Pädophilie, Homophobie & obdachlose Eltern

Homosexualität in Uganda noch stärker bestraft, Pussy Riot in Sotchi, Homophobie global, Pädophilie, Weisband vs. Matussek, Sexarbeit u. Interview mit Laurie Penny darüber, Mädchensport und obdachlose Eltern.

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Nachdem wegen Herrn Edathy mit dem Begriff „Pädophilie“ mal wieder sehr ahem, „ungenau“ umgegangen wird, ein wichtiger Artikel in der Zeit:

Sind alle Menschen, die Kinder sexuell missbrauchen, pädophil?

Nein. Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch etwa unterscheidet sechs Typen, die sich sexuell an Kindern vergehen. Darunter auch der Nachbar, der in gestörten sozialen Verhältnissen lebt und sich – oft alkoholisiert – an Kindern vergeht, der Sextourist, der sich Sex mit Kindern kauft, weil er alle Bedürfnisse für „käuflich“ hält, oder auch der Perverse, der seinen Drang, andere zu quälen, an Kindern auslebt. Eine Studie der Uni Regensburg aus dem Jahr 2010 kam zu dem Schluss, dass 60 Prozent der wegen sexueller Übergriffe auf Kinder Inhaftierter keine Pädophilie aufwiesen.

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Bei dem Versuch, in Sotchi ein Video aufzunehmen, sind Pussy Riot brutal von Kosaken angegriffen worden – die damit die passenden Bilder fürs neue Viideo lieferten:

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Allgemein Sotchi-News für Sportuninteressierte bei queer.de, zum Beispiel:

20.02, 16:10h Formel-1-Boss Bernie Ecclestone hat den russischen Präsidenten Wladimit Putin und das Gesetz gegen „Homo-Propaganda“ in einem Interview mit CNN verteidigt. „[Putin] hat nicht gesagt, dass er [mit Homosexualität] ein Problem hat. Er sagte nur, dass er diese Dinge nicht gegenüber einem Publikum unter dem Alter von 18 Jahren veröffentlicht haben möchte“, so der 83-jährige Brite. „Mit dieser Ansicht stimme ich komplett überein, und wenn sie eine weltweite Befragung durchführen würden, würden sie herausfinden, dass 90 Prozent der Welt damit übereinstimmt.“

Welch Weltbild…

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Bei all der berechtigten Aufregung um Putin sollte man aber nicht vergessen, daß es anderswo auch beschissen ist, Nicht-Hetero zu sein:

In 31 Ländern Afrikas südlich der Sahara ist gleichgeschlechtlicher Sex verboten. Die Strafen reichen von Gefängnishaft bis zur Todesstrafe in Mauretanien, Sudan und nach islamischem Recht in den nördlichen Bundesstaaten Nigerias. In Südafrika sind die Rechte von Schwulen und Lesben in der Verfassung verankert. Mosambik und Botswana haben jede Form von Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung verboten.

In Nigeria hingegen ist Anfang dieses Jahres das Anti-Homosexuellen-Gesetz verschärft worden. Jetzt gilt es sogar als Straftat, Schwulen Dienstleistungen anzubieten – man darf ihnen kein Haus vermieten, und sogar die Ausstellung eines Rezepts für einen schwulen Mann kann strafbar sein.

In Kamerun, wo homosexuelle Männer regelmäßig im Gefängnis verschwinden, starb ein Schwuler kurz nach seiner Entlassung: Er war in der Haft erkrankt und hatte keinerlei medizinische Hilfe bekommen. Sein Verbrechen hatte darin bestanden, einem anderen Mann per SMS seine Liebe zu erklären.

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Besonders aktuell ist die Verschärfung der Gesetzeslage in Uganda:

Auf heftige weltweite Kritik ist die Entscheidung von Ugandas Präsident Yoweri Museveni gestoßen, ein umstrittenes Gesetz zur Kriminalisierung von Homosexualität doch noch zu unterzeichnen. Nach jahrelangem Hin und Her setzte Museveni am Montagmittag seine Unterschrift unter das Gesetz, das die bestehende und nur selten durchgesetzte Strafbarkeit gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehrs in Uganda auf alles erweitert, was als Förderung, Vorbereitung oder Gutheißen homosexueller Handlungen interpretiert werden kann, und das mit lebenslanger Haft bestraft. Wer solches Verhalten mitbekommt und nicht anzeigt, muss mit sieben Jahren rechnen.

