimmt auch CDU haha), und es wird stets subtil (gelegentlich auch weniger subtil…) ein riesen Druck gemacht wegen diesem „Schuldig!“-Ding. Ständig wird einer Prostituierten vermittelt, sie müsse sich schuldig fühlen. Schmutzig. Verdorben und so….Das wird überall auch erwartet: daß die Hure gefälligst weiß, wo sie hingehört oder was… irgendwie ganz verqueres Victim Blaming. Es ist fast wie eine Art Mini-Gehirnwäsche: Du bist nichts wert. Zufriedene, engagierte und selbstbewußte Freudenmädchen passen da natürlich nicht ins Bild… um den Anti-Kurs zu fahren, braucht man möglichst viele Opfer. Und die sollen sich aber auch noch schmutzig/schuldig führen, weil die Prostitution sie ja „versaut“ hat, wenigstens psychisch. Das sehe ich nicht als gute Methode, echten Opfern zu helfen.

„Nutte, schäme Dich gefälligst!!!“ – das ist die gelebte Parole der Prostitutionsgegner und Arschlochfreier und das find ich zum Kotzen!3
Dabei kann ich ehrlich sagen, daß ich nichts tue oder getan habe, nichts ist, wofür ich mich schämen muß- oder will.

Und auch das ist irgendwie gefährlich: in diesem Job ist man auf starkes Ego und Selbstsicherheit angewiesen, um sich durchzusetzen, allein schon die Kondome und so – und gleichzeitig wird man viel härter kritisiert, beurteilt und angegriffen.

Der Witz ist ja: rein theoretisch könnte ich das alles sogar meinen Eltern beichten, ich wüßte, sie kämen klar nach ner Weile. Tu ich aber nicht – ich bin ja nicht blöde, ich will nicht, daß sie unter meinem Stigma mitleiden. Und sei es nur, wenn man sich dann eigentlich eher unfreiwillig in Diskussionen dazu genötigt fühlt, Partei zu ergreifen, das ist gerade bei diesem Thema sehr anstrengend, auch emotional, wenn man selbst oder über Nahestehende damit zu tun hat. Für sie habe ich nebenher als Masseuse gejobbt, der klassische Tarnberuf also. Und so weit entfert ist das ja auch nicht.
Dennoch find ich’s abartig, daß ich wegen der Verklemmtheit und Urteilswütigkeit der Gesellschaft meine Eltern beschwindeln muß.

Der 2. Punkt, der die Arbeit als Hure mitunter sehr beschissen macht, ist, daß null Transparenz herrscht, sondern schlicht verschlungenes, undurchsichtiges Chaos. Irgendwelche Regeln gibt es schon, viele sogar, nur alle sind vage, nicht allgemeingültig – undurchsichtig eben. Man muß die sich selbst erstellen, zusammensuchen sozusagen. Ich mußte anfangs selbst erstmal googeln, wie viel ich wofür verlangen kann, ohne billig oder größenwahnsinnig zu wirken. Mein Eindruck und Fazit war: jede_r, der_die Sex für zweistellige Beträge anbietet, ist meiner Meinung nach nicht wirklich freiwillig unterwegs; zumindest nicht zu diesem Preis!.

Bei den Kunden herrschen da auch alle, wirklich alle möglichen Vorstellungen!
Sicher, supertolle Angebote gibt’s immer wieder haha, und das sind ja eigentlich immer auch die Betrüger. Wer zum Beispiel von vorneherein für 1 Stunde Standardsex viel mehr bietet als verlangt (also ich rede jetzt nicht von „Aufrunden“ oder großzügigem „Trinkgeld“), macht sich mal übelst verdächtig! Den kann man dann getrost vergessen. Genau wie die, die lange feilschen – da geht man das Risiko ein, daß die dann manchmal auch „zufällig“ weniger als vereinbart mitbringen (und vergessen, daß es ja ein Internetprotokoll der Vereinbarung gibt. Bei mir auch immer ein Screenshot für die Deppen, die meinen, ui, ich bin so schlau und lösch mein Profil), aber trotzdem alle Extras wollen.

