Prism auf Steroid, Rentner-RAF & Goldener Medienpimmel 2013

Asylprotest, „störrische Alte“, Frauen in die Wissenschaften, Schwangerwerdenkönnen, „Behinderung“, gender neutral Periodentracker, „Die Sonnenposition“, Madonna über ihre Vergewaltigung, TOR – sicher, aber mit Risiken & Nebenwirkungen, Überwachung in Sotschi, Who’s afraid of Virginia Woolf?, Waxahatchee und Verleihung des Goldenen Medienpimmels 2013.

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TOR scheint weiterhin nicht die schlechteste Alternative zu sein, auch wenn es Risiken birgt:

So sind anscheinend die grundsätzlichen Sicherheits-Funktionen des Tor-Netzes weiterhin intakt: „Wir werden niemals alle Tor-Nutzer identifizieren können“, zitiert der Guardian aus einer Top-Secret-Präsentation mit dem Titel „Tor stinks“. Mit manueller Analyse sei man lediglich in der Lage, einen sehr kleinen Anteil der Tor-Nutzer zu identifizieren. Insbesondere habe die Agency bislang keinen Erfolg damit gehabt, Anwender auf konkrete Anfragen hin gezielt zu De-Anonymisieren.

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Who’s afraid of Virginia Wolf? Filmreview auf phenomenelle:

Insgesamt ist der gesamte Film konstant linear erzählt, sehr dialoggetrieben und schöpft seine visuellen und narrativen Möglichkeiten kaum aus. Das schränkt die Wirkung des Films und sein emotionales Potential, ein mitreißendes Portrait einer lesbischen Midlife-Crisis zu zeichnen, deutlich ein. Dennoch bleibt Who’s afraid of Vagina Wolf ein unterhaltsamer Film, in dem sich sicherlich die ein oder andere widerfinden wird und der sich schon allein deswegen zu schauen lohnt, um sich danach zu fragen, ob Anna Alberlo wohl wirklich jemals als lebensgroße Vagina Werbung für Nassrasur gemacht hat.

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Jael will keine Einzelkämpferin mehr sein und fordert mehr Frauen in der Wissenschaft:

Anfang des Jahres hatte ich mir vorgenommen, mir eine Reihe von Chemie-Vorlesungen, die das MIT online frei zugänglich macht, anzusehen. Der Kurs wurde von zwei jungen Frauen gegeben. Mir war die Dozentin nach wenigen Sätzen extrem unsympatisch, ich fühlte mich nervös und unwohl, und machte (ohne darüber nachzudenken) das Video aus.
In der Stille danach kamen mir als erstes Karriere-Ängste und Gedanken darüber, wie schwer es für mich als Frau in der akademischen Wissenschaft sein wird, einen guten Job zu finden. Das ist an sich nichts ungewöhnliches – ich habe solche Gedanken oft. Das besondere an diesem Mal war, dass der Anblick einer jungen, kompetenten, objektiv betrachtet sehr sympatischen Wissenschaftlerin mit einer Stelle am MIT mich negativ berührte. Frau möchte meinen, dass mich eine solche Frau, die dem Bild, dass ich von mir selbst in 6/7 Jahren habe, so ähnlich ist, und die so erfolgreich ist, mich inspiriert, mir Hoffnung, Mut, Sicherheit, etc. gibt. Aber statt dessen kam mir immer wieder der (total irrationale) Gedanke: “Mist, am MIT gibt es also schon Frauen wie mich! Und dann ist die noch so kompetent! Mist, der Job ist weg!” Als wenn ich (angehende Informatikerin) je auch nur den Hauch einer Chance auf eine Chemie-Dozentur gehabt hätte!

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Die wunderbare Frau Burmester warnt vor der Rentner-RAF:

Schon wieder wurde in Hamburg ein Haus besetzt – durch Senioren. Privatbesitz, die Krönung kapitalistischer Selbstverwirklichung, durch alte Leute besudelt. Kein Respekt, nirgends. Von niemandem. Bislang meinten vor allem junge Menschen, leerstehenden Raum einfach für sich beanspruchen zu können. Nun wollen auch zunehmend Menschen über 60 Jahre nicht länger mit ansehen, wie Büroflächen und Wohnungen über Jahre leer stehen, packen ihren Groll in ihren Hackenporsche und besetzen Leerräume. „AltersStarrsinn“ nennt sich die rund 20-köpfige Gruppe aufmüpfiger Grauhaariger, die am Dienstag in Hamburg-Ottensen das Planungsdebakel „Vivo“ einnahm.