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Auch die Diskussion um Sexarbeit geht weiter:

Die Abgeordneten rufen die Kommission auf, Maßnahmen „zur Reduktion von Prostitution“ zu ergreifen. Konkret fordern sie die europaweite Kriminalisierung von Freiern, Bewusstseinskampagnen und Präventionsstrategien speziell für sozial-ausgeschlossene, arme Menschen.
(…)
Auf den Vorstoß des Ausschusses reagierte das Internationale Komitee für die Rechte der Sexarbeiter_innen in Europa (ICRSE) mit einem offenen Brief. Darin wird die geforderte Freierbestrafung scharf verurteilt. Das Kommittee ist der Ansicht, dass das schwedische Modell nicht das geeignete Mittel sei, um Menschenhandel einzudämmen

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„Mädchensport“ – was das sein soll? Laut britischer Sportministerin angeblich Sportarten, bei denen man sich „schön weiblich“ bewegt. Aha.

So löblich das Ansinnen Helen Grants auch sein mag, mehr Frauen zur Bewegung zu motivieren – eine Sportministerin sollte keine Klischees reproduzieren. Wer vielleicht noch unsicher ist, welcher Sport der richtige ist, könnten durch unbedachte Bemerkungen sogar abgeschreckt werden. Eine Frau, die sich gerne mal am Boxsack versuchen würde, wird vielleicht zögern, wenn alle ihre Freunde behaupten, das sei nur was für Männer.

Vielen fällt es schwer, sich völlig frei von gesellschaftlichen Normen zu machen, weiß auch Sportpsychologin Staufenbiel. Sie hat beispielsweise sowohl in Deutschland, als auch in den USA Fußball gespielt und sich dabei in den Vereinigten Staaten wohler gefühlt. Sie glaubt, dass das auch daran lag, dass Fußball in Amerika kein klassischer Männersport sei. „Generell ist der Sport dort viel positiver besetzt und es wird nicht zwischen Männer und Frauenfußball verglichen – wie es hier häufig vorkommt und wobei Frauen immer schlecht abschneiden“, sagt die Sportpsychologin.

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Und: gute Nachrichten! Homophobie ist heilbar!

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie oft Heterosexualität zur Schau gestellt wird? Paare, die händchenhaltend flanieren; Kolleginnen, die auf der Arbeit von ihrem Freund erzählen; Politiker, die auf Wahlplakaten mit Frau und Kindern posieren; Tanten, die ihren Neffen fragen, ob er schon eine Freundin hat. Wenn Thomas Hitzlsperger aber nicht länger verheimlichen möchte, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt; wenn lesbische, schwule, trans- und intergeschlechtliche Personen in der Schule berücksichtigt werden wollen, dann fühlen sich viele belästigt oder bedroht. In Leserkommentaren ist von „Modeerscheinung“ die Rede, von „permanentem Outing“. Menschen, denen die Allgegenwärtigkeit von Heterosexualität gar nicht auffällt, wird es zu intim, selbst wenn es gar nicht um Sex geht.

Warum ist das so, woher kommt diese Abneigung? Vor allem drei Faktoren beeinflussen die Entstehung von Homophobie: rigide Geschlechternormen, eine fundamentalistische Religiosität und Unkenntnis.

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Interview mit Laurie Penny über Sexarbeit:

Das war in der gesamten Geschichte der Prostitution so: Es gibt Frauen mit Würde und Frauen ohne Würde. Das ist verletzend, nicht nur für Prostituierte, sondern für alle Frauen. Frauen, die mit mehreren Männern schlafen, werden abgewertet. Hier spielt das Patriarchat mit dem Staat zusammen: Die Sexarbeiterin wird aus der Gesellschaft ausgeschlossen, weil die promiske Frau ausgeschlossen werden muss. Denn sie stellt das Patriarchat infrage. Emotionale Arbeit der Frauen ist in unserer Gesellschaft nur dann gut, wenn sie unbezahlt ist: Männer und Kinder lieben und all diese Liebesdienste an ihnen verrichten.