Und es gibt auch sehr, SEEEEHR viele, die meinen, mit nem Fuffi für ein Rundumprogramm wäre es getan. Die häufigste Begründung: „im Puff XY/aufm Strich isses aber auch nicht teurer!“

Mag sein, aber daß kaum eine Frau freiwillig so derart wenig verlangt, so weit denkt tatsächlich kaum einer. Korreliert mit Punkt 1: auch, wenn sich wer die Mühe macht, sich in sein weibliches Gegenüber hineinzuversetzen – bei Huren gilt das anscheinend nicht mehr. Wenngleich doch eigentlich ein Minimum an Empathie jedem Menschen gegenüber ratsam wäre…
Die wenigen, die das aber versuchen, müssen dann auch nicht darauf hingewiesen werden, daß ich eben auch was anderes biete als – ich hol jetzt mal das Klischeee aus der Box – ein 20 €-Drogenstrichfick im Auto. Von der Moral und so mal ganz zu schweigen.

Und ich will auch gar nicht wissen, wie viele Frauen, die unsicher sind, in ganz akuten Nöten oder so oder wenn die sich in Deutschland nicht auskennen, und sich dann von solchen „Preisargumenten“ beeindrucken lassen müssen. Gewerkschaft und Tarifverträge zum dran orientieren gibt’s ja auch nicht. Allerdings, also für sowas wär das Milieu aber auch einfach viel, viel zu heterogen.

Viele verstehen auch nicht, daß sie nicht dafür bezahlen, die Regeln festzulegen, sondern für Sex. Und ich muß sagen da kommen die ganzen Alice Schwarzer-Mythen ins Spiel und das kotzt mich so an!!

Denn welche Freier machen die Probleme?
Die, die irgendwo tatsächlich davon überzeugt sind, man könne „Frauen kaufen“. Daß die „machen müßten, was der Kunde will“. Die denken, „die haben eh ein verpfuschtes Leben, denen tu ich noch was Gutes, wenn sie überhaupt Geld kriegen“. Oder „sind eh alle (schon) mißbraucht, was kann man da noch anrichten“.
Und genau so einen Blickwinkel auf Sexarbeit haben ja auch die ganzen Medien und so eingenommen und das find ich nicht gut. In jeder Zeitung werden solche Begriffe verwendet! Und somit als Normalität (und was „normal“ ist, geht ja irgendwie okay) im Bewußtsein, vielleicht auch im Unbewußtsein abgespeichert.

Und richtigstellen? Das tut das niemand, im Gegenteil, die Prostitutionsgegner verbreiten den Scheiß auch noch fleißig weiter – und diese Vorstellungen wieder aus den Köpfen der Leute zu kriegen, das dürfen dann die Huren übernehmen! Zumindest die, die die Kraft und den Nerv dafür haben. Die anderen dürfen’s einfach nur ausbaden. Der gesellschaftliche Abschaum kriegt die Scheiße ab, ist ja immer so. Und Huren und Stricher werden gesellschaftlich als „ganz unten“ angesehen, selbst wenn sie nen Doktor haben.

Es sollte nicht nur Aus- und Einstiegshilfen geben, sondern auch „Wie verhalte ich mich als Freier_in fair und angemessen“-Kurse bräuchten wir! Das meine ich in vollem Ernst (auch wenn das zur Zeit noch utopisch ist). Am besten an jeder VHS und so.
Das wäre auch eine gute Zusatzeinnahmequelle für (Ex-)Huren, nur mal so…;)


So, was ich mir für alle Prostituierten wünsche
!!


Daß ihnen als Mensch und Person zumindest nicht weniger Achtung entgegengebracht wird als jetzt zum Beispiel einer Putzfrau.
Daß ihr Job als anstrengende und wertvolle Arbeit anerkannt wird. Und sie ihre Regeln festlegen und auch durchsetzen können (hah und hier können gerade die Freier den LÖWENanteil dazu beitragen! Aber vor allem auch auch die Gesellschaft, also jede_r einzelne)!

Daß sexuelle Aufklärung und Infos über Verhütung und übertragbare Krankheiten viel, viel stärker offen kommuniziert werden – für Prostituierte, Kund_innen und evtl. deren (zukünftige) Partner_innen ist das ja manchmal eben sogar eine Frage von Leben und Tod; Aids & Co. Oder zumindest fiese Krankheiten; Herpes, Scheidenpilz, solche „lustigen“ Dinge.