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Vor einem Jahr schlug das Berliner Protestcamp der Asylsuchenden seine Zelte auf:

Es ist ein Dilemma: Der Protest muss gegen gesellschaftliche und politische Strukturen kämpfen, um eine langfristige Verbesserung der Flüchtlingspolitik zu erreichen. Damit Flüchtlinge dezentral untergebracht werden können, muss etwa zunächst ausreichend bezahlbarer Wohnraum vorhanden sein. Der Alltagsrassismus, den die Flüchtlinge immer wieder beklagen, macht diese Suche nicht einfacher. Gleichzeitig kämpfen Flüchtlinge für die Verbesserung ihrer persönlichen Situation. Niemandem ist es zu verdenken, wenn der Kampf für ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen wichtiger wird als die Debatte über den Kapitalismus. Die Kraft der Bewegung leidet unter diesem Spagat.

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Sotschi wirbt nun nicht mehr bloß mit Homophobiererwartungen sondern macht das ganze Ereignis mit etwas Überwachung noch ein bißchen beliebter:

Russland plant demzufolge, die gesamte Kommunikation zu überwachen. Alles werde mitgeschnitten, abgehört, nach bestimmten Schlagwörtern gefiltert, lokalisiert und mit Daten über den jeweiligen Nutzer versehen für lange Zeit gespeichert. Das gilt für Anrufe per Telefon und Smartphone genauso wie für den gesamten Internetverkehr, die Kommunikation in Chats, E-Mails und sozialen Netzwerken. Es soll möglich sein, einzelne Worte gezielt zu suchen und zu verfolgen. Die Überwachung betrifft demnach auch Anbieter wie Googles E-Mail-Dienst.

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Rezension von Marion Poschmanns „Sonnenposition“ auf der taz-Seite:

Die meisten Gestalten in „Sonnenposition“ sind „Mischwesen“. Als Kind albträumt Mila von einer Puppe, welche die Identität wechselt, später kleidet die Modedesignerin ihre Models in Tiermasken. Und wenn Odilo die Schweinemänner und Hundsdrachen eines gotischen Doms betrachtet, fühlt er sich selbst aus „fragwürdigen“ Teilen zusammengesetzt.

Nur die Patienten scheinen mehrere Leben gleichzeitig zu leben. Dank der Nebenwirkungen ihrer Medikamente wandeln sie zudem in einer Art „Zeitenthobenheit“. Immer wieder sucht der Erzähler nach Bildern für die Zeit. Touristen halten an der Ostsee nach Bernstein Ausschau und finden golden gestauchte Zeit. An Weihnachten isst Altfried Aachener Printen und schmeckt gespeicherte Vergangenheit, schmeckt die Geschichte der Seidenstraße.

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Zum gender neutral Periodentracker geht’s hier entlang:

MCALC the first Gender Neutral Menstruation Calculator.

Mcalc started off as an idea to create a menstruation calculator app that could be used by anyone regardless of their gender, this way our app keeps the trans* and genderqueer community in mind so they can enjoy the features without being constantly misgendered (as with other apps).

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Madonna erzählt, wie sie in den 80ern vergewaltigt wurde (Triggerwarnung):

New York habe zunächst alle ihre Erwartungen enttäuscht, „es nahm mich ganz und gar nicht mit offenen Armen auf“, schreibt sie in dem am Freitag veröffentlichten Artikel weiter. „Im ersten Jahr wurde ich mit gezogener Waffe überfallen. Auf einem Dach vergewaltigt, wohin ich mit einem Messer im Rücken geschleppt worden war, dreimal wurde in meine Wohnung eingebrochen.“

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Rebecca Maskos
über Behinderung und Diskrimination:

„Wir werden nicht als Behinderte geboren, wir werden zu Behinderten gemacht“ – dieser Slogan der Behindertenbewegung ist einfach, aber wahr. Die Abwandlung des Simone de Beauvoir-Klassikers, mit dem sie die Gesellschaftlichkeit von Geschlecht auf den Punkt brachte, könnte eine simple Erkenntnis sein, und doch scheint sie im Fall von Behinderung auf den ersten Blick verwunderlich: Behinderung sei doch eine manifeste Eigenschaft von Körpern, ein Mangel. Wenn ein Arm oder Bein fehlt, Nervenstränge gelähmt sind, dann ist da nichts gesellschaftlich Gemachtes, und auch das fehlende Augenlicht kann man nicht dekonstruieren, könnte man sagen.