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Sybille Berg ärgert sich darüber
, daß Matussek ernst genommen wird – aber die Berichte von Marina Weisband aus Kiew abqualifiziert werden:

Nach dem Aufenthalt der diplomierten Psychologin, Politikerin, in der Ukraine geborenen, mehrsprachigen und erst 26-jährigen Marina Weisband in Kiew und ihrer Berichte darüber überkam den gemeinen Internetnutzer, Twitter-User und SPIEGEL-ONLINE-Foristen mal wieder das bange Elend. Der Kommentar eines natürlich anonymen Menschen, der sich EGAL nennt, fasst den Großteil der Lesermeinungen recht gut zusammen:

Schnuckelig
egal, 20.2., 06:40 Uhr
Sieht sie ja aus, aber ich denke, die Rolle die sie hier zu spielen gedenkt, ist ihr 4 Nummern zu groß.

Ich sehe in dem zugehörigen Interview mit Frau Weisband kaum Anhaltspunkte, die irgendeine Empörung rechtfertigen. Außer einigen offensichtlichen Systemfehlern. Frau Weisband ist jung, sieht gut aus (das erwähne ich nur, weil es einigen Kommentatoren sehr wichtig zu sein scheint), ist clever und unerschrocken. Das kann einen schon mal an den Rand der Verzweiflung treiben, als behaglich zu Hause sitzender Leser. Vielleicht handelt es sich auch um Leserinnen; aufmerksame Konsumenten meiner Aufsätze hier wissen, dass ich fernab jeder Form von geschlechtsbezogener Diskriminierung agiere (kleiner Scherz, schmunzel, schenkelklopf, Sie verstehen, was ich meine).

Ich habe den bösen, unbestätigten, undifferenzierten Verdacht, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Also eine Frau, aus Kiew? Und die will uns was erzählen? Aber vielleicht irre ich mich. Schwamm drüber, lassen Sie uns nicht streiten. Sie haben alle recht. Wie auch Matthias Matussek, der letzte Woche einen Artikel veröffentlichen durfte, den er mit der Zeile „Ich bin wohl homophob und das ist auch gut so“ überschrieb. Der Rest war auch nicht besser.

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Kinderschutz schreiben sich alle gern auf die Fahnen – aber wenn die Kinder arme, gar obdachlose Eltern haben, setzt sich so schnell dann doch keiner für sie ein:

Schon im Herbst hatten wir die Sozialbehörde aufgefordert, Familienunterkünfte einzurichten, natürlich auch für EU-Bürger. Aus gutem Grund: Unter der Kennedybrücke lebte damals eine bulgarische Familie mit zwei Kindern. Das Jugendamt untersuchte den Fall, kam aber zu dem Schluss, dass keine Kindeswohlgefährdung vorliege. Das sahen wir anders: Nicht durch die Eltern lag eine Gefährdung vor, diese gehen sehr liebevoll mit ihren Kindern um. Sehr wohl aber durch die Umstände: Es kann schließlich nicht angehen, dass Kinder auf der Straße leben. Deshalb brachten wir die Familie auf eigene Kosten in einer Kirchenkate unter. Damals führten wir auch Gespräche über das Thema mit der Behörde und forderten, spätestens zum Winter Unterkünfte für Familien und Geld für ihre Versorgung bereitzustellen. Das wurde als nicht notwendig erachtet. Stattdessen sollte es individuelle Lösungen geben – und die sind dann eben Glückssache. Ergebnis: In den Notunterkünften wird nicht darauf geachtet, ob eine Frau schwanger ist oder nicht. Laut Behörde ist nicht mal bekannt, wie viele Kinder ihren Eltern aus Armutsgründen entzogen wurden.


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