Ich sag’s nochmal: Transparenz würde enorm helfen bei alldem. Die Gesellschaft will wegsehen, die Prostitution an den Rand drängen, obwohl sie doch überall ist!
Man kann sie nicht „aus Wohngebieten verbannen“, wie das so oft versucht wird, um „Prostitution einzudämmen“, aber das ist lächerlich, das geht dar nicht: so lange Freier in Wohngebieten wohnen und sich ein Callgirl bestellen. Das passiert ständig, ohne daß es überhaupt wer mitkriegt, glaub mir!
Und Huren wohnen auch in Wohngebieten. Da kann man Freier_innen schon auch mal diskret empfangen. Oh, aber wehe, die Nachbarschaft weiß da empfängt eine Hure ihren Freier, und sei es nur einmal im Monat…
und auch sonst, das passiert doch überall
. In Wohnungen, Autos, Büros, auf Parkbänken, Rastplätzen,… you name it.
Zur „Prostitution“ gehören zwangsläufig nunmal sowohl Freier als auch Huren. Und beide sind in der Gesellschaft überall anzutreffen. Prostitution läßt sich schlichtweg einfach nicht an den Rand schieben oder aus der Gesellschaft rausätzen, wenn es so eng mit dieser Gesellschaft verwoben ist!!

Überhaupt bin ich mir sicher, daß Prostitution in der Mehrzahl wesentlich unauffälliger ist (und unerfaßter), als das die meisten denken.
Nimm mal mich als Beispiel! Ich habe studiert, währenddessen zum Teil als Hobbyhure gejobbt und damit aufgehört, nachdem ich dann 1 Jahr nach Studienende eine solide Stelle bekommen habe, mit der ich recht zufrieden bin (und im Übrigen will ich mal sagen: kein Freier hat mich je auch nur ansatzweise so gedemütigt und von oben herab behandelt in all der Zeit wie es das Jobcenter in einer kurzen Zeitspanne tat!!), na und gut is soweit. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Mir geht es ja auch wirklich gut.

Online kriegt man mit, daß trotz riesigem Männerüberschuß auf solchen Portalen doch wesentlich mehr Hobbyhuren unterwegs sind, als man so denkt, um sich ein Taschengeld zu verdienen. Für mache auch so ne Kink-Sache für 2-3 Mal im Jahr, sowas „Verruchtes zum Aufgeilen“. Im Internet sind viele Freier auch nur ein- zwei Mal dabei, wenn’s um Geld geht, also auch nicht die klassischen Freier. Manche meiner Kunden hätten nie in Betracht gezogen, zu mir zu kommen, und überhaupt für Sex zu zahlen, hätte es vorher keine Chats gegeben und sie festgestellt, daß ich keine abgefuckte, unterdrückte Drogenhure oder sowas bin. Und das Internet ist verdammt groß. Vor allem die „Sexecke“ ist riesig und die Datingportale vermehren sich wie Kaninchen.

Das ist eben auch das, was mich so zweifeln läßt. Wie wollen wir wissen, ob es mehr freiwilige oder Zwangsprostituierte gibt, wenn wir nicht mal ahnen können, wie viele Gelegenheitsprostituierte – ob freiwillig oder nicht – da mitmischen?

Der Fehler ist doch, zu denken, man könne Prostitution irgendwie örtlich begrenzen. Dabei ist Prostitution nicht nur da, wo die Huren sind, sondern auch da, wo der Freier ist. Im Zweifelsfall also auf dem eigenen Sofa. Die Gesellschaft ist durchdrungen von Huren und Freiern, denn die Huren und Freier SIND TEIL der Gesellschaft. Auch wenn sie das in den wenigsten Fällen vor sich hertragen. Sie sind da und gehen nicht weg. Seit wohl tausenden von Jahren oder so.

Es ist doch so: wer kein Geld und auch sonst nichts kapitalistisch verwertbares hat, hat immer noch wenigstens seinen Körper. Ich denke, die Prostitution, wie wir sie kennen, fällt erst, nachdem der Kapitalismus gefallen ist – und ich glaube, mit beidem können wir gerade nicht zeitnah rechnen.
Wer Prostitution wirklich ehrlich langfristig aussterben lassen will, sollte sich dringendst für ein bedingungloses Grundeinkommen einsetzen. Das meine ich ernst.