Doch der Satz würde nur stimmen, wäre der Mensch bloß Körper und würde es kein Denken und Reden über Körper geben. Zum „Behindert-Sein“ gehört mehr als der körperliche „Defekt“, „Behindert-Sein“ bein- haltet eine kulturelle Tradition von Zuschreibungen, Stereotypen sowie mitleidigen, verachtenden bis hin zu eliminatorischen Praxen. „Behindert-Sein“ beinhaltet auch die Kategorien des bürgerlichen Rechts, das Körper in behindert oder nichtbehindert, Person oder Nicht-Person, Frau oder Mann, deutsch oder nichtdeutsch einteilt. Auch das Konkurrenzverhältnis der Individuen, innerhalb dessen sich Körper in der bürgerlichen Gesellschaft zu bewähren haben, fließt in das Konzept mit ein.

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Waxahatchee in Deutschland:

Sleater-Kinney und Weezer hatten in den 90er Jahren offenbar eine Tochter miteinander, von der bislang niemand wusste und die es irgendwie nach Alabama verschlagen hat. Dort hat Katie Crutchfield früh Gitarre spielen gelernt, gemeinsam mit ihrer Schwester diverse Bandprojekte gegründet und tourt jetzt als Waxahatchee solo durch die Welt, um die Herzen all derjenigen zu brechen, die eine verzerrte Grunge-Gitarre und rohes female Songwriting schon damals liebten.

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Zur Verleihung des „Goldenen Medienpimmels 2013″:

„Und, wer hat nun gewonnen?“, fragten wir uns nach einer besonders ätzenden Sendung, in der noch nicht einmal die sonst obligatorische Quotenfrau dabei gesessen hatte, und beschlossen, eines Tages einmal die „Goldenen Medienpimmel“ zu verleihen. In verschiedenen Kategorien, so richtig mit Pomp und Trallala und einer großen Gala mit Liveberichterstattung und einem Publikum selbstverständlich in sogenannter Abendgarderobe. Wir stellten uns vor, wie der Preis aussehen könnte, mehr eine realistische Abbildung oder eher ein geometrisches Gebilde, und die Liebste scribbelte schnell mal ein paar Ideen auf die Rückseite eines Einkaufszettels.

Ungefähr Anfang des Jahres, mit Beginn des Wahlkampfs, konnten wir diese Talkshows nicht mehr mit der üblichen Mischung aus Spott und Resignation ein paar Minuten lang beobachten – „Das ändert sich wahrscheinlich nie“ und „Lasst die Jungs halt spielen“ – und danach schnell aus- oder umzuschalten. Sie entwickelten sich zu einem fortwährenden Ärgernis, weil uns das eine oder andere Thema tatsächlich interessierte und wir dazu gern unterschiedliche Standpunkte aus verschiedenen Perspektiven gehört hätten.

Ich würde dieses Projekt ausdrücklich unterstützen btw

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Eine weitere Runde bei Antjes Reihe „Letz talk about Schwangerwerdenkönnen“:

“Glückwunsch – du bist ein Mädchen” von den Missy-Macherinnen Sonja Eismann, Chris Köver und Daniela Burger richtet sich an Mädchen selbst, “Das Mädchenbuch” von Elisabeth Raffauf hingegen an Eltern. Beide haben den Anspruch, neues Material zur Verfügung zu stellen, das den veränderten Geschlechterrollen, der weiblichen Freiheit und den inzwischen gewonnenen Einsichten über die Konstruktion von Geschlecht gerecht wird.

Wie wird das Schwangerwerden heute also thematisiert? Wie könnten Mädchen und ihre Eltern dabei begleitet werden, wenn die erste Menstruation kommt? Wie ist die lange feministische wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit dem Thema in populäre Bücher eingeflossen? Darauf war ich sehr gespannt.


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