Die Frage ist doch aber vielmehr, wie wir bis dahin damit umgehen, mit der Prostitution.
Wegsehen und die Huren sich selbst überlassen und die Gesellschaft sozusagen von der Verantwortung für eben auch DIESEN Teil von sich zu entheben – das ist meiner Meinung nach der falsche Weg.

Ich finde – egal was man von Prostitution halten mag, GANZ egal, ehrlich – zumindest Respekt vor der Person und Arbeitsleistung der Hure sowie ein offener Umgang in der Gesellschaft ist der Schlüssel, wenn man mich fragt. Einfach immer dran denken: jede Hure ist ein Mensch und allein deshalb schon genauso wertvoll wie meinetwegen die Queen. Schlimm, das man das sagen muß.

Und wer auch immer dagegen agiert, wie die Abolitionisten auf jeden Fall, aber auch die Arschlochfreier und viele mehr: die schaden den Prostituierten mehr, als daß es ihnen irgendwie hilft.

  1. Name natürlich geändert [zurück]
  2. s.o. [zurück]
  3. Hervorheb. v. RR [zurück]
  4. Also – Hervorhebungen sind stets von RR [zurück]

____________________

Demnächst wird das Protokoll von Maria* gebloggt. Kann aber noch ein kleines bißchen dauern.

==================
-Ich bin nochmal kurz über den Text drüber und habe noch 2-3 Gedanken mit rein genommen (also nicht wundern).
- Anja


7 Antworten auf „-prostitution- Anja spricht“


  1. 1 nadine 10. März 2014 um 20:24 Uhr

    Ich würde mich als bi­se­xu­ell be­zeich­nen, ob­wohl diese Schub­la­den ja immer so ne Sache sind… denn im ro­man­ti­schen Sinne fühle ich mich nur zu Frau­en hin­ge­zo­gen.

    danke. das du das schreibst ich dachte ich wär die „einzige die so tickt.
    naja, nicht echt, aber dass das wer so konkret bezeichnet.

  2. 2 kackscheiß 12. März 2014 um 10:25 Uhr

    jetzt mal ehrlich die ist doch voll privilegiert, den meisten werden das wohl kaum so locker nehmen können

  3. 3 thoth 12. März 2014 um 13:03 Uhr

    Hm.
    Ich muss zugeben, dass mir nun auch zum ersten Mal in den Sinn kommt, dass Zuhaelter nicht immer die „Boesen“ sind und auch „nuetzlich“ sein koennen. Zumindest bei den jetzigen Zustaenden, an denen dringend etwas geaendert gehoert!
    Da sieht man mal, welch naiven Blick man als Aussenstehender hat! Von den ganzen inneren Dynamiken hat man ja sonst keine Ahnung… aber stimmt, genau wissen will es keiner.

    Damit sich was in den Koepfen aendert, muesste es den Leuten schon vorgekaut werden, am besten eine TV-Serie mit einer Prostituierten als „Heldin“ (Crowdfunding?), so à la „Breaking Bad“ oder „Weeds“, mit allen schoenen und unschoenen Seiten, damit sich die Gesellschaft dafuer interessiert oder ueberhaupt mal versucht, sich empathisch in eine Prostituierte hineinzuversetzen!!!

  4. 4 Administrator 18. März 2014 um 16:09 Uhr
  5. 5 Administrator 19. März 2014 um 2:02 Uhr

    @Kackscheiß: Stimmt, Anja ist vergleichsweise privilegiert – deshalb kommt hier auch noch mal wer anders zu Wort (Geduld bitte, Protokoll ist noch nicht ganz fertig), siehe Intro.
    Gruß

  6. 6 Ariane 19. September 2014 um 20:07 Uhr

    Danke für diese Beiträge, sowohl von Anja als auch Maria.
    Gruss

  1. 1 -prostitution- Maria spricht « Reality Rags Pingback am 21. März 2014 um 17:10 Uhr

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


vier − zwei =